Klimaschutz ist „in“. Immer mehr multinationale Unternehmen bekennen sich zu seinen Zielen oder investieren in erneuerbare Energien. Doch die praktischen Hürden für Klimastrategien sind oft hoch - und manche Ökonomen betrachten die Effekte dieses Engagements sogar mit Skepsis.
Bekenntnisse zum Klimaschutz sind längst zum Allgemeingut geworden. Doch wie steht es um konkrete Maßnahmen? Foto: dpa
BERLIN. Der Logistikdienstleister DHL Express profiliert sich in Sachen Umweltschutz: Mindestens zehn Prozent der Fahrzeugflotte sollen in diesem Jahr auf Erdgas und alternative Antriebe umgestellt werden, zugleich erhalten alle 500 Kuriere ein umweltschonendes Fahrtraining. Dadurch sollen die Emissionen bis Jahresende um bis zu zehn Prozent sinken. Auch der Rückversicherer SwissRe setzt auf Klimaschutz, er bezahlt seinen Mitarbeitern bis zu 5000 Schweizer Franken, wenn sie ihre privaten CO2-Emissionen senken - etwa durch den Kauf eines sparsamen Autos, einer Jahreskarte für die Bahn oder die Installation von Solaranlagen. Bis 2011 sollen mindestens zehn Prozent der Beschäftigten mitmachen, vergangenes Jahr nahmen bereits fünf Prozent teil, berichtete das Unternehmen im Januar.
Auch andere Unternehmen und Finanzinstitute werden aktiv. Manche beziehen dabei das Konzept der "Klimaneutralität", indem sie sowohl Energie sparen und Erneuerbare Energien einkaufen als auch unvermeidbare Emissionen durch den Ankauf von Klimazertifikaten "neutralisieren". Die Münchener Rück
will 2012 klimaneutral sein, die KfW Bankengruppe ist es schon, die BayernLB peilt es für dieses Jahr an.
Die Allianz
hingegen hält davon gar nichts. Schließlich betreffe das nur die eigenen direkten Emissionen, ein Klacks gegenüber den durch die Finanzbranche finanzierten Emissionen der Wirtschaft. Der Allfinanzkonzern ist daher Ende 2007 ein Bündnis mit der Umweltschutzorganisation WWF eingegangen, um in den nächsten drei Jahren zu erforschen, wie hoch dieser indirekte CO2-Fußabdruck ist - mit dem ehrgeizigen Ziel, ihre Klima- und Produktstrategie danach ausrichten und ein Vorbild für die Branche zu sein.
Selbst wenn nicht jedes Unternehmen derart ehrgeizige Ziele und Zeitvorgaben wie die Allianz
formuliert, so bekennen sich doch immer mehr multinationale Unternehmen zum Klimaschutz. Sie handeln nicht nur aus bloßer moralischer Verantwortung, sondern um Risiken zu mindern, Kosten und Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern zu senken oder die wirtschaftlichen Chancen zu nutzen, die sich aus Klimastrategien ergeben. Umwelttechnologiebranchen wie die Erneuerbaren Energien werden dadurch in den nächsten Jahren starke Wachstumsimpulse erhalten.
Beispielsweise dadurch dass PepsiCo
in den nächsten drei Jahren mehr als 1,1 Mrd. Kilowattstunden Erneuerbare Energien einkauft. Mit einem Schlag ist der Getränkehersteller seit Mitte 2007 Spitzenreiter unter den Grünen-Strom -Einkäufern
der USA, wie eine Aufstellung der US-Umweltagentur EPA zeigt, die das Unternehmen dafür lobt. Auf der Liste stehen auch Wells Fargo,
Whole Foods Market,
Johnson & Johnson,
Starbucks,
DuPont
sowie die Luftwaffe, EPA selber und das Energieministerium.
Die British Telekom
(BT),
die 0,7 Prozent des britischen Stroms verbraucht, stellte bereits ab Ende 2004 komplett auf Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Koppelung um. Seit 1996 sanken die Emissionen um 60 Prozent, Ziel ist, sie bis 2016 um 80 Prozent unter das Niveau von 1006 zu drücken. Die angepeilte Verminderung entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von gut 300000 Haushalten. Durch seine konsequente Strategie habe das Unternehmen 1,15 Mrd. Pfund eingespart, lobte die Business Week, als sie BT
vergangenes Jahr zum Spitzenreiter der Emissionsminderung kürte. Durch eine Reduzierung der Emissionen bei den Fahrzeugen von 38 Prozent hätten sich die Einsparungen nahezu verdoppelt, hieß es.
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In den USA strebt die "Green Power Market Development Group" die Installation neuer, wettbewerbsfähiger erneuerbarer Energien-Anlagen mit zusammen 1000 Megawatt Leistung bis Ende des Jahrzehnts an. Dieser bereits vor einigen Jahren gegründeten Initiative unter Federführung des World Resources Institute (WRI) gehören inzwischen 15 Unternehmen an. Zwischen 2001 und Ende 2007 haben die Firmen nach Angaben des WRI zusammen mit externen Partnern 700 MW Leistung aufgebaut oder erworben - etwa die durchschnittliche Größe zweier Kohlekraftwerk. Zu den Unternehmen gehören Starbucks,
Dow Chemical
Company und Google.
