Die Dragster-Szene misst sich in der Eifel mit einem entfernten Verwandten: dem 580 PS starken Audi RS6. Der Kombi im grauen Einheits-Look wandelt mit seinem V10-Biturbo unter einem Vertreterauto-Gewand auf dem Grat zwischen Understatement und Massenware und kann dennoch begeistern - auch Dragster-Fahrer.
Man sieht ihm die Leistung nicht an - unter der Haube des neuen Audi RS6 Avant steckt jedoch ein Zehnzylinder-Aggregat mit 580 PS. Foto: dpa
Es riecht ziemlich streng nach verbranntem Gummi, aber das ist offenbar der Reiz. Rauchschwaden ziehen über den Flugplatz. Ein schwarzer US-Pick-up schickt gerade mit Vollgas die Weißwandreifen seiner Antriebsräder ins Nirwana - so sieht das Warmfahren auf Dragster-Art aus. Schließlich müssen die riesigen Slick-Walzen vor dem Start auf Temperatur kommen, damit sie den nötigen Grip aufbauen. Und die Zuschauer wollen was sehen, der eigentlich postpubertäre Kraftakt gehört zur Show.
Heute stehen nur einige Dutzend Fans an der Strecke in Bitburg in der Eifel, an regulären Rennwochenenden kommen schon mal 1 000 Motorsport-Wahnsinnige zusammen. Der auf Beschleunigungsrennen spezialisierte Veranstalter "1on1-Motorsports" hat zum ersten Testlauf für die neue Saison gerufen.
Etwa 30 Autos sind dabei: Neben einer Armada exzessiv getunter Käfer und amerikanischer Hubraumwunder vergangener Jahrzehnte steht die Abteilung "günstige Gebrauchtwagen und Exoten." Einen grasgrünen Audi
80 ziert ein monströser Kühler, der Böses erahnen lässt. Einige Meter weiter ein Subaru-Rallye-Ableger Impreza WRX ganz in Schwarz. Und die Riege älterer 3er-BMWs gewinnt zwar keinen Schönheitspreis, dafür quietschen im Rennen selbst beim Einlegen des zweiten und dritten Gangs die Antriebsräder.
In diese Melange haben wir den wohlerzogenen Audi
RS6 geschickt. Der Kombi im grauen Einheits-Look wandelt mit seinem V10-Biturbo unter einem Vertreterauto-Gewand auf dem Grat zwischen Understatement und Massenware. Doch die Autofans beim Dragster-Rennen erkennen hinter den dezent ausgestellten Kotflügeln, die an den Ur-Quattro erinnern sollen, den wahren Kern: "der neue RS6, 580 PS, geiles Auto". Klick, Beweisfoto für daheim.
Zwischen den aufgemotzten Karren, deren Maschinen aus viel zu kleinen Motorräumen quellen, steht der Audi
im feinen Business-Anzug da wie einer, der sich auf den Bolzplatz verirrt hat. Die Leistungsdaten des derzeit stärksten Serien
-Audi sprechen hingegen eine klare Sprache: 5,0 Liter Hubraum mit Zwangsbeatmung, 0-100 km/h in 4,6 Sekunden. Klarer Fall von Dragster-Philosophie, Serienautos in Raketen zu verwandeln.
Die Regeln des Rennens nach amerikanischem Vorbild sind schlicht: Man stelle zwei Autos auf eine lange Gerade, beschleunige über eine Viertel-Meile mit allem, was man hat, und gucke, wer schließlich gewinnt. Also sehr hilfreich: viel, viel Leistung. Der 1962er Nova-Chevy von Norbert Schneider tritt mit 750 PS und Lachgaseinspritzung an. Er verzichtet bewusst auf extremen Leichtbau, er legt Wert auf Original-Optik: "Die Stahl-Karosserie soll möglichst unverändert bleiben", sagt Schneider. 1260 Kilogramm bringt sein Chevy auf die Wage.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: VW-Käfer: Von 0 auf 100 km/h in unter drei Sekunden
Ingo Körber testet erstmals seinen neuen VW Typ 3 "Hot Chocolate". Der Wagen aus den Sechzigern könnte die Viertel-Meile unter zwölf Sekunden schaffen. Im Alltag fährt der 36-Jährige einen Audi
A6 Avant TDI. Und hält den RS6 durchaus für rennstreckentauglich: "Ich würde ihm eine 13er-Zeit zutrauen", sagt Körber. Damit wäre der Audi
in der Einstiegsklasse gut aufgehoben. Die dort startenden Autos sind zwar auf dem Papier straßenzulassungstauglich, in Wahrheit aber von der Serie meilenweit entfernt. Der Audi
punktet dagegen mit schierer Leistung, die die Kraft auch ohne Slicks auf die Straße bekommt. Aber das macht keinen Dragster-Piloten glücklich: Für einen echten Racer ist der Audi
mit seinen zwei Tonnen Leergewicht viel zu schwer: "Wenn er leichter wäre, könnte er ganz andere Zeiten fahren", sinniert Körber.
Der RS6 wäre nach einer Diät seine Allrounder-Qualitäten natürlich los. Schließlich verkauft Audi
den Sportkombi zuallererst als seriösen Geschäftswagen, der seinen Fahrer gleichermaßen zügig und entspannt über die Autobahn kutschiert. Das gilt zumindest in der Fahrstufe "D", in der der Audi
so ziemlich alles kann. In der Fahrstufe "S" hält der Motor stur 6 000 Umdrehungen, bis der Fahrer richtig hart aufs Gas tritt. Und dann lässt es sich der Sechs-Gang-Automat nicht nehmen, bei Zeiten in den nächst kleineren Gang zu schalten und die volle Leistung des V10 bei der leisesten Gemütsregung des Fahrers in Schub umzusetzen.
Dass ein Auto noch vehementer loslegt, ist zumindest im Straßenverkehr ungehörig. Doch was mit entsprechend reduziertem Gewicht möglich ist, zeigt die Flotte von Rennkäfern. Wegen seines geringen Gewichts ist der kleine Klassiker ein beliebter Gegner für die amerikanischen Hubraumriesen. Außerdem hat er den Motor auf der Hinterachse sitzen, das ist gut für den Anpressdruck. Jens Böhmig hat in seinem 600 Kilogramm leichten Käfer Baujahr 1967 einen aufgebohrten Motor aus dem VW-Porsche 914 mit über 200 PS samt kurz abgestimmtem Getriebe verbaut. Seine Bestzeit auf der Viertel-Meile: 12,08 Sekunden. Für den Laien übersetzt heißt das: 0-100 km/h in unter drei Sekunden, keine Chance für den RS6.
Beim Start sieht es so aus, als würde der Käfer von einem Katapult geschleudert. "Auf der Ziellinie rennt er dann bei Höchstdrehzahl knappe 180 km/h", sagt Böhmig. Für den Banker und ehemaligen Profi-Surfer kommt kein anderes Auto infrage: "Ich habe schon mit 16 an meinem ersten Käfer geschraubt", sagt der 35-Jährige. Restaurieren reichte irgendwann nicht mehr, vom einfachen Tuning kam Böhmig schließlich zum Dragster-Rennen. Rund 30 000 Euro stecken in dem Käfer, die laufenden Kosten sind relativ gering: "Ich fahre seit vier Saisons den gleichen Satz Reifen", sagt Böhmig.
Und so reist er einmal im Monat aus der schwäbischen Heimat in Waiblingen zum Testen nach Bitburg. Anfahrt viereinhalb Stunden über die Autobahn. Wenigstens das würde der RS6 deutlich schneller schaffen.
