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09.07.2007 
Kapitalmarkt

Nachhaltige Investments – mehr als eine Nische

von Susanne Bergius

Umweltschutz geht über den bloßen Umgang mit Biosiegel und grünem Punkt hinaus. Auch bei Geldanlagen spielt die Nachhaltigkeit mittlerweile eine bedeutende Rolle. Die Zeiten, in denen Investments nur den materiellen Reichtum vermehrten, sind vorbei.

Mit nachhaltigen Investments kann man ordentlich Geld verdienen. Foto: dpaLupe

Mit nachhaltigen Investments kann man ordentlich Geld verdienen. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Wer die Umwelt schützen will, kann im Biosupermarkt einkaufen, Energiesparlampen nutzen und weitgehend auf das Auto verzichten. Zusätzlich kann er sein Erspartes „nachhaltig“ anlegen. Das bedeutet, es in nachhaltige Investmentfonds oder Zertifikate zu investieren, die neben den üblichen finanziellen Aspekten zusätzlich ökologische, soziale und ethische Kriterien berücksichtigen. Sie achten darauf, dass Unternehmen schonend mit den natürlichen Ressourcen umgehen, keine Urwälder abholzen, kein Gift im Meer verklappen sowie auf Kinderarbeit verzichten, annehmbare Arbeitsbedingungen bieten und die Menschenrechte achten. Solche Fonds gibt es nicht nur für Aktien, sondern auch für Staatsanleihen.

Fonds und Zertifikate für Privatanleger

Im deutschsprachigen Raum sind inzwischen rund 143 derartige Fonds zugelassen. Sie sind entweder breit gefächerte Nachhaltigkeitsfonds mit unterschiedlichen und verschieden strengen Konzepten oder sie konzentrieren sich auf Umwelttechnik und -dienste beziehungsweise Ethik und Soziales. Es gibt Aktien-, Renten- und Mischfonds sowie einige Dachfonds, die in mehrere Einzelfonds investieren.

Der Markt für derartige Anlagen boomt und wächst um ein vielfaches schneller als der sonstige Fondsmarkt. Das Anlagevolumen hat sich seit dem Jahr 2000 von 1,6 Mrd. Euro auf 22,2 Mrd. Euro bis Ende März 2007 vervielfacht, wie das Sustainable Business Institut (SBI) der European Business School in Oestrich-Winkel dem Handelsblatt sagte. Das SBI bietet die einzige umfassende und komplett öffentlich zugängliche Datenbank zu den im deutschsprachigen Raum zugelassenen nachhaltigen Publikumsfonds (» www.nachhaltiges-investment.org).

Mit solchen Anlagen erzielt man einen doppelten Gewinn: Man muss nicht auf Rendite verzichten und kann doch guten Gewissens anlegen. Die besten von Standard & Poors gerateten nachhaltig investierenden Aktienfonds erzielten über die letzten drei Jahre eine durchschnittliche Rendite von 70 Prozent, errechnete kürzlich die ABN Amro Asset Management. Renditen, Risiken und Volatilität sind mit konventionellen Anlagen vergleichbar, und in Einzelfällen sind höhere Renditen zu erzielen. Das haben inzwischen unzählige Marktstudien erwiesen, sagt Prof. Henry Schäfer von der Universität Stuttgart.

Trotzdem macht dieser Bereich erst etwa ein Prozent des gesamten Fondsmarktes in Deutschland aus. Einer der Ursachen ist, dass die großen Banken ihre durchaus vorhandenen nachhaltigen Produkte nicht vermarkten. Kundenberater wissen oft gar nicht, dass es sie überhaupt gibt, geschweige denn was sie leisten. Darum sind deutsche Anleger im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn am wenigsten mit Nachhaltigkeitsfonds vertraut, wie eine Studie von ABN Amro Asset Management im Dezember ergab: Nur ein Viertel weiß, dass es diese Fonds überhaupt gibt. In europäischen Nachbarländern ist das anders: Drei Viertel der Niederländer wissen um Nachhaltigkeitsfonds. Im europäischen Ausland sind die Anteile am Fondsmarkt denn auch deutlich höher.

