Daimler forscht über Sumpfpflanzen, VW informiert sich über organische Abfallprodukte – die großen US-Hersteller sind vom Ethanol-Fieber erfasst. Wie nie zuvor schnüffelt die Autowelt 2008 an Biokraftstoffen und beschert der Landwirtschaft ein Konjunkturprogramm. Die Bedeutung der Biokraftstoffe.
ebe/hz DETROIT. Es ist eine Phase des Umbruchs, die immer neue Startup-Firmen in die Kraftstoff-Industrie lockt. „Wir sprechen über eine der größten Industrien in der Welt, wenn nicht über die größte, wenn wir Versicherungen nicht als Industrie definieren“, sagt der Mitgründer des Unternehmens Primafuel, Rahul Iyer, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die 40-Mann-Firma aus Signal Hill hat von ihrem US-Bundesstaat Kalifornien 90 Mill. Dollar erhalten und damit die umfangreichste staatliche Unterstützung, die es je in diesem Sektor gegeben hat. Mit dem Geld baut Primafuel eine Anlage, die in der ersten Stufe umgerechnet 75 Mill. Liter Biokraftstoff produzieren soll. Langfristig soll die Fabrik eine Kapazität über 200 Mill. Liter erlauben.
Parallel gewinnt der Biotreibstoff auf den Straßen der USA rasch an Bedeutung. Nach Berechnungen des Marktforschungsinstituts B&D Forecast kamen 2007 in den USA 730 000 Fahrzeuge als Flexfuel-Modelle auf den Markt, die mit Ethanol und Benzin betrieben werden können. Damit erreicht Bio-Ethanol in den Staaten bereits einen Marktanteil bei Pkw, Vans und Geländewagen von 5,6 Prozent, wie Ferdinand Dudenhöffer, Leiter von B&D Forecast, errechnete. Mehr als zwei Millionen Bioethanol-Fahrzeuge aus dem Hause General Motors fahren bereits auf US-Straßen.
Hintergrund des Booms ist eine Richtungsentscheidung der US-Regierung aus dem Vorjahr. George W. Bush hat sich in Sachen Energiepolitik festgelegt, auf Biotreibstoffe wie Ethanol zu setzen, um sich etwas aus der Abhängigkeit von Benzin und Öl befreien zu können. Bio-Ethanol entsteht ähnlich wie trinkbarer Alkohol aus der Destillation nachwachsender Rohstoffe. US-Kongress und Senat haben kürzlich ein Gesetz verabschiedet, nach dem Autohersteller bis 2020 den Durchschnittsverbrauch ihrer Wagen um 40 Prozent senken müssen. Darüber hinaus soll bis 2022 sechsmal mehr Ethanol verwendet werden als bisher – ein Konjunkturprogramm insbesondere für die Landwirtschaft. Die USA können Kraftstoffe wie E85, was für 85 Prozent Ethanol und 15 Prozent Benzin steht, effizienter über Mais produzieren als die Gewinnung aus Zuckerrüben in Europa.
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Biosprit hat deshalb hohen Stellenwert für die Strategie der US-Autobauer. So sollen bis 2012 die Hälfte der von GM produzierten Autos mit Bioethanol fahren können. In Europa gilt die GM-Tochter Saab als Vorreiter, die in Schweden bereits die Hälfte aller Fahrzeuge mit dieser Technik verkauft. Bio-Kraftstoff hat zwei wesentliche Vorteile: Er ist einfach herzustellen und hat eine ausgeglichene CO2-Bilanz, weil die Pflanzen beim Wachstum einen Gutteil des CO2 absorbieren, das später beim Verbrennen des Kraftstoffes freigesetzt wird. Unumstritten ist der grüne Sprit indes nicht. Wegen der boomenden Nachfrage in den USA sind die Preise für Mais und damit für zahlreiche verwandte Nahrungsmittel in die Höhe geschnellt. Für die Herstellung von 120 Liter Ethanol, die kaum für 1 500 Kilometer Fahrtstrecke reichen, wird so viel Getreide benötigt, wie ein Mensch im Jahr braucht.
Autobauer wie VW und Daimler setzen deshalb auf synthetischen Biosprit. Beide Firmen haben sich neben Shell am Unternehmen Choren beteiligt, das im sächsischen Freiberg aus Biomasse synthetischen Diesel produzieren will („Sun Fuel“). Experten warnen vor übertriebenen Hoffnungen: „Ob Rapsöl, Bioethanol oder Erdgas: Das sind Technologien, die bestenfalls einen Marktanteil von fünf Prozent erreichen“, prophezeit Dudenhöffer. Langfristig könnten sie nur einen kleinen Teil des Bedarfs abdecken – und das zu hohen Kosten.
Anbieter wie Primafuel halten entgegen, dass zwar die erste Generation von Biokraftstoffen noch nicht ausgereift und mangels Infrastruktur zu teuer sei. „Wir können das aber deutlich besser machen als bisher“, sagt Primafuel-Manager Iyer. Das Potenzial der Branche am Stand der heutigen Biosprit-Entwicklung festzumachen sei so, als ob man das Internet nach dem Stand eines Modems von 1990 bewerte. Iyer: „Damals hat das nicht sonderlich brauchbar ausgesehen. Heute können wir ohne das Internet nicht mehr leben.“
