Erneuerbare Energien stehen seit der Klimadiskussion im Fokus der Öffentlichkeit. Die boomende Branche mit ihren Fördergeldern und zunehmenden Umsätzen ist aber auch für die Börse interessant: Die meisten Konzerne aus den Bereichen Sonnen-, Wind- und Bioenergie sind grundsolide. Doch mit steigenden Aktienkursen wachsen die Risiken für Investoren.
DÜSSELDORF. Unternehmen aus dem Bereich regenerative Energien sind auf dem Vormarsch – auch an der Börse. Steigende Preise für Öl und Gas sowie vermehrte Anstrengungen beim Klimaschutz auf der einen, neue Technologien und staatliche Förderprogramme auf der anderen Seite bilden die Basis für profitables Wachstum der noch recht jungen Unternehmen.
Die Deutsche Börse hat das steigende Interesse der Anleger aufgegriffen und im Juni einen speziellen ÖkoDax kreiert. Der neue Kursindex umfasst die nach aktuellem Marktwert zehn größten börsennotierten Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien. Rechnet man die Aktienkurse bis Anfang Januar 2007 zurück, so hat der Index seitdem um fast 40 Prozent zugelegt und damit fast doppelt so viel wie der Deutsche Aktienindex Dax.
Das verwundert nicht, denn der Markt wächst rasant. Setzte die Branche im vergangenen Jahr weltweit noch 55 Mrd. Dollar um, so sollen es nach einer Prognose der US-Beratungsgesellschaft Clean Edge bis zum Jahr 2014 bereits knapp 230 Mrd. Dollar sein. Doch andererseits besteht angesichts der sehr hohen Bewertung an der Börse die Gefahr einer Kursblase, die platzen könnte – ähnlich wie die des Neuen Marktes, der von 1997 bis 2001 boomte und dann jäh abstürzte. Schließlich ist die Börsenkapitalisierung der zehn im ÖkoDax enthaltenen Firmen inzwischen auf mehr als 21 Mrd. Euro in die Höhe geschossen – ein Vielfaches des voraussichtlichen Umsatzes in diesem Jahr von insgesamt fünf Mrd. Euro.
Infografik: Mehr Fantasie als Substanz
Auch die Schere zwischen Marktwert und bilanziertem Eigenkapital geht zum Stichtag 30. Juni 2007 immer weiter auseinander. Im Durchschnitt beträgt die Relation 5,4 zu eins, beim Rostocker Windturbinenbauer Nordex, der nach dem Einstieg von Suzlon beim Konkurrenten Repower ebenfalls als Übernahmekandidat gilt, sogar das Doppelte. Das verdeutlicht, welche extrem hohen Zukunftserwartungen die Anleger an die Branche haben. „Doch langfristig“, sagt Christian Zwirner von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Kleeberg & Partner in München, „schaffen die Unternehmen nur mit einer Erhöhung des Eigenkapitals Werte.“
Gemeinsam mit der Kommunikationsagentur Kuhn, Kammann & Kuhn (KKK) aus Köln haben die Bilanzexperten die zehn ÖkoDax-Mitglieder umfassend analysiert. Im Zentrum der Studie „Total Balance – Zwischen Performance und Ökologie“ steht die Frage, ob sich die Erwartungen der Börse in den Finanzkennzahlen der untersuchten Unternehmen widerspiegeln. Stützen nüchterne Kennzahlen wie Eigenkapital- und Materialaufwandsquote die mitunter euphorische Markteinschätzung? Greifen die Unternehmen die relevanten inhaltlichen Aspekte der Finanzkommunikation, insbesondere Zukunftsrisiken auf?
Generell gilt: Die zehn OköDax-Unternehmen entwickeln sich ebenso dynamisch wie die übrige Branche. Sie konnten ihre Konzernumsätze im Geschäftsjahr 2006 durchschnittlich um mehr fast 40 Prozent erhöhen und erwirtschafteten eine Umsatzrendite nach Steuern von knapp acht Prozent. Die Unternehmen verfügen im Schnitt über eine sehr solide Eigenkapitalquote von mehr als 50 Prozent und vielfach auch über eine reichlich gefüllte Kasse. Im Schnitt beträgt der Anteil der liquiden Mittel am Gesamtkapital 23,4 Prozent.
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Auch der Blick auf die Vermögensstruktur beruhigt. In neun von zehn Fällen wird die so genannte goldene Finanzierungsregel erfüllt. Nach dieser Regel sind langfristige Vermögenswerte jeweils mit Mitteln zu finanzieren, die dem Unternehmen mindestens genauso lange zur Verfügung stehen. „Eine durchschnittliche Quote von 74 Prozent des langfristigen Vermögens zum Eigenkapital spricht für eine solide Unternehmensfinanzierung“, resümiert Kleeberg-Geschäftsführer Karl Petersen.
Die wesentlichen Vermögenswerte sind zudem Sachanlagen. Befürchtungen, dass die ÖkoDax-Unternehmen wesentliche Investitionen im Bereich der immateriellen Werte vorgenommen haben oder Firmenwerte aus Übernahmen das Bilanzbild prägen, sind unbegründet. Das war bei etlichen TV- oder Kinoproduktionsfirmen vom Neuen Markt ganz anders. Damals entpuppte sich manch teure Filmlizenz als Luftbuchung.
Allerdings sind die operativen Umsatzmargen bei einigen ÖkoDax-Mitgliedern extrem niedrig. So verblieb beim Berliner Solarmodulhersteller Solon 2006 nach Abzug der Aufwendungen für Material, Personal und Abschreibungen vom Umsatz nur eine Marge von 1,49 Prozent, bei Nordex waren es 2,4 Prozent. Das bedeutet: Schon eine leichte Verteuerung der Zulieferungen oder ein geringer Preisrutsch können die Unternehmen in die roten Zahlen drücken.
Beispiel Verbio: Für den ostdeutschen Hersteller von Biokraftstoffen kam es in diesem Jahr knüppeldick. Erst führte der Gesetzgeber völlig überraschend im Januar eine Steuer von neun Cent pro Liter auf Biodiesel ein, parallel schossen die Preise für wichtige Rohstoffe in die Höhe. Der Kraftstoffabsatz brach zusammen, der Aktienkurs auch. Im September fiel Verbio aus dem ÖkoDax. Auch den Solar-Unternehmen droht Ungemach. Im Zuge der Novellierung des Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) denkt der Bundesumweltminister laut über eine deutliche Senkung der Einspeisevergütung für Strom aus Sonnenlicht nach.
Für Anleger, die im Bereich der erneuerbaren Energien investieren wollen, sind deshalb insbesondere zukunftsorientierte Informationen wichtig. „Denn durch eine offene und in sich schlüssige Berichterstattung schaffen die Unternehmen Vertrauen bei den Investoren und Sicherheit am Kapitalmarkt“, sagt Carsten Rossi, Vorstandschef von Kuhn, Kammann & Kuhn. Gerade die noch recht kurze Kapitalmarkthistorie stelle die zehn ÖkoDax-Mitglieder hier vor große Anforderungen: etwa bei der Darstellung des eigenen Geschäftsmodels, aber auch bei der Kommunikation von möglichen Risiken in der Zukunft.