Das Wachstumspotential für solche Fonds in Deutschland sei jedoch sehr hoch, so die ABN Amro. 62 Prozent der befragten Privatanleger seien bereit, ihr Geld in ökologisch und sozial verantwortliche Anlageformen zu stecken. Der Vermögensverwalter rechnet mit einer Verdreifachung des Volumens bis Ende 2008.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Institutionelle Anleger bestimmen die Marktentwicklung

Nachhaltigkeitsindizes geben einen Überblick. Illustration: Handelsblatt

Nachhaltigkeitsindizes geben einen Überblick. Illustration: Handelsblatt

Institutionelle Anleger bestimmen die Marktentwicklung

Nachhaltige Publikumsfonds für Privatanleger sind aber nur ein kleiner Ausschnitt des Marktes nachhaltiger Kapitalanlagen. Der größte Teil besteht aus Anlagekonzepten für Vermögende und institutionelle Anleger wie Kirchen, Stiftungen, Pensionsfonds oder Versicherungen. Sie sind die Treiber des „Socially Responsible Investment“ (SRI), wie der international etablierte Begriff heißt. In Europa werden bereits mehr als eine Billion Euro nach nachhaltigen Kriterien verwaltet. Seit 2003 wuchs der Markt real um 36 Prozent, korrigiert um den Wertanstieg des MSCI World. Das ermittelte Eurosif, der europäische Dachverband für nachhaltige Investments in Paris. Dabei sind bloß neun europäische Länder berücksichtigt. Es fehlen die Anlagen in Skandinavien, die beträchtlich sind, weil hier viele Institutionelle nachhaltige Kriterien berücksichtigen. Allein der norwegische Pensionsfonds ist mit schätzungsweise 175 Mrd. Euro einer der größten SRI-Investoren.

Auch in den USA wachsen SRI-Investments seit zehn Jahren schneller als der gesamte Anlagemarkt, errechnete das Social Investment Forum. Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte seien sehr oder teilweise bedeutsam für die Finanzleistung von Unternehmen, urteilen drei Viertel von 180 US-Institutionellen, die die Investmentberatung Mercer vergangenes Jahr befragte. SRI senke Risiken oder steigere Renditen, sagen die Investoren.

In Deutschland weicht die Skepsis zu den Renditen: Drei Viertel der Pensionskassen erwarteten marktfähige Returns, ergab eine Umfrage der Hannover Researchagentur Scoris. „Wir wollen 100 Prozent unserer Anlagen nachhaltig ausrichten. Unsere Erfahrungen sind sehr positiv, wir stellten keine wirtschaftlichen Leistungseinbußen fest“, berichtet Claus Meier, Oberkirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayerns. Die Hälfte der französischen Großinvestoren ist mit der finanziellen Performance ihrer nachhaltigen Investments zufrieden und ein Viertel erwartet, dass sie ihren nachhaltigen Kapitalanteil binnen drei Jahren von aktuell vier Prozent auf mehr als zehn Prozent steigern, wie Umfrage von BNP Paribas Asset Management im Dezember ergab. Anleger verstehen Nachhaltigkeit oft unterschiedlich. Für jeden Geschmack gibt es inzwischen Konzepte. Strenge Kriterien wünschen Kirchen und Stiftungen. Für sie entwickeln Finanzinstitute und spezielle Researchhäuser Spezialfonds und Zertifikate. Sie ergänzen gängige Ratingkriterien mit individuellen Vorstellungen der Kunden, also weiteren Ausschlussfaktoren oder anderen Gewichtungen und Zusatzaspekten beim Best-in-Class-Ansatz, der die nachhaltigsten Unternehmen aller Branchen herausfiltert. Die Bank für Kirche und Caritas in Paderborn legt bereits 60 Prozent ihrer auf dem Kapitalmarkt getätigten Anlagen und 95 Prozent der Aktienanlagen nachhaltig an. Die evangelische Kirche in Deutschland will künftig auch Schwerpunkte bei der nachhaltigen Vermögensanlage setzen, wie sie im Juni „Zweiten Wittenberger Memorandum“ erklärte.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Screening“-Konzepte für Großanleger

