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15.10.2008 
Tumminellis Designkritik

Elektroroller Vectrix: Der leise Held

von Paolo Tumminelli

Der leise Held der Kölner Motorradmesse Intermod heißt Vectrix. Der elektrische Roller aus den USA wird in Polen gebaut und begeistert Europa. Trotz kleiner Mängel zum Start empfinden einige Vectrix-Kunden fast religöse Zuneigung für ihren Roller.

Elektrisch durch die Kurve: Der Vectrix kommt aufeine Leistung von 27 PS und soll herkömmlichen Groß-Rollern Konkurrenz machen. Foto: PRLupe

Elektrisch durch die Kurve: Der Vectrix kommt aufeine Leistung von 27 PS und soll herkömmlichen Groß-Rollern Konkurrenz machen. Foto: PR

Manch eine Revolution beginnt leise - und unsichtbar. Wenn man den Vectrix in seinem Konzept kritisieren möchte, dann nur deswegen, weil er wie ein ganz normaler, großer Roller aussieht. Dass er elektrisch fährt - eine Sensation und sein eigentliches Hauptmerkmal - sieht man ihm nicht an. An der vorderen Seite der Verkleidung klebt nur der Schriftzug "electric".

Für Ihre Vorreiterrolle hat die börsennotierte Firma aus Rhode Island einen Platz in der Geschichte der Mobilität verdient - alleine deswegen, weil sich die Großen der Branche nicht auf das Elektroterrain trauen. In der Automobilbranche läuft es ähnlich: Das einzige Hochleistungselektroauto kommt weder aus Detroit noch aus Stuttgart, sondern aus Kalifornien. Ungewöhnliches Business entsteht offensichtlich eher an ungewöhnlicher Stelle.

"Business as usual" lautete vergangene Woche die Devise auf der Messe Intermot, dem Treffpunkt der Motorradbranche in Köln. Die Anbieter kümmern sich vor allem um den Spaß beim Fahren. Motorräder und-roller sind zu Sportartikeln mutiert, selbst in integrierten Mobilitätskonzepten sind die Zweiräder kaum noch vertreten.

Das ist ein Fehler, wie die Stadtbilder in den südlichen Ländern Europas verdeutlichen. Ein Roller kann die Lücke zwischen Fahrrad und Automobil im Stadtverkehr und auf kleinen Strecken perfekt ausfüllen. Italien, wo der Motorroller nach dem Ende der Vespa- und Lambretta-Ära zu einem praktischen Status-Symbol avancierte, kann hier ausnahmsweise als Vorbild punkten. Dort wird Elektromobilität, anders als in Deutschland - in der Tat ein ziemlich peinlicher Fall für ein derart ökosensibles Land - staatlich gefördert. Mit einer monetären Prämie im vierstelligen Eurobereich für den Erwerb und die spätere Befreiung von der KFZ-Steuer für fünf Jahre.

Auch Vectrix wollte zunächst Italien erobern - was nur zum Teil gelungen ist. Möglicherweise wurde bei einem offiziellen Verkaufspreis um die 10 000 Euro die Kaufkraft des italienischen Volks überschätzt: Von den im Jahr 2007 knapp 2 000 produzierten Exemplaren wurden in den USA, Italien und Neuseeland lediglich ein paar hundert Stück verkauft.

Designkritik: Der Vectrix im Detail

Die ersten Geräte litten laut Webberichten unter kleinen und größeren Mängeln. Die Vertriebs- und Preispolitik wurde zudem mehrfach willkürlich angepasst - verständlich, wenn man das Inventar verringern muss. Kann passieren. Doch sensationell ist nicht das, was passiert ist, sondern wie es passiert. Wäre der Roller konventionell und würde er von einem großen Konzern stammen, würde man von einer Katastrophe reden.

Bei Vectrix ist die Rede von Liebe und nahezu religiöser Zuneigung - von deutschen Kunden, die 2 000 Kilometer fahren, um einen Roller in Rom zu kaufen. Von australischen Händlern, die 2 000 Kilometer fahren, um einem Kunden zu helfen. Von anstandslos und kostenlos ersetzten Rollern. Von Kunden, die miteinander reden. Und von Kunden, die direkt mit dem Entwicklungschef reden, zum Beispiel über notwendige Verbesserungen wie die einer Lithium-Ionen-Batterie.

Mittlerweile wurde der Vertrieb erweitert, auch auf Deutschland. Die Verkaufszahlen steigen stetig. Obwohl die Aktie noch leidet, ist das Geschäft kein Misserfolg. Manch eine Revolution beginnt leise und langsamer als man denkt - mit großem Pathos und wunderbaren Pionier-Geschichten. So hat vor 100 Jahren Automobilität begonnen - auch in Deutschland.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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