Verbraucher vertrauen ihm, Hersteller setzen auf ihn: Der „Blaue Engel“ feiert seinen 30. Geburtstag. Das älteste Umweltsiegel der Welt ist so erfolgreich wie selten zuvor. Themen wie Klima- und Ressourcenschutz erschließen dem „Blauen Engel“ neue Märkte – und verleihen der Traditionsmarke ungeahnte Flügel. Eine Erfolgsgeschichte.
BERLIN. Der „Bosch AXT 1600 HP“ und der „STIGA Bio-Silent“ sind zwei vorbildliche Häckselmaschinen. Denn sie verursachen nicht ganz so viel Krach wie viele ihrer Konkurrenten. Das hilft Gartenbesitzern, das Verhältnis zum Nachbarn nicht über Gebühr zu belasten. Diese löbliche Eigenschaft hat den beiden Häckslern eine Auszeichnung eingetragen, die man auch Laubsaugern, Kettensägen und Benzinrasenmähern – gefühlsmäßig – absprechen würde: den „Umweltengel“, jenes Zeichen, das Verbrauchern die Sicherheit geben soll, ein vorbildliches Produkt gekauft zu haben.
Mit dem „Blauen Engel“ sind derzeit in Deutschland rund 10 000 Produkte und Dienstleistungen gekennzeichnet: bleifreie Wurfgewichte für Angelköder, geräuscharme Bagger, solarbetriebene Armbanduhren, Baustoffe aus Altglas, abwasserfreie Autowaschanlagen, umweltschonend hergestellte Matratzen, ungebleichte Kaffeefilter, kompostierbare Blumentöpfe oder umweltfreundliche Rohrreiniger – und sogar eine umweltschonende Flugplatzenteisungsanlage.
Seit seiner Einführung heute vor fast genau 30 Jahren hat sich der Blaue Engel behauptet: Die Verbraucher vertrauen ihm, und Hersteller schätzen ihn, denn er steigert den Absatz.
Und der Engel steht vor einer noch größeren Zukunft, glauben jedenfalls seine Fans: Themen wie Klima- und Ressourcenschutz sind wichtiger als je zuvor. Das verleiht dem Blauen Engel neue Flügel.
Welche Produkte engelwürdig sind und welche nicht, entscheidet die Jury Umweltzeichen. Ihr gehören Vertreter aus Wirtschaft, Verbraucherschutzverbänden, Wissenschaft, Handel, Handwerk und den Bundesländern an. Firmen, die mit dem Engel werben wollen, müssen die Kriterien der Jury erfüllen. Federführend ist das Bundesumweltministerium.
„Generell gilt, dass der Blaue Engel für das obere Drittel einer Produktkategorie infrage kommt“, sagt Ulf Jaeckel, der den Blauen Engel dort betreut. Gibt es Produkte, die von vornherein keine Chance haben, den Engel zu bekommen? Etwa weil sie komplett überflüssig sind? Die Jury diskutiert diese Frage immer wieder. Die Juroren wollen sich aber nicht zur moralischen Instanz aufschwingen, die über Konsum oder Konsumverzicht befindet. „Es geht ja um Produkte, die ohnehin bereits im Markt sind“, sagt Jaeckel. Also: im Zweifel für den Engel.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Grenzen für den Engel.
Allerdings kostet er auch. Die Lizenzgebühr richtet sich nach dem Umsatz, der mit dem jeweiligen Produkt erzielt wird. Liegt er zwischen 15 und 25 Millionen Euro, werden jährlich 4 500 Euro Lizenzgebühr fällig. Sind es weniger als 250 000 Euro, beträgt die Gebühr 270 Euro.
Aber es gibt auch Grenzen für den Engel. Ein solarbetriebener Milchaufschäumer ist sicher nett. Verdient er aber das blaue Emblem? Nein, befand die Jury. Der Markt für Milchaufschäumer ist so klein, dass es sich nicht lohnt, Kriterien zu definieren, die die Geräte engelwürdig machen.
Und manchmal wollen die Hersteller den Engel gar nicht haben. So gibt es zwar Engel-Kriterien für Handys. Doch große Hersteller haben sich nie für das blaue Emblem interessiert.
Zwar sind ihre Handys in der Regel so strahlungsarm, dass sie den Engel verdient hätten. Doch für das Thema Strahlung wollen sie ihre Kunden lieber nicht erst sensibilisieren. Als einziger Handyanbieter wirbt die Firma Kandy Mobile, die Telefone für Kinder anbietet, mit dem Umweltengel.
Die 30 Jahre sind am Blauen Engel nicht spurlos vorübergegangen. Sein Hoch erlebte er in 80er-Jahren. Danach hat er an Bekanntheit eingebüßt. Immerhin kennen aber noch 80 Prozent der Bundesbürger das runde, blaue Symbol; und 38 Prozent beachten es beim Einkauf. Im Handel hat er damit nach wie vor eine beachtliche verkaufsfördernde Wirkung.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Umwelt-Engel-Produktion der ersten Stunde.
„Bei manchen Produkten zieht der ,Blaue Engel’ nach wie vor sehr – zum Beispiel beim Papier“, sagt Franz-Josef von Kempis, der sich beim Bundesverband der Deutschen Industrie mit Umweltpolitik befasst und der Jury Umweltzeichen angehört. Das Produkt Papier hatte den Engel einst erst so richtig beflügelt, es gehört zu den Umweltengel-Produkten der ersten Stunde. Die Hersteller, die den Blauen Engel auf ihr Kopierpapier oder ihre Schreibblöcke kleben, haben gute Verkaufsargumente: Engel-Papier ist grundsätzlich Recyclingpapier. Das spart eine Menge Energie: „Die Produktion von drei Blatt Recyclingpapier erspart gegenüber der Herstellung von drei Blatt Frischfaserpapier soviel Energie, wie Sie brauchen, um eine Kanne Kaffee zu kochen“, sagt Sönke Nissen, der in der Papierwirtschaft für den Engel wirbt. Und längst sei das recycelte Papier ja auch kein grobes, graues Zeug mehr, das das Gewissen beruhigt, aber das ästhetische Empfinden beleidigt.
Und wie geht es weiter mit dem Engel? Edda Müller ist fest von seiner Zukunft überzeugt: „Der ,Blaue Engel’ funktioniert. Er steht für Verlässlichkeit und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Das darf man nicht unterschätzen.“ Müller sitzt in der Engel-Jury, aber sie war auch jahrelang Deutschlands oberste Verbraucherschützerin. Sie sagt dem Blauen Engel einen neuen Höhenflug voraus. „Der Blaue Engel wandelt sich stetig. Früher ging es um Probleme auf der Ebene der stofflichen Zusammensetzung von Produkten, etwa um Schwermetalle in Farben, um das Treibhausgas FCKW in Spraydosen, um Asbest in Bremsbelägen. Das sind heute keine Themen mehr“, sagt sie. Künftig werde es um die Frage gehen, welche Produkte klimaschonend sind.
Aufwind bekommt der Blaue Engel auch vom Gesetzgeber. Im neuen Klimaschutzprogramm der Bundesregierung hat das Umweltsymbol einen festen Platz gefunden. Dort geht es zwar in erster Linie um große Baustellen wie den Emissionshandel für den Flugverkehr oder die Neuordnung der Besteuerung von Autos.
Doch es gibt auch einen Abschnitt für Bundesbehörden. Thema: Beschaffung. Die Beamten sollen beim Materialeinkauf zukünftig auf den Blauen Engel achten. Das würde den Umweltengel-Nutzern einen ganz neuen, zahlungskräftigen Markt erschließen.
