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27.06.2007 
Rezession wegen Klimawandel droht

Investoren fordern Klimaschutz

von Susanne Bergius

Für Unternehmen geht es beim Umweltschutz und der sozialen Verträglichkeit nicht nur um den guten Ruf, sondern mittlerweile ist die Berücksichtigung dieser Aspekte lebensnotwendig. Das „Carbon Disclosure Project“ stellt Klimasünder an den Pranger - Vorreiter haben bei der Anlagestrategie der Institutionellen bessere Chancen.

Nicht nur der US-Politiker Al Gore versucht das Bewusstsein für die drohende Klimakatastrophe zu schärfen. Foto: dpaLupe

Nicht nur der US-Politiker Al Gore versucht das Bewusstsein für die drohende Klimakatastrophe zu schärfen. Foto: dpa

BERLIN. Rund um den Globus vereinigen sich mächtige Investoren, die von Unternehmen Transparenz zu Emissionen und Klimastrategien fordern und die Aktienanalyse um öko-soziale Kriterien erweitern wollen.

Unternehmen, deren Kerngeschäft die Umwelt belastet oder zu sozialen Missständen beiträgt, setzen nicht nur ihre Reputation aufs Spiel, sondern auch ihr Geschäftsergebnis und ihren Börsenkurs. „Der Einfluss ökosozialer Kriterien auf Aktienbewertungen liegt bei zehn Prozent“, fasst Markus Scholand von der WestLB eine UNEP FI-Studie zusammen. Beträchtlich gefährdet sind auch Kreditwürdigkeit und Profitabilität, wie die Ratingagentur Standard & Poors beispielhaft für die Autobranche berechnete.

Globale Investoren bündeln Kräfte im „Carbon Disclosure Project“

Internationale Großinvestoren, die insbesondere den Risiken entgehen wollen, die der Klimawandel birgt, und die die Chancen des Klimawandels für ihre Anlagen erkannten, haben sich seit 2002 im „Carbon Disclosure Project“ (CDP) verbündet. Die Banken, Versicherer, Pensionsfonds und Asset Manager verwalten ein Vermögen von sagenhaften 40 Billionen Dollar und bilden die weltweit größte Investoreninitiative überhaupt. Die Mitgliederzahl stieg seit 2002 von 35 auf 280. Beteiligt sind unter anderem Münchener Rück und Swiss Re, Allianz, ABN Amro, Commerzbank, Hypo-Vereinsbank, HSBC, ING, UBS, WestLB sowie die großen Pensionsfonds Calpers und ABP.

Die Investoren fordern von mehreren Tausend weltweit größten Börsenkonzernen, dass sie ihre Klimarisiken und Emissionen offen legen sowie Klimaschutzstrategien entwickeln und den Ausstoß von Treibhausgasen deutlich senken.

Die internationale Investorengruppe schätzt, dass 40 Prozent des Wertes ihrer Anlagen „gerechtfertigt als beträchtlich gefährdet bezeichnet werden können“, weil sie bis 2012 von Schwankungen um plus/minus 25 Prozent betroffen sein könnten. Der Klimawandel sei eine "wirklich außerordentliche Herausforderung", heißt es im CDP-Bericht des vergangenen Jahres.

„Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf Schlüsselindustrien, wie Landwirtschaft, Tourismus, Energie, Transport und Versicherungen, sind genauso wichtig wie Zins- und Wechselkursrisiken“, urteilt Henri de Castries, Chef des französischen Versicherers AXA. „Als Investor müssen wir Risiken und Chancen infolge des Klimawandels und anderer Umwelttrends aktiv managen. Die vom CDP gesammelten Informationen helfen uns dabei“, erläutert Win Neuger, Vorstandschef der AIG Global Investment Group.

In einem „Climate Leadership Index“ führt das CDP die Unternehmen an, die ihrer Ansicht nach überzeugende Klimaschutzstrategien verfolgen und damit potentiell bessere Anlagechancen bieten als Wettbewerber. Es benennt auch diejenigen, die sich nicht engagieren. Von den vergangenes Jahr befragten 2100 Konzernen legten 940 Konzerne ihre Daten offen. Sie verantworten zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Diskrepanz zwischen Gewinnern und Verlierern

Wachsende Diskrepanz zwischen wirtschaftlichen Gewinnern und Verlierern

Die Umfrageergebnisse zeigten „die zunehmende Disparität zwischen Gewinnern und Verlierern, Chancen und Risiken“, heißt es im Bericht über die Umfrage unter den im FT500-Index notierten Konzernriesen. Die Investoren bemängeln die große Kluft zwischen einem wachsenden Bewusstsein zum Klimaproblem und unternehmerischem Handeln. Zwar sagten 87 Prozent der Konzerne, der Klimawandel berge für sie wirtschaftliche Risiken oder Chancen. „Von ihnen hat aber weniger als die Hälfte ein konkretes Programm zur Emissionssenkung“, kritisiert, CDP-Koordinator Paul Dickinson.