„Screening“-Konzepte für Großanleger

SRI geht über das Fondsgeschäft jedoch weit hinaus. Wichtiges weiteres Konzept ist das „Screening“, das Durchleuchten von Aktienportfolien nach nachhaltigen Kriterien. Es führt zu Ausschluss, Über- oder Untergewichtung von Titeln. „Wir verwalten 4,6 Mrd. Euro in 22 nachhaltigen Publikumsfonds und zehn Mrd. Euro in Spezialfonds und Screening/Best-in-Class-Mandaten für Institutionelle“ sagt SRI-Fondsmanager Roland Kölsch von der belgisch-französischen Bank Dexia. „Das sind mehr als 13 Prozent des anvertrauten Vermögens von rund 110 Mrd. Euro.“ Damit gehört sie zu den führenden SRI-Anbietern in Europa.

Screening-Konzepte existieren im europäischen Ausland seit Jahren. In den USA machen derartige Anlagen bereits zehn Prozent des Marktes aus, wie das Social Investment Forum ermittelte. Der norwegische ‚Petroleum Fund’, zweitgrößter Pensionsfonds der Welt, screent regelmäßig seine Aktien- und Anleihenbestände und hat inzwischen bereits rund 20 Beteiligung abgestoßen. Er ist der erste und bisher einzige Investor, der dies auch veröffentlicht und begründet. Unter anderem verkaufte er im Juni seinen Anteil am weltgrößten Einzelhändler Wal Markt, weil der Menschen- und Arbeitsrechte missachte.

In Deutschland bietet die BHF Bank seit 2004 ein Screening an. Sie nutzt das praxiserprobte Konzept des niederländischen Allfinanzkonzerns ING. Es bewertet die Titel der Indizes S&P500 und FTSE300 mit einem „Non-Financial-Indicator“. Vermögende können sich daran orientieren, ihr Portfolio neu gewichten oder kritische Aktivitäten und Branchen ausschließen. Die BHF verwaltet so 13 Mill. Euro. Einen Frühindikator stellt die WestLB ihren Kunden seit 2005 zur Verfügung. Der „Extra-Financial Risk Navigator“ bewertet Nachhaltigkeitsleistungen und Risiken von Unternehmen, Branchen oder Themen. Das Research ist auf Institutionelle zugeschnitten, die ihr Kapital selbst verwalten und sreenen möchten.

Ethische Ausschlusskriterien, Best-in-Class-Konzepte, die Wahl von Ökopionieren, Positiv-Kriterien oder die Mischung aus all dem bilden den Kernmarkt des SRI. „Sein Volumen beträgt in Europa 105 Mrd. Euro“, berichtet Eurosif-Geschäftsführer Matt Christensen

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Lesen Sie weiter auf Seite 4: „Engagement“ lässt Investoren aktiv werden

Strategien nachhaltiger Kapitalanlagen in Europa (Jahr 2006, Volumina in Mrd. Euro). Grafik: HandelsblattLupe

Strategien nachhaltiger Kapitalanlagen in Europa (Jahr 2006, Volumina in Mrd. Euro). Grafik: Handelsblatt

„Engagement“ lässt Investoren aktiv werden

Der gesamte, „breite“ SRI-Markt, der auf einer großzügigeren Auslegung von Nachhaltigkeit basiert, umfasst mehr als 1 Billion Euro. Er enthält erstens das „einfache Sreening“, bei dem Investoren nur Waffen- oder Tabakherstellung oder Menschenrechtsverstöße ausschließen. Bedeutsamer ist aber das „Engagement“, wobei Investoren die Konzerne, in die sie investieren, im Dialog zu nachhaltigerem Wirtschaften bewegen wollen. Der dritte Bereich ist die Integration messbarer nachhaltiger Schlüsselkriterien in die Finanzanalyse (siehe Grafik).

