Sie versprechen mehr Fahrspaß und weniger Risiko: Mit neuen Systemen, die alle für das Fahrverhalten wichtige Komponenten vernetzen, werden Autos agiler und lassen sich schneller durch Kurven lenken. Die Elektronik rund ums Fahrwerk hat sogar bereits die Kompaktwagen erreicht.
Der X5 von BMW ist serienmäßig mit dem so genannten DWT-B-System ausgestattet. Es sorgt dafür, dass der Wagen sicherer und schneller vorankommt. Foto: BMW
Ein solches System wurde beispielsweise von Bosch und BMW entwickelt. Mit ihm ist der X5 serienmäßig ausgestattet. Motorsteuerung und Bremsregelsystem ESP sind hier miteinander verbunden. Wer mit dem Auto schnell in eine scharfe Kurve fährt, bei dem wird die Motorleistung angehoben und gleichzeitig das kurveninnere hintere Rad leicht abgebremst. So erhält das kurvenäußere Rad mehr Kraft, so dass der Wagen sicherer und schneller vorankommt. Außerdem verringern sich so die Lenkkräfte.
Das DWT-B-System – steht für „Dynamic Wheel Torque Control by Brake" – basiert vor allem auf ESP, das etwa beim ruppigen Ausweichen durch Eingriff in die Motorleistung und Abbremsen einzelner Räder verhindert, dass das Auto ausbricht. „Das Bremsregelsystem Ausgangspunkt für zahlreiche neue Funktionen, die die Fahrdynamik und die Agilität eines Fahrzeugs weiter steigern“, sagt Werner Struth, Vorsitzender des Bereichsvorstands „Chassis Systems Control“ bei Bosch.
Nachteilig am ESP war bisher, dass es eine sportliche Fahrweise eher behindert, da gebremst statt beschleunigt wird. Zulieferer ZF geht daher noch einen Schritt weiter: „Wir heben mit unserem Konzept den Zielkonflikt zwischen Komfort und Fahrdynamik auf, indem wir auf Fahrerunterstützung statt Bremseingriff setzen“, sagt ZF-Technologiesprecher Thomas Wenzel. Das Ganze nennt sich dann „Intelligent Wheel Dynamics“ und funktioniert so: Aktive Systeme im Antrieb, in der Lenkung und im Fahrwerk werden vernetzt und gemeinsam gesteuert, so dass das Drehmoment variabel an der Hinterachse verteilt werden kann.
Dafür sorgt das neue Vector-Drive-Hinterachsgetriebe, welches das Antriebsmoment dosiert und aufgrund von Sensormessungen individuell auf die Räder verteilt. „So wird der Fahrer unterstützt und nicht ausgebremst. Das Fahrzeug kann komfortabel, sicher und dynamisch zugleich sein“, unterstreicht Wenzel.
Infografik: Wie das DWT-B-System funktioniert
Eine weitere Zutat für mehr Fahrspaß bei weniger Risiko ist die Aktivlenkung, die mittlerweile auch in kleineren Autos wie dem Golf oder der A- und B-Klasse von Mercedes zu finden ist. Aktive Lenkungen sind elektrische Servolenkungen, die den Lenkwinkel des Autos korrigieren, wenn das ESP erkennt, dass der Fahrer zu viel oder zu wenig einschlägt, um gut durch die Kurve zu kommen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Weitere Funktionen sind möglich
„Diese Assistenzfunktion ergänzt die stabilisierende Wirkung des ESP und wirkt Schleudern bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entgegen, denn der Lenkassistent wertet die Sensordaten des ESP über das Fahrverhalten aus, erkennt kritische Fahrsituationen und ermittelt den optimalen Lenkeinschlag“, erklärt Bosch-Sprecher Stephan Kraus.
Der Trend zur Vernetzung aktiver Fahrwerkssysteme sei nicht aufzuhalten und auch geboten, da die Komponenten einzeln nur suboptimal arbeiten, sagt Torsten Bertram, Professor am Institut für Regelungssystemtechnik an der TU Dortmund. „Durch die Sensorik sind umfangreiche Informationen im Auto vorhanden, die nur über eine Vernetzung für neue Funktionen nutzbar gemacht werden müssen“, sagt der Experte. Doch das ist keine leichte Aufgabe: Es handelt sich um hochkomplexe Technik, die nicht zuletzt für Informatiker eine große Herausforderung darstellt. „Abstürze wie am PC kann man sich beim Auto nicht leisten“, sagt Bertram.
Deutsche Hersteller hätten hier schon ein gutes Level erreicht. Die Elektronik rund ums Fahrwerk hat hier bereits die Kompaktwagen erreicht. Ein Opel Astra ist beispielsweise mit einem so genannten „Interaktiven Dynamischen Fahrsystem“ ausgestattet, bei dem ABS, ESP und andere Assistenzsysteme vernetzt sind. Dadurch bleibt das Auto auch in kritischen Fahrsituationen sicher in der Spur.
Audi bietet im neuen A4 mit dem so genannten „drive select“ gegen Mehrpreis zudem die Möglichkeit, auf Knopfdruck über eine dynamische Lenkung und eine variable Dämpferregelung den Wagen komfortabel oder sportlich-straff zu steuern. Dabei wird unter anderem die Lenkübersetzung verändert, so dass diese in der Stadt nur noch zwei statt drei Mal von Anschlag zu Anschlag gedreht werden muss, was das Einparken erleichtert. Auf der Autobahn wird der Lenkweg länger eingestellt, wodurch sich das Auto ruhiger und präziser steuern lässt.
Allerdings seien längst noch nicht alle aktiven Fahrwerkssysteme miteinander vernetzt, sagt Bertram: „Da ist noch mehr möglich. Allein schon, wenn man das Fernziel autonomen Fahrens verfolgt.“
