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02.11.2008 
Verkehrssicherheit

Hightech verhindert Unfälle

von Martin-W. Buchenau und Mark C. Schneider

Geht es nach den Zulieferern, sollen Assistenzsysteme im Auto das Fahren schon bald sicherer machen - ein Drittel weniger Unfalltote erhofen sich Experten. Doch noch steht die Entwicklung am Anfang - und vor allem die älteren Autofahrer machen der Branche zu schaffen.

Die automatische Notbremsung soll bei Unfälle das Schlimmste verhindern. Foto: dpaLupe

Die automatische Notbremsung soll bei Unfälle das Schlimmste verhindern. Foto: dpa

STUTTGART/FRANKFURT. Die Aufgabe stößt im wahrsten Sinne des Wortes an eine Hemmschwelle: Der Fahrer soll in einem umgebauten 5er-Test-BMW auf ein Hindernis in Gestalt eines weißen Würfels zuhalten - das Bremspedal ist tabu. Das dazu nötige Vertrauen bringt keiner auf, zumindest nicht beim ersten Mal. Erst nachdem der Computer im Auto, der mittels Radar und Kamera Objekte erkennen und unterscheiden kann, den Wagen wirklich mehrmals kurz vor dem Aufprall automatisch zum Stehen bringt, wächst das Zutrauen des Testfahrers in das neue Fahrerassistenzsystem, das mehr Sicherheit in künftige Serienfahrzeuge bringen soll.

Im Frankfurter Stadtteil Rödelheim betreibt der Automobilzulieferer Continental eine rund eineinhalb Kilometer lange Teststrecke. Umrahmt von den realen Autobahnen A5 und A66 testen die Ingenieure auf dem streng abgeschirmten Gelände die erhofften Umsatzträger von morgen. "Wir investieren seit zehn Jahren hohe Summen in die Erforschung von Fahrerassistenzsystemen und legen damit erst einmal vor", sagt Ralf Cramer, Chef der Division Chassis & Safety von Conti. Die Zulieferer müssen zuerst die Hersteller vom Nutzen ihrer Entwicklungen überzeugen - und der Kunde am Ende bereit sein, für das Mehr an Sicherheit auch zu bezahlen. Beides ist nicht ganz einfach.

Die ersten Vorboten der automatisierten Autowelt sind im Einsatz, vor allem Abstandshalter und Hinderniswarner bei Nacht und Nebel. Im neuen Volvo XC60 beispielsweise sorgt ein Bremsassistent bereits für mehr Sicherheit im Stadtverkehr. Das System reagiert bis zu einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde automatisch, sollte ein Auffahrunfall drohen. "Vision Zero" nennen die Conti-Entwickler ihren Traum vom unfallfreien Fahren. Die technische Hilfe soll die Freiheit des Fahrers nicht einschränken, sondern ihn entlasten. Zur Veranschaulichung verweist Conti-Entwickler Michael Darms auf ein System namens Adaptive Cruise Control. "Damit kann ich komfortabel den Sicherheitsabstand einhalten und in der Konsequenz entspannter fahren."

Ab 2012 wollen die Zulieferer dem Fahrer durch neue Assistenzsysteme deutlich mehr Komfort und Sicherheit bieten. Und das nicht nur in traditionell innovationsreichen Luxuslimousinen wie der S-Klasse von Mercedes. "Das Ziel ist Sicherheit für alle und keine Zwei-Klassen-Gesellschaft", sagt Cramer. 400 Conti-Ingenieure arbeiten am Standort Lindau an der Demokratisierung des unfallfreien Fahrens.

Auch Zulieferer Bosch will mit Assistenzsystemen die Sicherheit auf den Straßen erhöhen. Im japanischen Yokohama arbeiten Entwickler des schwäbischen Zulieferers fieberhaft an der Zuverlässigkeit der Systeme. Gigantische Datenmengen müssen verarbeitet werden, um Gegenstände eindeutig als für das Fahrzeug bedrohlich zu identifizieren. "Mit der Kombination von Video und Radar erreichen unsere Systeme die notwendige hohe Sicherheit zu erkennen, ob der Unfall wirklich unvermeidbar ist", betont Rainer Kallenbach, Bosch-Bereichsvorstand Automobilelektronik.

Unfallforscher erwarten, dass solche vorausschauenden Sicherheitsmaßnahmen die Zahl der bei Unfällen getöteten Personen um gut ein Drittel reduzieren können. Allerdings ist den Entwicklern klar: Sie können den Kunden das unfallfreie Fahren nicht versprechen. Die Notbremsung sieht Bosch in erster Linie als Abmilderung eines nicht mehr zu vermeidenden Unfalls. "Es ist schon ein Erfolg wenn der Zusammenstoß mit 30 statt mit 80 Kilometern pro Stunde erfolgt", sagt ein Sprecher.

Gerade bei übermüdeten Fahrern bewähren sich nach Einschätzung der Spezialisten Systeme, die durch ein kurzes Anticken der Bremse die Aufmerksamkeit des Fahrers zurückgewinnen und ihm so ein Eingreifen ermöglichen. Bleibt die Frage, ob die Kunden bereit sind, sich die eigenen Schwächen einzugestehen - und für die Unterstützung zu bezahlen. Marktbeobachter sind skeptisch, ob der Technik ein ähnlicher Durchmarsch wie ABS oder ESP gelingen wird. "Aktuell verdrängt die hitzige Diskussion um spritsparende und CO2-reduzierende Technologien das Thema Sicherheit. Die Kunden schauen beim Autokauf vor allem auf Preis und Verbrauch", sagt Albrecht Denninghoff, Autoanalyst der BHF-Bank.

Trotz aller Erfolge, die Entwicklung der Fahrerassistenzsysteme steht erst am Anfang. Vor allem die demografische Entwicklung wird dafür sorgen, dass immer ältere Menschen am Steuer sitzten. Besonders die Japaner mit einer durchschnittlich noch älteren Bevölkerung als die mitteleuropäischen Länder sind dafür sensibilisiert. Der weltweit viertgrößte Zulieferer Denso arbeitet an einem Lenkrad, das permanent den Blutdruck des Fahrers beim Berühren des Lenkrades misst und im Fall eines Infarkts des Fahrers eine Notbremsung einleitet.

Selbst wenn technisch alles glatt läuft, liegt der Teufel gern im Detail. "Besonders ältere Fahrer mit Augenproblemen haben häufig Schwierigkeiten beim Blickwechsel von der Straße auf das Display", sagt Spezialist Frank Schliep vom US-Zulieferer Johnson Controls. Der Entwickler arbeitet deshalb in Burscheid an innovativen Präsentationsformen für die neue Technik im Auto.

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