Die Initiative hat inzwischen einen europäischen Ableger, an dem sich neben Europa-Töchtern einiger US-Konzerne British Telecom,
Holcim,
IKEA, Michelin,
Nike
CSC und Tetra Pak beteiligen. Die Gruppe hat in den vergangenen zwei Jahren 50 Standorte in 16 Ländern umweltverträglicher gemacht durch den Zukauf grünen Stroms und eigene neue Erneuerbare-Energien-Projekte im Umfang von 100 MW.
Klimaschutzziele und Emissionsziele zu formulieren ist jedoch gar nicht so einfach. Selbst Unternehmen, die seit Jahren viel für Energieeffizienz und Emissionssenkung tun, tun sich schwer damit. Beiersdorf
zum Beispiel hat in seinem ersten Nachhaltigkeitsbericht zwar dargestellt, was in den 90ern und insbesondere seit 2004 an allen Standorten der Welt erreicht wurde. Doch Ziele zur CO2-Reduktion oder dem Einsatz Erneuerbarer Energien sucht man vergebens. Mobilfunkanbieter o2 Germany hatte sich 2006 das Ziel gesetzt, bis Ende 2008 klimaneutral zu wirtschaften. Inzwischen besteht dieses Ziel so nicht mehr. "Es ist schwer zu erreichen, weswegen wir unsere Umweltstrategie zurzeit überarbeiten. Wir haben gelernt, dass Energieeinsparung, Energieeffizienz und der Bezug grünen Stroms an erster Stelle stehen muss und der Kauf von Klimaschutz-Zertifkaten zur CO2-Neutralisierung nur eine ergänzende Maßnahme ist", sagt Christoph Steck, Leiter des Bereichs Corporate Reputation & Responsibility des Unternehmens.
Die Deutsche Post
formuliert in ihrem Nachhaltigkeitsbericht, die Emissionen aus den eigenen Straßentransporten bis 1012 um 5 Prozent gegenüber 1990 senken zu wollen. Das scheint nicht sehr anspruchsvoll, Ziele zum sonstigen Geschäftsbetrieb fehlen. Da aber die Emissionen des Bodentransports von 1990 bis 2004 entgegen dem Kyoto-Protokoll um 23 Prozent stiegen, hat die Post viel zu tun. Die Deutsche Telekom,
die hierzulande 0,5 Prozent des Stroms verbraucht, ist viel weiter: Sie entkoppelte seit 1995 ihren leicht gestiegenen Strombedarf von den CO2-Emissionen: Sie sanken um vier Prozentpunkte und sollen sich mit Hilfe von EE-Zertifikaten bis 2010 halbieren.
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Problematisch kann auch sein, wenn ehrgeizigen Zielen plötzlich eine ungünstige wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens in die Quere kommt. So hatte die Citigroup,
die weltweit größte Bankengruppe, im Frühjahr 2007 angekündigt, sie wolle in den nächsten zehn Jahr 50 Mrd. Dollar in den Klimaschutz investieren. Inzwischen hat die US-Kreditkrise die Bank stark erschüttert, sie wies im vierten Quartal einen Verlust von 9,8 Mrd. Dollar aus. Nun ist fraglich, ob sie wie angepeilt verstärkt die Kommerzialisierung und Verbreitung alternativer Energien und saubere Technologien bei ihren Kunden, sich selbst und anderen Märkten finanzieren und beratend unterstützen kann. Immerhin: die Citigroup
hat davon bereits fast zehn Mrd. Dollar investiert, um bis 2011 ihre Treibhausgasemissionen um zehn Prozent zu verringern.
Trotz aller Unternehmensinitiativen ist Skepsis angebracht. "Noch immer werden Effizienzgewinne durch das Wirtschaftwachstum aufgebraucht", kritisiert Ulrich Steger vom Managementinstitut IMD in Lausanne. Allen voran nennt er die elektronische Aufrüstung der Haushalte, auch mit Telekommunikationsprodukten, und den Flugverkehr. Die Transportleistung der Lufthansa
zum Beispiel stieg von 1991 bis 2006 um 231 Prozent und damit fast doppelt so stark, wie die CO2-Emissionen, aber die Emissionen erhöhten sich laut eigenen Angaben eben auch: um 122 Prozent. Steger bezweifelt, ob das aktuelle Klimaschutzengagement der Unternehmen dauerhaft und effektiv ist.
Anlass dazu gibt es genug: Fast ein Drittel der Unternehmen verfügt gar nicht über ein Monitoring der eigenen CO2-Emissionen, geschweige denn der indirekten Emissionen der Zuliefererkette, schlimmer noch: sie planen nicht einmal, daran etwas zu ändern. Dies ergab im Mai 2007 eine Befragung von weltweit 630 Managern aus Industrie- und Dienstleistungsunternehmen durch die "Economist Intelligence Unit". Nur zehn Prozent der Unternehmen sagten, sie überprüften den Klimaeffekt für das gesamte Geschäft. Ein Viertel erfasst manche Emissionen - aber auch nur teilweise, heißt es in der Studie "A Change in the Climate". Ihr Fazit: Noch immer handeln Unternehmen erst, wenn Reputation oder Geschäft bedroht sind, statt neue Geschäftschancen zu nutzen.