Weil Großanleger ihren Anlagehorizont oft nicht durch strenge Nachhaltigkeitskriterien einschränken wollen, nutzen sie zunehmend ihre Macht als Aktionär, insbesondere in den USA. Sie setzen aktiv Themen bei Hauptversammlungen und vor allem sprechen sie Unternehmen - allein oder mit Verbündeten - direkt an. So warnte der kalifornische Pensionsfonds Calpers mit anderen Großanlegern die Autobauer General Motors (GM) und Ford 2005, Kapitalanteile zu entziehen, falls sie nicht die Treibhausgasemissionen offen legten und Klimastrategien entwickelten. Ford veröffentlichte prompt die geforderten Informationen. Da aber GM sich dazu nicht in der Lage gesehen habe, habe man die Drohung verstärkt, heißt es bei Calpers.

„Engagement“ ist Neuland für deutsche Anleger, aber seit kurzem auch hierzulande möglich. Einen solchen Service bietet der Londoner Vermögensverwalter F&C Asset Management. F&C überprüft permanent gemäß seines „Responsible Engagement Overlay“-Ansatz (reo) die globalen Aktienbestände seiner Kunden zu Unternehmensführung (Corporate Governance), Umwelt, Soziales und Ethik. Dabei ist unerheblich, ob F&C die Aktien verwaltet oder nicht. Im November gab ihm die berufsständische ‚Berliner Ärzteversorgung’ als erster deutscher Kunde ein derartiges Mandat. „Zum hohen Versorgungsniveau gehört für uns auch, nachhaltige Kriterien bei der Vermögensverwaltung zu berücksichtigen, um so langfristig den Wert unserer Kapitalanlagen für unsere Mitglieder zu schützen und zu erhöhen“, erläutert Günther Jonitz, Vorsitzender des Aufsichtsauschusses der Berliner Ärzteversorgung und Präsident der Ärztekammer Berlin.

Ohne die Portfoliozusammensetzung zu ändern, werden dann Interessen und Einfluss vieler Investoren gebündelt. Erstens führt F&C mit Unternehmen kontinuierlich konstruktive Dialoge. Infolgedessen übernahm zum Beispiel IBM 2004 die vorgeschlagenen Verhaltensrichtlinien für Zulieferer zu Arbeitsbedingungen und Umweltmanagement. Zweitens werden Stimmrechte genutzt, um Unternehmen zur Integration internationaler Standards zu drängen. „Wir betreuen mit dem reo-Ansatz ein Volumen von 52 Mrd. Euro“, sagt Claus Heidrich, Leiter der Frankfurter Niederlassung.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Ausweitung der Finanzanalyse

Ausweitung der Finanzanalyse

Vielen Investoren reicht das nicht. Sie kritisieren, dass die traditionelle Aktienanalyse Risiken und Chancen aus ökologischen, sozialen und ethischen Aspekten nicht erkenne. Daher fordern europäische Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Stiftungen mit 1,2 Billionen Euro verwaltetem Vermögen in der „Enhanced Analytics Initiative“ die Integration zentraler Nachhaltigkeitskriterien in die Finanzanalyse. Die Investoren vergeben mehr Aufträge an Broker, die derart umfassende Aktienanalysen machen.

Überdies haben sich inzwischen 180 Vermögensverwalter, Banken, Versicherer und Pensionsfonds mit zusammen acht Billionen Euro verwaltetem Vermögen, darunter die Münchener Rück, verpflichtet, bei allen Kapitalanlagen die vergangenes Jahr verabschiedeten UN-Prinzipien für verantwortliches Investieren zu beachten. Deren Analysten sind also aufgefordert, diese Aspekte bei der Finanzanalyse zu berücksichtigen. Ein Projekt der World Economc Forum Global Corporate Citizenship Initiative namens „Mainstreaming Responsible Investment“ versucht ebenfalls, unter konventionellen Kapitalmarktteilnehmern mehr Bewusstsein für das Potenzial sozialer und ökologischer Aspekte auf die Finanzperformance von Investitionen zu wecken.

Die Integration von Umwelt- und Sozialleistungen in die Finanzanalyse wird sich in zehn Jahren etabliert haben. Das erwarten drei Viertel von weltweit mehr als 190 institutionellen Investmentmanagern, die die Mercer vor einem Jahr befragte. 83 Prozent erwarten, dass „Active Ownership“ 2010 allgemeine Praxis ist.

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