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02.07.2007 
Autotest

Brilliance BS6: Der lahme Scheinriese

von Franz Rother, Wirtschaftswoche

Der Brilliance BS6 ist das erste chinesische Auto auf dem europäischen Markt. Müssen die deutschen Hersteller den Newcomer fürchten? Rallye-Pilotin Jutta Kleinschmidt ist den Brilliance Probe gefahren – und hat ein ein durchwachsenes Urteil abzugeben.

Brilliance BS6: Beschleunigt schlecht, riecht schlecht, crasht schlecht. Lupe

Brilliance BS6: Beschleunigt schlecht, riecht schlecht, crasht schlecht.

Brilliance? Von der Automarke, ich gebe es offen zu, hatte ich bis vor Kurzem noch kein Wort gehört. Nur Experten wussten mit dem Namen etwas anzufangen und vielleicht sogar zu erzählen, dass sich hinter der Marke die Shenyang Brilliance Jinbei Automobile Company verbirgt, die als erstes chinesisches Unternehmen seit 1992 an der New Yorker Börse notiert wird und seit 2003 im Nordosten der Volksrepublik zusammen mit Partner BMW ein Automobilwerk betreibt, in dem heute neben der 3er- und 5er-Baureihe von BMW auch der Brilliance Zhonghua montiert wird.

In Europa wird der Zhonghua seit Kurzem vom Generalimporteur HSO unter der Modellbezeichnung BS6 - und zum Discountpreis von rund 23 000 Euro angeboten. Für eine Stufenhecklimousine der oberen Mittelklasse ist das ein echter Kampfpreis: Ein gleich großer 5er-BMW zu dem gleichen Preis hat bereits mehrere Jahre und etliche 10 000 Kilometer auf dem Buckel. Ist der Newcomer also ein Auto, das die deutschen Hersteller fürchten müssen? Bei Testfahrten in der Eifel habe ich die Frage zu klären versucht.

Schein und Sein

Auf den ersten Blick sieht der BS6 Deluxe recht gut aus. Meine Freunde bei Ital-Design, Giorgio und Fabricio Giugiaro, haben einen guten Job gemacht und den Brilliance hübsch eingekleidet. Von vorne sieht er wie ein Mischling aus Lancia Thesis und Opel Vectra aus, das Heck erinnert ein wenig an Mazda, ein wenig an Mercedes. Die Linienführung ist gefällig, üppiger Chromschmuck setzt zusätzliche Glanzlichter. In der serienmäßigen Metallic-Lackierung, mit den serienmäßigen Leichtmetall-Felgen und den hellen, ebenfalls serienmäßigen Ledersitzen, die durch die serienmäßige Colorverglasung schimmern, ist der Chinese eine respektable Erscheinung.


Bildergalerie Bildergalerie: Der Brilliance im Crashtest


Auch aus der Nähe gibt es nichts zu bekritteln: Der Lack ist sauber aufgetragen, die Karosserie sauber verarbeitet - die Spaltmaße stimmen. Der gute Eindruck setzt sich beim Öffnen des Innenraums leider nicht fort. Das Design des Interieurs ist zwar ansprechend. Man merkt allerdings auch schnell, wo gespart wurde: Die Plastikteile sind irgendwie alle beigegetönt, aber offenbar bei unterschiedlichen Zulieferern geordert; die Lederbezüge könnte man auch für Kunststoff halten und sind zudem nur nachlässig über das Sitzgestell gezogen, und die Holzleiste, die sich über den Armaturenträger zieht, ist Plaste durch und durch.

Wie in einer Chemiefabrik

Ohnehin riecht es im Innenraum wie in einer Chemiefabrik. Der Sitzkomfort vorne wird nur kleingewachsene Menschen zufriedenstellen: Mit meinen 1,73 Meter hocke ich hinter dem großen Lenkrad wie ein Affe auf dem Schleifstein, viel zu hoch und ohne jeden Seitenhalt. Zudem kommt mein Kopf dem Dachhimmel sehr nah. Dankenswerterweise verfügt der Wagen serienmäßig über ein Glasschiebedach, was nach oben für ein wenig Freiraum sorgt. Hinten ist die Kopffreiheit zwar um einiges besser. Die Füße haben aber nur wenig Platz, weil sie nicht unter die Vordersitze geschoben werden können. Dafür findet man sich in dem Auto schnell zurecht - sämtliche Bedienelemente sind da, wo man sie erwartet. Oder zumindest in der Nähe: Um an die Hebel für den Blinker und die Scheibenwischer zu kommen, muss ich die Finger ganz schön strecken. Und die Taster für die Fensterheber sind nur mit Verrenkungen zu erreichen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beschleunigung ist ein Fremdwort.

