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17.04.2008 
Cabrio-Trends 2008

Das gute alte Stoffdach kehrt zurück

von Chris Löwer

Ungeachtet des unbeständigen Wetters floriert in Deutschland das Cabrio-Geschäft. Derzeit sind 1,5 Millionen offene Autos in einem Land unterwegs, das eine Jahresmitteltemperatur von knapp zehn Grad Celsius zu bieten hat.

BERLIN. Europaweit ist Deutschland bei den Cabrio-Neuzulassungen Spitze. Gefolgt von England, das noch weniger für Cabrio-Wetter bekannt ist. Was zählt ist wahrscheinlich weniger der Blick in den blauen Himmel als das Design und der Status. Offen fahren gilt als Luxus. Deshalb bringen die Hersteller so viele Frischluftautos auf den Markt wie nie. Jüngste Neuzugänge sind der 1er-BMW und der Audi A3. Beide Marken setzen – wie kaum eine andere – auf Cabrios. BMW bietet bereits mit dem Z4, 3er und 6er offene Modelle an und bringt jetzt den neuen 1er in die Schauräume der Händler.

Der Autobauer setzt in der Edel-Golf-Klasse wieder auf ein Stoffverdeck anstelle des Stahlklappdaches wie beim großen Bruder, dem 3er Cabrio. Das Verdeck lässt sich in 22 Sekunden automatisch während der Fahrt bis Tempo 40 öffnen und schließen. Das ist Komfort, den Frischluftfanatiker hinterm Steuer schätzen, weil lästige Stopps und umständliches Fingern bei heranziehenden Regenschauern entfallen. Dabei darf man es aber nicht zu eilig haben: Ab 50 Stundenkilometern wird der Vorgang automatisch abgebrochen.

Die Münchener zeigen, dass Sicherheit und gutes Design durchaus zusammen passen. Bei einem Crash schnellen in Sekundenbruchteilen zwei Überrollbügel hinter den Fondkopfstützen empor. Es stört kein Henkel die elegante Silhouette wie etwa beim neuen Audi A3 Cabrio, der wegen seiner fest installierten Höcker in der Nachfolge des offen Golfs auch liebvoll „Erdbeerkörbchen“ genannt wird.


» Bilderstrecke: Die aktuelle Cabrio-Marktübersicht


BMW hat sich einem weiteren alten Problem angenommen, das Cabrio-Fahrer seit Generationen quält: Ein spezielles Leder für die Sitze heizt sich in der Sonne bei geöffnetem Verdeck weniger auf als herkömmliches, was Träger von Bermuda-Shorts oder kurzen Röcken erfreuen dürfte.

Grund zur Freude wird auch die Vertriebsmannschaft der Bayern haben: Im letzten Jahr wurden mit drei Modellen rund 80 000 Cabrios verkauft, nun sollen es mithilfe des Einsteigermodells kräftig mehr werden. Ob die Rechnung aufgeht, wird auch davon abhängen, ob der 1er nicht den 3er kannibalisiert: Denn der Kompakte ist 8 000 Euro günstiger, leichter, agiler und aktueller.

Zudem droht mit dem Audi A3 Cabrio direkte Konkurrenz. Der Ingolstädter verfügt über ähnliche Maße und ein ähnliches technisches Konzept. Auch hier hält man von Stahlklappdach-Experimenten wenig, die technisch aufwändig und in der Praxis anfällig sind. „Der offene A3 steht in bester Tradition der Audi Cabriolets: Wie bei allen anderen offenen Autos unserer Marke haben wir uns für ein Softtop entschieden. Das gilt auch für zukünftige Cabriolet-Modelle. Ein Audi-Cabriolet ist und bleibt ein Cabriolet mit Stoffdach“, sagt der scheidende Vertriebs- und Marketing-Vorstand Ralph Weyler.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Tatsächlich hat ein Stoffverdeck klare Vorteile

Tatsächlich hat ein Stoffverdeck klare Vorteile: Es ist leichter, was der Fahrdynamik und dem Verbrauch zugute kommt, es ist wartungsärmer und lässt sich kompakter falten, was den Kofferraum größer bleiben lässt, der bei geöffneten Stahl-Varianten oft auf Handtaschengröße zusammenschnurrt. Außerdem vergehen gerade mal neun Sekunden, bis das Verdeck verschwunden ist.

Bei Audi argumentiert man überdies, dass moderne Stoffhauben längst so komfortabel sind wie Hardtops. Zumindest wenn man beim A3 gegen Aufpreis das so genannte Akustik-Verdeck ordert, das den Wagen laut Audi sogar besser als ein Stahldach gegen Windgeräusche und Kälte dämmt.

„Die Alltagstauglichkeit war uns sehr wichtig“, betont man daher bei Audi. Konstruktiv beschert der A3 tatsächlich einige praktische Vorteile, die man bei einem Spaß-Auto nicht unbedingt erwartet. Nachdem das Verdeck in dem Kasten hinter der Rückbank verschwindet, bleibt das Kofferraumvolumen mit 260 Litern stets gleich. Man kann es sogar auf 674 Liter vergrößeren, weil sich die geteilte Rückbank umlegen lässt, womit sich sogar bei einer Ladelänge von anderthalb Metern ein Fahrrad transportieren ließe.

Zum einen wird das durch eine hohe Verwindungssteifigkeit der Karosserie möglich, zum anderen durch den optischen Makel zweier Überrollbügel, die sich bei BMW oder Mercedes – im SLK – dank eines pyrotechnischen Auslösemechanismus nur bei Bedarf zeigen.

Mit dem Einsteiger-Cabrio besetzt Audi eine weitere Nische und erwartet sich gute Verkäufe. „Wir haben mit dem A3 das Segment der Premiumkompakten begründet. Jetzt erweitern wir das Angebot um eine dritte Karosserievariante, das Cabriolet“, sagt Audi-Vorstand Ralph Weyler, der nun eine ähnliche Erfolgsgeschichte erwartet. Außerdem füllt der Kleine die Lücke, die das vor Jahren ersatzlos gestrichene Golf Cabrio im VW-Konzern gerissen hat. Zwar ist der „Eos“ auf Passat-Basis hinter dem Peugeot 207 CC und vor dem BMW 3er das meistverkaufte Cabrio in Deutschland, doch wird er mit seinem Stahlklappdach und recht hohem Preis nicht als legitimer Golf-Nachfolger gesehen.

Ohnehin scheint das Pendel der noch ein Jahr zuvor favorisierten Blechdachlösungen, etwa von Volvo, Mercedes, Opel, Ford und Renault, wieder in Richtung Stoff auszuschlagen. Neben handfesten Vorteilen vermittelt diese Lösung beim Käufer reines Cabrio-Gefühl, was in dem sehr emotional besetzten Segment nicht unterschätzt werden sollte. Chrysler beschreitet mit dem neuen „Sebring Cabrio“ einen dritten Weg: Der Viersitzer wird wahlweise mit beiden Dachsystemen angeboten.

Nun kann man nur noch auf schönes Wetter hoffen. Oder man hält es gleich mit dem Claim zum neuen BMW 1er Cabrio: „Bringt den Sommer auf jede Straße.“


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