Klimaschutz jedoch entscheide, ob man zu den Gewinnern oder Verlierern gehöre, die sich durch Treibhausgasvorschriften ergäben, berechnete die Ratingagentur Innovest für das CDP. Das am besten positionierte Unternehmen könnte zusätzliche Renditen von 10,6 Prozent der Gewinne vor Steuern, Zinsen und Amortisation (EBITDA) realisieren. „Das Schlechteste könnte 25 Prozent seines EBITDA durch von Aufwendungen für rechtliche Compliance verlieren“, schreibt Innovest.

Unlängst hatte der Vermögensverwalter SAM berechnet, dass Unternehmen mit guter Bewertung hinsichtlich Klimaschutzaktivitäten in den vergangenen fünf Jahren eine höhere Eigenkapitalrendite hatten als der Branchendurchschnitt. Sie seien bessere Investments, so die Analysten. Emissionssenkung kostet zudem weniger als angenommen, berechnete Innovest für das CDP. Viele Unternehmen könnten mit nur einem Prozent des Gewinns ihre Emissionen um zehn Prozent unter das Niveau von 2005 senken.

Als eines von nur drei der weltweit größten Unternehmen und als einziger Telekomanbieter erreichte die Deutsche Telekom mit 100 Prozent die höchste Wertung im „CDP4 Report 2006“. Ihr gelang, die Entwicklung der CO²-Emissionen durch die Nutzung erneuerbarer Energien vom Energieverbrauch abzukoppeln. Der „Climate Leadership Index“ des CDP listet auch die britische Bank HSBC, die CO2-neutral arbeitet und stark in erneuerbare Energien investiert, sowie den Technologiekonzern GE, der erneuerbare Energien und Niedrigemissionstechnologien für Bahn- und Luftverkehr anbietet.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Große Namen auf der Liste

Zu den acht gelisteten deutschen Unternehmen gehören auch DaimlerChrysler, der Klima schonende Hybridbusse herstellet, Autobauer BMW, der binnen zwei Jahren ein Wasserstoff-Fahrzeug vorstellen will, die Siemens AG, die zunehmend energiesparende Produkte auf den Markt bringt, sowie Bayer und BASF, die ihre CO2-Emissionen reduzieren. Skepsis unter Umweltschützern ruft die Aufnahme von RWE hervor. Der Konzern mache Profite auf Kosten der Umwelt, weil er auf besonders klimaschädliche Kohlekraftwerke setze, lautet die Kritik. In den Index kämen aber die Unternehmen, die gegenüber den ebenfalls im FT500 notierten Wettbewerbern am besten abschnitten, begründet Innovest.

Das CDP prangert die Unternehmen an, die auf die Umfrage nicht reagierten oder eine Antwort ablehnten. Es veröffentlicht online und vor Analysten ihre Namen und beziffert den Kapitalanteil der Investorengruppe. Bei den US-Firmen Guidant, EOG Resources, Lehman Bros und Fannie Mae beträgt er mehr als ein Viertel. „Der Mangel an Transparenz in diesen Fällen sollte den Unterzeichnern des CDP besondere Sorgen machen“, warnt Innovest.

Der öffentliche Druck wirkt. Je mehr Großanleger sich an der Initiative beteiligen, desto mehr Unternehmen legen ihre Daten offen oder verbessern ihre Angaben. Viele, die 2005 zu „The Ugly“ zählten, weil sie Informationen verweigerten, füllten den Fragebogen dieses Mal aus, zum Beispiel American Express, Boing, Disney und Wal-Mart. Es antworteten drei Viertel der FT500-Konzerne, so viele wie nie zuvor.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Deutsche Konzerne hüllen sich noch in Schweigen

Deutsche Konzerne hüllen sich noch in Schweigen

Hingegen verweigerten vergangenes Jahr zwei Drittel der 200 nach Marktkapitalisierung größten deutschen Börsenkonzerne den Aktionären Informationen über Emissionen und Klimaschutzstrategien. Das ergab die erste Deutschlandumfrage, die der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) für das CDP organisierte. Die Rücklaufquote betrug nur 32 Prozent. In Japan füllten zwei Drittel der Konzerne den Fragebogen aus, in Brasilien mehr als die Hälfte, in Frankreich 45 Prozent.

