Der Merkel-Motor läuft zum Start der Internationalen Automobilausstellung (IAA) auf Hochtouren. Erst unterstützt die Kanzlerin erwartungsgemäß die deutsche Autoindustrie bei deren Bemühen, die in Europa für 2012 drohende Höchstgrenze für den Ausstoß von klimaschädigendem Kohlendioxid (CO2) nach Fahrzeugklassen zu staffeln, dann kann sich die ehemalige CDU-Bundesumweltministerin Seitenhiebe auf die lange Zeit PS-verrückten Autobosse nicht verkneifen.
FRANKFURT. „Wenn man sich ein paar Jahre nicht gekümmert hat, kann man es nicht von einem auf den anderen Tag aufholen“, entgegnet die Bundeskanzlerin Audi-Chef Rupert Stadler, der ihr stolz die Hybrid-Technik der Ingolstädter vorführt. Während der kombinierte Verbrennungs- und Elektroantrieb aus Germany nicht vor 2008 serienreif ist, feiert Toyota ein paar Hallen weiter Hybrid-Jahr Nummer zehn.
Gleich darauf eine Kehrtwende á la Merkel, als sie den deutschen Herstellern „großes Selbstbewusstsein“ bescheinigt, „dass selbst da, wo wir noch was nachzuholen haben, wir das schaffen.“ Einen Audi mit 5,5 Litern Verbrauch findet die Kanzlerin „schon sehr beeindruckend“. Stadler legt nach: „Ich würde sagen: Das ist eine Top-Ingenieurleistung.“ Die gelernte Physikerin kontert sofort: „Ist da ein Hybrid-Anteil drin?“
In der von Daimler in Beschlag genommenen Jahrhunderthalle lässt sich Merkel zwar die automobile Oberklasse erläutern, nimmt aber im Kleinwagen Smart Fortwo Platz. Konzernchef Dieter Zetsche sieht es nüchtern: „Auch die Bundeskanzlerin ist eine Politikerin. Und zurzeit ist es wahrscheinlich kleidsamer, in einem Smart als in einer S-Klasse zu sitzen oder entsprechend einem anderen Oberklasse-Fahrzeug. Das ist völlig o.k.“ Die hybride Kanzlerin, die zwischen Stolz auf die Leistungen der deutschen Ingenieure und Verwunderung über das späte Umwelt-Erwachen der Autobosse schwankt, ist ein passendes Sinnbild für die heute von ihr in Frankfurt eröffnete 62. IAA.
Interessiert ließ sich die bekennende Golf-Fahrerin Merkel Kleinwagen wie den Smart mit Elektroantrieb, die Studie Up! von VW und den Opel Flextreme vorführen, die niedrige Verbrauchs- und CO2-Werte aufweisen. Die deutschen Hersteller zeigten, dass es möglich sei, „Spaß an Technik, mehr Komfort und bessere Umweltverträglichkeit miteinander zu verbinden“, sagte die Kanzlerin. Merkel deckte der Industrie den Rücken, sprach von „riesigen Fortschritten“, welche die Autoindustrie in punkto Umweltschutz quer durch alle Segmente geschafft habe. „Diese IAA wird eine besondere sein“, sagte die Kanzlerin und verwies auf die wirtschaftlichen Chancen. „Diese innovative Stärke kann uns Märkte der Zukunft erschließen.“
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Die deutschen Hersteller hätten ihre Unterstützung bei der Forderung, die CO2-Reduktion auf die verschiedenen Fahrzeugklassen fair zu verteilen, sagte Merkel. Sie sehe gute Chancen, „zu vernünftigen Regelungen zu kommen“. Die EU-Kommission will den CO2-Ausstoß bis 2012 im Flottendurchschnitt auf 120 Gramm pro Kilometer begrenzen. Vor allem deutsche Hersteller, die schwere und PS-starke Wagen im Programm haben, fordern laxere Grenzwerte für größere Autos. Wie eine gesetzliche Regelung aussehen wird, ist offen. Am Mittwoch hatte der europäische Automobilverband Acea die EU-Kommission aufgefordert, den Herstellern mehr Zeit zu gewähren und nicht nur die Autoindustrie in die Pflicht zu nehmen. Die Hersteller sähen sich nicht in der Lage, schon 2012 im Alleingang eine verbindliche EU-Vorgabe einzuhalten.
Der Präsident des deutschen Branchenverbandes VDA zahlte Merkel die Unterstützung mit gleicher Münze heim. „Die Bundeskanzlerin hat ein Ohr für die Anliegen der Autoindustrie“, bescheinigte Matthias Wissmann seiner Parteifreundin. Gemeinsam hatten beide am Kabinettstisch von CDU-Altkanzler Helmut Kohl gesessen. Merkel als Umwelt- und Wissmann als Verkehrsminister. Die Kanzlerin sagt Unbequemes, als sie die Hersteller auffordert, „an jeder Stelle des Automobils“ zu prüfen, wie der Ausstoß des Treibhausgases CO2 verringert werden könne. Es gebe keine andere Wahl, als dem Klimawandel entgegenzuwirken.
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Vor dem Eingang zur IAA protestierte unterdessen die Umweltschutzorganisation Greenpeace gegen die Modellpolitik der deutschen Hersteller. Aktivisten verwandelten drei Autos der Marken Audi, BMW und VW mit besonders hohem Verbrauch mit Hilfe von rosa Farbe, Schnauzen und Ringelschwänzchen in „Klimaschweine“.
Im Mittelpunkt der IAA stehen in diesem Jahr die Versuche der Branche, Spritverbrauch und CO2-Ausstoß der Fahrzeuge zu senken. Ab Samstag öffnet die Messe ihre Tore bis zum 23. September auch für Privatbesucher.
