Der Ruf nach staatlicher Regulierung – von Seiten der Unternehmen ist er eher ungewöhnlich. Doch beim Thema Klimawandel scheint alles anders zu sein, wie eine aktuelle Umfrage belegt. Das überraschende Ergebnis der Studie könnte die Diskussionen beim Weltklimagipfel kommende Woche beeinflussen.
Klimaschutz als Verkaufsargument: Auch auf der IAA dominierte das Thema bei den Herstellern: Hier stellt VW einen umweltfreundlichen Kleinwagen vor. Foto: ap
FRANKFURT. Mehr als 80 Prozent der Befragten seien der Meinung, dass die Regelungsdichte erhöht werden muss, um die Unternehmen zu zwingen, auf den Klimawandel zu reagieren, heißt es in der Studie "Klimawandel: eine unternehmerische Antwort auf ein globales Problem“, die heute offiziell vorgestellt werden soll.
David Elshorst, Partner bei Clifford Chance und Mitautor der Studie, hat für diese auf den ersten Blick überraschende Forderung eine plausible Erklärung: "Die Unternehmen können eine starke Regulierung akzeptieren, sie wünschen sie sogar, wenn sie weltweit einheitlich ist. Die Rahmenbedingungen sollen für alle gleich und damit fair sein“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dahinter stünde die Sorge "vor allem der Unternehmen in den entwickelten Industrieländern, dass Firmen in Ländern wie China und Indien durch nationale Regulierungsansätze beim Klimawandel Vorteile erhalten“.
Der Rechtsexperte sieht durchaus gute Chancen für solche weltweiten Standards, deren Grundlagen etwa auf der in wenigen Tagen beginnenden UN -Klimakonferenz gelegt werden. "Die Regierung in China ist pragmatisch. Ziehen die USA beim Thema Klimaschutz mit, dann wird auch China folgen“, glaubt Elshorst, warnt aber zugleich: "Kommt die weltweite Regulierung nicht, könnte ein Ökoprotektionismus die Folge sein.“
Infografik: Thema Klimawandel in den Unternehmen
Auf Unternehmensseite ist das Thema Klimawandel auf jeden Fall bereits ganz nach oben auf die Agenda gerutscht. "Aus unserer Beratungstätigkeit kann ich berichten, dass solche Aspekte mittlerweile bei vielen Entscheidungen eine Rolle spielen und berücksichtigt werden“, sagt Elshorst. Er bestätigt damit aktuelle Ergebnisse der regelmäßigen Managerbefragung (Business-Monitor) des Handelsblatts und der Unternehmensberatung Droge & Comp. Danach sehen viele Unternehmen, darunter vor allem Großunternehmen, den Klima- und Umweltschutz als einen festen Bestandteil ihrer Strategie an.
Nach Angaben von Elshorst von Clifford Chance betrachten Unternehmen zum Beispiel potentielle Übernahmen aber auch den Verkauf von Unternehmensteilen bereits heute auch unter dem Gesichtspunkt, wie das Geschäft auf die kommenden Herausforderungen durch den Klimawandel gerüstet sei.
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Die hohe Aufmerksamkeit des Themas verwundert nicht, geht es doch um viel, vor allem um die Reputation. Sie zu erhalten und auszubauen, ist bei fast allen befragten Unternehmen Hauptmotiv, auf den Klimawandel rasch zu reagieren. "Der direkte Druck durch Kunden spielt hier noch keine so große Rolle. Allerdings hat die Reputation letztlich auch wieder Einfluss auf die Kaufentscheidung der Kunden“, sagt Elshorst.
Und es geht um viel Geld: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) sowie die Unternehmensberatung Roland Berger haben jüngst prognostiziert, dass alleine bei deutschen Unternehmen ab 2020 das Geschäft mit Produkten Wind- oder sauberen Industrieanlagen eine größere Bedeutung haben wird als das mit Autos. Für 2030 sagen die Experten für die deutsche Umweltwelttechnik ein Marktvolumen von mehr als einer Billion Euro voraus. Derzeit sind es noch bescheidende 150 Mrd. Euro.
Die Unternehmen haben dieses Potential erkannt, wie die Studie von Clifford Chance belegt. Rund die Hälfte der befragten Firmen sieht beim Thema Klimawandel mittelfristig sehr gute Geschäftschancen. Auffällig ist dabei, dass gerade US-Unternehmen auch kurzfristig übermäßig zuversichtlich sind, hieraus Kapital zu schlagen. Dies dokumentiert den Stimmungsumschwung in den Staaten, wo die Themen Umwelt oder Nachhaltigkeit nicht zuletzt im High-Tech-Tal Silicon Valley eine riesige Investitionswelle ausgelöst haben.
Allerdings muss Europa nach Ansicht von Anwalt Elshorst derzeit nicht fürchten, mal wieder den Anschluss zu verpassen: "Die alte Welt ist beim Thema Klimawandel klar vorn. Wir haben etwa beim Emissionshandel einen Vorsprung. Wir wissen, wie man solch ein Werkzeug umsetzt. Das ist ein großer Vorteil.“

