Ökologische, soziale und ethische Kriterien bilden den Grundstock für die Beurteilung von börsennotierten Unternehmen. Aus der Masse an Material erstellen die Analysten Nachhaltigkeitsprofile und Ranglisten. Die Untersuchungen bilden die Basis für Indizes, Investmentfonds, Zertifikate und Vermögensverwaltungen.
BERLIN. Wie erfahren Anleger sowie Nachhaltigkeitsindizes und -fonds, welche Unternehmen sozial und ökologisch verantwortlich und auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten? Ob die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter in Fabriken und bei Zulieferern annehmbar sind? Ob Unternehmen Emissionen und Ressourcenverbrauch senken und ökologisch vertretbare Produkte umweltschonend herstellen? Antworten geben Analystenteams, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisieren.
Vor Jahren führte die Branche noch ein Exotendasein, „heute ist sie international fest etabliert, weil die Nachfrage von Anlegern nach entsprechenden Informationen stetig wächst“, sagt Professor Henry Schäfer von der Universität Stuttgart. Er untersuchte weltweit rund 70 Ratingagenturen sowie Researchabteilungen in Banken und bei Anbietern von Wertpapierindizes. Namhafte unabhängige Agenturen sind Imug in Hannover und Oekom Research in München. Scoris in Frankfurt gehört zur Triodos-Bank. Die Analysten beurteilen weltweit Tausende börsennotierte Unternehmen und Staaten anhand von bis zu 200 ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien. Sie nutzen einerseits Informationen der Unternehmen wie gedruckte Nachhaltigkeitsberichte oder Firmeninformationen im Internet. Sie senden den beobachteten Unternehmen umfangreiche Fragebögen und besuchen sie. Andererseits werten sie externe Quellen wie Datenbanken, das Internet, die Medien und wissenschaftliche Forschungsprojekte aus. Und sie nutzen Einschätzungen von Umwelt- oder Menschenrechtsgruppen. Aus dieser Flut von Material erstellen die Analysten Nachhaltigkeitsprofile und Ranglisten, „CR-Ratings“ genannt. CR steht für Corporate Responsibility, zu Deutsch unternehmerische Verantwortung
Die Agenturen haben ähnliche Prozesse. Da sie aber sehr verschiedene Gewichtungen und Kriterienkataloge verwenden, kommen sie zu teils großen Bewertungsunterschieden. Zudem verfeinern sie aufgrund neuer Erkenntnisse, gesellschaftlicher Bewertungen oder Anfragen von Kunden ihre Methoden. Ein aktueller Trend ist beispielsweise, die Zahl der Bewertungskriterien zu verringern, Kernkriterien stärker zu gewichten und die Anforderungen zu erhöhen. Diese Änderungen erschweren den Vergleich der Ratingagenturen untereinander. Selbst die Ratingergebnisse ein und derselben Agentur aus verschiedenen Jahren sind oft nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.
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Trotzdem sind Nachhaltigkeitsratings für Investoren und Vermögensverwalter eine unerlässliche Informationsquelle. Die Methoden entsprechen der Bandbreite der Anlegerinteressen. Die können das Konzept wählen, das ihnen zusagt. Um ihnen den Vergleich zu erleichtern, haben sich 16 Research- und Ratinghäuser 2004 zu zehn von der EU-Kommission unterstützten Qualitätsprinzipien verpflichtet. Alle Ratingagenturen müssen ihre Konzepte, Methoden und Techniken auf einer Transparenzmatrix detailliert darstellen. Diese Matrix wird in den nächsten Monaten auf den Webseiten der Agenturen veröffentlicht.
Die meisten Agenturen benchmarken Firmen einer Branche. Scoris macht auch branchenübergreifende Vergleiche.
„Man sollte Managementqualitäten eines Energiekonzerns denen einer Bank gegenüberstellen“, sagt Geschäftsführer Axel Wilhelm. Das zeige, wie aktiv sich die Führung um Lösungen für gesellschaftliche Probleme bemühe. Dieses Jahr hat die Agentur aber auch Branchenkriterien eingeführt. Die Agenturen konzentrieren sich meist auf ökologische und soziale Aspekte, denn es gibt anerkannte Finanzratings. „Unser Know-how liegt im Ökologischen und Sozialen. Unsere Kunden filtern aus dem von uns ermittelten Universum nachhaltig wirtschaftender Unternehmen die für sie auch finanziell interessanten Titel“, erläutert Robert Haßler, Vorstandschef von Oekom. Bei ihr machen soziokulturelles und Umweltrating meist je 50 Prozent des Urteils aus. Scoris gewichtet Umweltfaktoren mit 20 bis 40 Prozent.
Die Schweizer SAM Indexes hingegen, die die Zusammensetzung des weltweit tonangebenden Dow Jones Sustainability Index (DJSI) verantwortet, bewertet für jede Branche drei Dimensionen nachhaltigen Wirtschaftens: Ökonomische, ökologische und soziale Leistungen haben je ein Gewicht von einem Drittel.
Die meisten CSR-Ratings basieren auf der „Best in class“-Methode: Sie filtert je Branche die „besten“ Konzerne heraus. Weil die Methoden so verschieden sind, liegen die Gesamturteile manchmal weit auseinander. So liegen bei SAM beispielsweise Daimler, Renault, Toyota und Volkswagen dicht beieinander, und es folgt Branchenleader BMW, während die japanischen Autobauer bei Oekom auf Platz sechs und bei Scoris nur auf Rang neun stehen.
Eine weitere Diskrepanz ist, dass die Autobranche, obwohl der Autoverkehr viele Treibhausgase verursacht, gut abschneidet. Grund: „Die Ratings gewichten stark, wie transparent Hersteller berichten, welche Umweltmanagementsysteme sie haben, wie sie Ressourcen schonen und Zulieferer zu Umweltschutz und Menschenrechten fordern“, erklärt Hendrik Garz, Leiter Nachhaltigkeitsresearch von der WestLB. Die Wirkungen der Produkte selbst fielen zu wenig ins Gewicht.
Zwar berücksichtigen Ratingagenturen inzwischen das Kriterium Flottenverbrauch. Doch die Konzerne machen dazu keine oder unvollständige Angaben, wie Analysten berichten. Lastet man das den Herstellern an oder dem Gesetzgeber, der sie nicht zu Informationen verpflichtet? Vor solch kniffligen Fragen stehen Analysten der Ratingagenturen. Immerhin gewinnt das Kriterium an Bedeutung – wer nicht berichtet, erhält schlechte Noten. Expertenschätzungen helfen kaum, weil sie weit auseinanderliegen.

