28.10.2009

Umsatzeinbruch: Experten sehen SAP-Geschäftsmodell in Gefahr

Quartalszahlen, die schlechter als erwartet ausfielen, und ein düsterer Ausblick auf das Gesamtjahr wecken Zweifel an der Zukunftsfähigkeit von SAP. Der Aktienkurs des größten europäischen Softwarekonzerns fiel nach Bekanntgabe der Zahlen um mehr als sieben Prozent. Analysten fürchten, dass SAP bereits an einem Wendepunkt seines Geschäftsmodells angelangt sein könnte.

Lupe

DÜSSELDORF. Im wichtigsten Geschäftsbereich, dem Verkauf von Lizenzen für Unternehmenssoftware, stürzte der Umsatz im dritten Quartal um fast ein Drittel - nach ähnlichen Einbrüchen in den beiden Vorquartalen. Der Gesamtumsatz, der sich auch aus Einnahmen aus Wartungsverträgen und Schulungen speist, sank im selben Zeitraum um neun Prozent auf 2,508 Mrd. Dollar. Das Betriebsergebnis fiel um ein Prozent auf 606 Mio. Euro.

Und eine rasche Erholung scheint nicht in Sicht: Während Technologiekonzerne wie Microsoft, Intel und IBM mit guten Quartalzahlen und optimistischen Prognosen ein Ende der Krise andeuteten, korrigiert SAP die Ziele fürs laufende Jahr weiter abwärts. "Wir sehen Zeichen einer Stabilisierung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds. Dessen ungeachtet bleibt unser Geschäftsumfeld weiterhin herausfordernd", räumte SAP-Finanzvorstand Werner Brandt ein. Der Umsatz im Kalenderjahr 2009 werde sechs bis acht Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr.

Jochen Klusmann, Analyst bei der BHF-Bank, ist über den Ausblick entsetzt: "Das passt überhaupt nicht zusammen mit der positiven Stimmung, die andere IT-Firmen verbreiten", argwöhnt er. Vor allem, da Vorstandschef Leo Apotheker zuvor selber eine Marktbelebung in Aussicht gestellt hatte.

Doch selbst eine Erholung der Konjunktur dürfte nach Einschätzung von Experten die Probleme von SAP nicht lösen. Denn das Geschäftsmodell stützt sich stark auf den Verkauf von Softwarelizenzen an Großkonzerne - und dieser Markt ist weitgehend gesättigt.

Wachstum gibt es noch im Mittelstand. Doch hier tut sich SAP nach mehreren gescheiterten Anläufen schwer. Ein neues "On-Demand-Modell", bei dem Kunden die Software über das Internet nutzen und nur noch das bezahlen, was sie tatsächlich nutzen ("Business by Design"), soll die Wende bringen. Doch hier ist die Konkurrenz schon massiv präsent. "Für kleine Unternehmen ist, anders als für Großunternehmen, die Auswahl ziemlich groß", beobachtet Software-Händler Axel Susen aus Aachen. So ist beispielsweise der junge Business-Software-Anbieter Salesforce.com in nur zehn Jahren von null auf eine Mrd. Dollar Umsatz gewachsen und unterhält Kooperationen mit der Unternehmenssparte von Google, deren "Software-on-Demand" im mittelständischen Bereich starken Zulauf findet.

Dass die Schwäche im Kerngeschäft mit neuen Lizenzen bei SAP nicht stärker durchschlägt, liegt nur daran, dass die Einnahmen für Software-Wartung deutlich stiegen. Die Walldorfer wollen bis 2015 höhere Preise für Wartung durchsetzen, was aber auf massiven Widerstand trifft. Schon bisher zahlen SAP-Kunden zwischen 17 und 22 Prozent pro Jahr und Arbeitsplatz an Wartungskosten. Großkunde Siemens hatte bereits im September mit der Kündigung aller Verträge und Abwanderung zu IBM gedroht und erst nach zähen Verhandlungen wieder eingelenkt.

Um die Gewinne trotz der Probleme zu steigern, kappt SAP heftig die Kosten. Knapp 3 700 von rund 50 000 Jobs gingen verloren, Marketingkosten wurden reduziert. "Dank konsequenten Kostenmanagements konnten wir trotz gesunkener Umsätze erneut unsere operative Marge steigern", so Brandt. Vorstandschef Apotheker hält deshalb an seinem Ziel fest, eine währungsbereinigte Ebit-Marge von 25,5 bis 27 Prozent im Jahr zu erreichen.

Bei Analysten nährt das eher noch die Zweifel. "Hohe Profitabilität ohne Wachstum bietet keine Perspektive", warnt Thomas Otter. Der Analyst des auf die IT-Industrie spezialisierten Beratungsunternehmens Gartner fragt sich: Wo will SAP steigende Gewinne herholen, wenn das Kostensenkungspotenzial aufgebraucht ist? Denn der Druck hält an: Im laufenden Vierteljahr werden die Neulizenzumsätze nach Schätzung der Commerzbank erneut um zweistellige Prozentsätze unter den Vorjahreswerten liegen.

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