Ein Drittel der deutschen Konzerne lehnte die Teilnahme ganz ab, darunter Industriemaschinenhersteller BayWa, Carl Zeiss Meditec, die Chemiekonzerne Degussa und GEA, Fresenius Medical Care, Jenoptik, KarstadtQuelle, Porsche und Rheinmetall. Zu denen, die nicht antworteten, gehören energieintensive Unternehmen wie Dyckerhoff, Heidelberger Zement, REpower Systems und Vattenfall.

Der BVI erwägt, dieses Jahr den Kapitalanteil der CDP-Investoren an den Verweigerern zu beziffern. Er erwartet, dass die Beteilungsquote höher sein wird, ähnlich dem internationalen Trend. Die Umfrage wurde im Februar gestartet, die Ergebnisse werden im Oktober vorgelegt. „Erkenntnisse über klimarelevante Faktoren rücken für uns als Investmentbranche zunehmend in den Fokus. Durch das CDP erhalten wir die nötigen Informationen“, sagt BVI-Hauptgeschäftsführer Stefan Seip. Das fließe zwar noch nicht in der Breite, aber immer häufiger in Investmententscheidungen der Mitglieder ein.

„Institutionelle Anleger erwarten zunehmend, dass wir Klima- und Umweltschutz bei unseren Vermögensverwaltungsangeboten und der Titelauswahl berücksichtigen sowie Analysen dazu bieten können. Sie nehmen das gerne in Anspruch, und einige Institutionelle lassen dann auch aktive Anlageentscheidungen in diesem Bereich zu", berichtet Michael Korn, Geschäftsführer der Allianz Global Investors KAG. Der Allianz-Konzern selbst ist aber noch nicht so weit.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Der Klimawandel – Risiken und Chancen

„Enhanced Analytics Initiative“: Umweltrisiken in die Finanzanalyse investieren

Trotzdem sagte Allianz-Vorstand Joachim Faber: „Klimarisiken sollten regulärer Teil der konventionellen Aktienanalyse sein.“ Darum beteiligt sich der Konzern am CDP sowie an der „Enhanced Analytics Initiative“ (EAI). Diese internationale Investoreninitiative von Banken, Versicherern, Stiftungen und Vermögensverwaltern mit einem verwalteten Kapital von 1,85 Billionen Euro will durch finanzielle Anreize eine umfassende Aktienanalyse fördern. Die Investoren vergeben mehr Aufträge an Broker, die systematisch in die Finanzanalysen zentrale Nachhaltigkeitskriterien zu Corporate Governance, Sozialem und Umweltschutz, darunter den Klimawandel, integrieren.

An der Initiative sind die Allianz-Töchter Allianz Global Investors, die britische RCM und die französische AGF Asset Management beteiligt, ferner BNP Paribas Asset Management, der Fondsverwalter Robeco und die niederländische PGGM, einer der weltweit größten Pensionsfonds. Noch berät die „Climate Task Force“ der Allianz, inwieweit es für den Konzern relevant ist, den Klimawandel Thema unter Risiko- und Reputationsaspekten bei Investmententscheidungen zu beachten, sagte ein Sprecher auf Anfrage.

Anders die Münchener Rück: Klimaschutzaktivitäten sind bei der Prüfung neuer Beteiligungen als zusätzliches Anlagekriterium zu den traditionellen hinzugekommen. Das CDP liefert dafür wichtige Informationen. Auch beim Screening bestehender Beteiligungen spielt Klimaschutz eine Rolle. Eine mangelnde Klimastrategie sei zwar kein Ausschlusskriterium, könne aber den Ausschlag für einen Anteilsverkauf geben, heißt es bei britischen Investoren.

Der Klimawandel – Risiken und Chancen

Risiken können Produktions- und Kreditausfälle infolge von klimabedingten Stürmen, Hochwassern und Trockenheiten sein, sowie Kosten durch den Emissionshandel. Hinzu kommen mögliche nationale und internationale Gesetzgebung gegen Emissionen und fossile Energieträger und zur Vermeidung von Umweltzerstörung sowie ein verändertes Verbraucherverhalten gegenüber Klimasündern.

Chancen können Unternehmen nutzen, indem sie innovative Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt bringen, die den Klimaschutz berücksichtigen. Überdies können sie frühzeitig durch wirksame Klimaschutzstrategien ihre Risiken und Energiekosten vermindern, höhere Betriebsgewinne erzielen und dadurch auch einen besseren Kapitalmarktzugang haben.

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