Trotz des internationalen Rückstandes der deutschen Branche und Standards existieren hierzulande Pioniere für nachhaltiges Bauen. Gerade in jüngster Zeit wurden Gebäude errichtet, die in Europa ihresgleichen suchen und mit denen die beteiligten Planer, Architekten und Baufirmen teilweise komplettes Neuland betraten.
Wichtig ist ihnen allen, auf die sehr fragwürdige konventionelle Klimatisierung zu verzichten, „denn sie verschlingt teils mehr Energie und Kosten als das Heizen – aber keiner spricht davon“, kritisiert Professor Wilfried Zörner von der Fachhochschule Ingolstadt. Und selbst wenn man Klima-, Heizungs- und Lüftungsanlagen hat, kann man den Energieverbrauch mit modernern Elektronik um bis zur Hälfte verringern. Auch hier scheuen die Betreiber die Investitionen. Eine neue Software von Siemens zeigt, dass sich die Ausgaben viel früher als erwartet und oft schon nach wenigen Monaten amortisieren.
Bei Neubauten aber sollte man ganz auf die Klimaanlagen verzichten, betont Zörner. Einige Büro- und Multifunktionsgebäuden zeigen, dass innovative emissionsfreie Bau-, Energie- und Gebäudetechniken ohne Klimaanlagen funktionieren und dass sie nicht nur enorme energetische Vorteile habe. Sie erhöhen durch deutlich niedrigere Betriebs- und Wartungskosten den wirtschaftlichen Wert der Gebäude gegenüber konventionellen, bei denen Heiz- und Kühlkosten fast schon eine zweite Miete ausmachen.
Das Büro-, Produktions- und Wohngebäude der Firma Alki Technik in Ingolstadt verzichtet auf fossile Energieträger. Durch eine Wärmepumpe erhitztes Grundwasser läuft in Röhren durch Betondecken, Wände und Böden sowie Fensterrahmen, um den Beton zu wärmen, der seinerseits die Räume im Winter wärmt. Im Sommer wird zur Kühlung kaltes Grundwasser durch die Rohre gepumpt. „Die Kombination ist energetisch optimal“, sagt Zörner.
Ein anderes Konzept hat die Halle J des Güterverkehrszentrums in Ingolstadt, die Büros, Werkstätten, Hotel, Restaurant und Filmstudios beherbergt. Ausgeklügelt kombiniert es eine große Wärmepumpanlage, die zum Heizen und Kühlen dient, mit Bayerns erster solarer Klimaanlage. Das sorgt für niedrige und kalkulierbare Betriebskosten. Der Wissenschaftler Zörner ist dabei, beide Bauten energetisch und wirtschaftlich zu vergleichen, um ein motivierendes Handbuch für Planungsbüros zu erstellen.
Das Bürogebäude der großen Schweizer Ingenieurfirma Amstein + Walthert verzichtet ganz auf konventionelle Heiz- und Kühltechnik, so dass kein klimaschädliches Kohlendioxid mehr entsteht. Der Energieverbrauch sank um 80 Prozent gegenüber dem Altbau. Genutzt werden Erd- und Abwärme und auch hier dienen Betonplatten als Speicher zur Kühlung der Raumluft.
Beim Forum Chriesbach der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich fallen keine Heizkosten und geringe Wartungskosten an. Vor der Holzfassade wenden beweglich Glaslamellen im Sommer Wärme ab und lassen im Winter viel Sonne ins Gebäude. Betondecken sorgen als Wärmespeicher für angenehme Raumtemperaturen. Nächtlich Querlüftung kühlt den Beton ab. Ein Drittel des Stroms liefert eine Photovoltaikanlage. „Den etwa 15 Prozent höheren Baukosten stehen spürbar niedrigere Energie- und Betriebskosten als bei konventionellem Baustil gegenüber“, konstatierte Gerold Janzi, Leiter des Baubereichs der ETH-Forschungsanstalten.
„Energiedesign sollte eine nachhaltige Energieversorgung mit schlanker Technik bieten und selbstverständlicher Bestandteil der Architektur sein“, fordert Ingenieur Volker Huckemann vom Institut für Gebäude- und Solartechnik der Universität Braunschweig. Es lägen genügend konkrete Beispiele für die verschiedenen Bausteine von der Fassade bis zur Baukernaktivierung vor und die erforderlichen Arbeitsschritte seien gut in die Planung zu integrieren.
Aber auf den Lehrplänen von Architekten und Ingenieuren steht nachhaltiges Bauen in der Regel nicht. Architekturstudenten der Berliner Universität der Künste ergriffen daher selbst die Initiative und veranstalteten Ende 2006 ein Forum „Neue Perspektiven – nachhaltige Architektur“. Berufspraktiker wie Prof. Manfred Hegger von der HHS Planer + Architekten AG in Kassel und Prof. Peter Hübner von der Plus+Bauplanung GmbH in Neckartenzlingen sowie Fachleute von Universitäten und Forschungseinrichtungen in Weimar, Nienburg, Darmstadt und Stuttgart vermittelten ihre Konzepte und Know how. Der Berliner Nachwuchs will sich dem Thema künftig verstärkt widmen.
Immerhin hat die Architektenkammer Niedersachsen zwei beispielgebende Lehrgänge für Architekten und Ingenieure entwickelt, damit diese sich qualifizieren können, um energiesparend, umweltgerecht und gesund zu bauen. Weil die Architektenkammer damit eine sehr zurückhaltende, nach Expertenmeinung Scheuklappen tragende Berufsgruppe informiert und mobilisiert, erhielt sie im November den Anerkennungspreis des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin.
