Als „Sports Activity Coupé“ bezeichnet BMW den X6: Eine Mischung aus Sportwagen und Allradler. (Bild: BMW)
dpa-infocom HAMBURG. Als erstes "Sports Activity Coupé" der Welt bringt BMW Ende Mai den X6 in den Handel. Zwar behält der dynamische Vetter des großen Allradlers X5 zu Preisen ab 55 800 Euro vier Türen, die erhöhte Bodenfreiheit und die robuste Statur eines Geländewagens.
Doch sucht die Silhouette mit dem kurz hinterm Fahrer stark abfallenden Dach die Nähe zum Coupé. Und stärkere Motoren sowie eine pfiffige Weiterentwicklung des Allradantriebs rücken den X6 auch näher an einen Sportwagen als jeden anderen Offroader.
V8 testet Gesetze der Physik
Besonders deutlich wird das beim Topmodell X6 xdrive 50i, für den BMW einen neuen Achtzylinder mit Doppelturbo entwickelt hat. Der 4,4-Liter große Benzindirekteinspritzer leistet maximal 300 kW/407 PS, bringt bis zu 600 Newtonmeter auf die Straße und macht mit seinem heiseren Grollen jede Musikanlage überflüssig. Obwohl der Allradler alles andere als windschnittig ist und stattliche zwei Tonnen wiegt, beschleunigt ihn der V8-Motor, als wäre das Gesetz von der Trägheit der Masse nie entdeckt worden: Mit einem Sprintwert von 5,4 Sekunden hat er 100 Kilometer pro Stunde (km/h) schneller erreicht als manche Sportwagen. Und ein Zwischenspurt auf der linken Spur zeigt, dass der Vortrieb bei Tempo 250 ohne das elektronische Limit noch längst nicht vorbei ist.
Teurer Schluckspecht
Den Preis für das Vergnügen zahlt man allerdings nicht nur beim Händler, der für das Topmodell fast 20 000 Euro Aufschlag verlangt. Sondern man blutet vor allem an der Tankstelle, weil der V8 trotz der Durstbremsen aus dem "Efficient Dynamics"-Paket schon im Normzyklus 12,4 Liter braucht und der Bordcomputer gerne auch mal 15 Liter und mehr anzeigt.
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DPC macht den X6 zum König der Kurven
Weil es zum sportlichen Fahren neben einer ordentlichen Beschleunigung auch ein hohes Maß an Querdynamik braucht, hat BMW den Allradantrieb xdrive weiterentwickelt und den X6 als erstes Modell mit der "Dynamic Performance Control" (DPC) ausgestattet. Während die Kraft bei den anderen X-Modellen nur zwischen Vorder- und Hinterachse dosiert wird, verteilet sie dieses Getriebe nun im Heck auch zwischen dem rechten und dem linken Rad. Das spürt man vor allem in schnellen Kurven, wenn die Kraft auf die äußere Seite konzentriert wird. Dann lenkt der Wagen flotter ein und kommt leichter um die Kurven.
Wie bei jedem Coupé zahlen vor allem die Passagiere im Fond den Preis für die schöne Form - selbst wenn BMW dem X6 die hinteren Türen gelassen hat und statt der üblichen Dreierbank nur zwei Einzelsitze einbaut. Während man vorne so gut sitzt wie im X5 und außer der Schaltwippen und der beiden Kniepolster auf dem Mitteltunnel keinen Unterschied spürt, müssen Hinterbänkler Kompromisse machen. Zwar kann man über die Kniefreiheit bei knapp drei Metern Radstand auch im Fond nicht klagen. Doch muss man beim Einsteigen spürbar das Haupt beugen. Und obwohl es hinter dem Türholm noch einmal aufwärtsgeht, wünschen sich große Menschen im Fond etwas mehr Kopffreiheit.
Eingeschränkte Sicht und mehr Kraft fürs Einräumen einplanen
Auch ganz hinten geht Form vor Funktion: Obwohl es der X6 bei einem Stauraum von 570 bis 1 450 Litern mit manchem Kombi aufnehmen kann, macht er Lademeistern das Leben nicht leicht. Weil es statt der horizontal geteilten Heckklappe des X5 eine bis weit ins Dach hineinreichende Glashaube gibt, muss man Koffer und Kisten erst über eine hohe Brüstung wuchten, bevor man sie im Kofferraum verstauen kann. Zudem kann der Fahrer durch die schräge Heckscheibe kaum etwas sehen, so dass BMW den X6 hinten nicht ohne Grund serienmäßig mit einer Einparkhilfe ausrüstet. Doch haben die Bayern auf solche Kritik die richtige Antwort: Wer mehr Platz braucht, flexibler sein will und seine Entscheidung im Kopf statt im Bauch fällt, für den gibt es ja auch weiterhin den praktischeren X5.
Fazit: Der Sportler unter den Geländegängern
Natürlich können die stärkeren Motoren und die DPC die Gesetze der Physik nicht vollends außer Kraft setzen. Doch gibt es momentan kaum ein anderes so großes und schweres Auto, das so leichtfüßig durch die Kurven eilt wie der X6. Dass der Verbrauch des Achtzylinders jenseits von Gut und Böse ist, weiß auch BMW und hat deshalb auch einen Sechszylinder und politisch korrekt zwei Diesel im Programm. Und dass der X6 ein Schnäppchen würde, durfte nach einem Blick in die X5- Preisliste keiner erwarten. Aber wer seinen Geländewagen nur wegen der guten Aussicht kauft, sich ein wenig von den Nachbarn abheben möchte, die meiste Zeit zu zweit unterwegs ist und nicht auf den letzten Euro schauen muss, der wird den größeren X6 durchaus genießen und die gut 3 000 Euro Aufschlag gerne zahlen.