Lupe

Saus und Braus

Eine Motorleistung von 130 PS ist für ein Auto, das knapp 1 500 Kilo auf die Waage bringt, nicht sehr viel. Was die Leistungswerte auf dem Papier vermuten lassen, bestätigt sich im Fahrbetrieb: Der BS6 ist hoffnungslos untermotorisiert. Es fehlen wenigstens 20 PS, um ordentlich im Verkehr mitschwimmen zu können. Egal, welchen Gang man gerade eingelegt hat: Beim Tritt aufs Gaspedal tut sich lange erst mal nichts: Beschleunigung ist für das Auto ein Fremdwort. Jenseits von 150 km/h wird es brummig, bei 130 km/h etwas ruckelig, sodass sich meine Reisegeschwindigkeit auf der Autobahn schließlich bei 120 Stundenkilometer einpendelt. Dennoch schluckt der Vierzylinder im Schnitt mehr als 10 Liter Superbenzin.

Auch daran sieht man, dass der Motor, den Brilliance bei Mitsubishi zugekauft hat, veraltet ist. Die Chinesen haben deshalb wohl auch ihrem BS6 einen Tank mit einem Fassungsvermögen von 74 Litern mitgegeben. Über die Fahrwerk, das bis auf Weiteres ohne den Schleuderverhinderer ESP auskommen muss, kann ich nicht klagen. Der Wagen ist angeblich mithilfe von Porsche Engineering komfortabel abgestimmt worden und federt grobe Fahrbahnunebenheiten gut aus. Dafür ist die Lenkung leider sehr schwammig und überaus träge geraten: Auf Bewegungen am Lenkrad reagieren die Räder stets mit einer gewissen Verzögerung. Vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten habe ich mich manchmal gefragt, ob mein Lenkbefehl tatsächlich bis zu den Vorderreifen durchgedrungen ist. Im Stadtverkehr ist mir die Servounterstützung außerdem zu gering.

Schalten und Walten

Der Brilliance wird derzeit ausschließlich mit einer Fünfgang-Handschaltung ausgeliefert, später soll auch eine Automatikversion folgen. Wie die Automatik mit dem schwachen Motor klarkommen soll, ist mir allerdings ein Rätsel. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es unter den Interessenten an dem Auto eine große Nachfrage nach einer Automatik gibt. Denn die Handschaltung ist hakelig und etwas unpräzise. Freude am Fahren kann da nicht aufkommen. Die Bremsen reagieren zügig und kraftvoll, allerdings arbeitet der Blockierverhinderer ABS etwas grobknochig. Auch hier merkt man: Der BS6 ist ein technisch veraltetes Fahrzeug in einem modernen Gewand. Dass der Wagen bei europäischen Crashtests schlecht abgeschnitten hat, kann man sich denken. Überprüfen möchte ich das lieber nicht.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der niedrige Preis des Brilliance relativiert sich schnell.

Geld und Kapital

23 000 Euro sind ein Wort, mit dem Preis ist der Brilliance konkurrenzlos günstig: Meine Mutter hat für ihren deutlich kleineren VW Polo immerhin fast 21 000 Euro bezahlt. Der niedrige Preis des Chinesen relativiert sich allerdings schnell, wenn man das Auto einmal im Alltagsverkehr erlebt hat. Ich fühlte mich jedenfalls bei der Beschäftigung mit dem BS6 an den Scheinriesen Tur Tur erinnert, den ich vor vielen Jahren in einer Erzählung von Michael Ende kennenlernte. Jener Tur Tur wurde der Mär nach umso größer, je weiter man sich von ihm entfernte und immer kleiner, je näher man ihm kam. Mit einigen Metern Entfernung wirkt auch der BS6 sehr respektabel. Aber wenn man erst einmal hinter dem Lenkrad Platz genommen und erst recht, wenn man den Motor anlässt, ist von der Faszination des niedrigen Preises nicht mehr viel übrig. Auch sollte man bedenken, dass der Wagen einen hohen Wertverlust haben dürfte - wenn man sich nach sechs oder acht Jahren nach einem neuen Wagen umschaut, wird man den Brilliance wahrscheinlich verschenken müssen. Es sei denn, man bleibt der Marke treu und wechselt zum Nachfolgemodell, das dann sicherlich um Klassen besser sein wird: Die Chinesen lernen schnell.


Technische Details

Motor: Reihen-Vierzylinder, Hubraum 1997 ccm, Leistung 130 PS, Drehmoment 195 Nm bei 4 000 Umdrehungen.

Getriebe: Fünfgang-Handschaltung.

Fahrleistung: 0-100 km/h in 12,5 Sekunden, Spitzengeschwindigkeit: 195 km/h.

Kraftstoff-Verbrauch: Nach ECE-Norm: 10,0 Liter Superkraftstoff, Testverbrauch: 11,2 Liter. Tankinhalt: 74 Liter.

Fahrwerk: Einzelradaufhängung, Frontantrieb.

Wendekreis: 10,97 Meter.

Gewicht Leer: 1445 kg.

Kofferraumvolumen: 550 Liter.

Preis/Kosten Basispreis: 22 950 Euro, Testwagen: 22 950 Euro.


Quelle: Wirtschaftswoche

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