Seit den frühen 90er Jahren hat Großbritannien einen beispiellosen Aufschwung erlebt, getrieben vor allem durch Investitionen. Deutsche Geschäftsreisende glauben meist eine genaue Vorstellung von dem zu haben, was sie auf der Insel erwartet. Allerdings: Der britische Verhandlungsstil hat seine Tücken. So lösen einige typisch deutsche Verhaltensweisen beim Engländer automatisch Widerwillen aus.
LONDON. Höflichkeit, Geduld und Zurückhaltung zählen zu den wesentlichen Charakterzügen der Briten. Dies zeigt sich auch bei geschäftlichen Begegnungen. Deutsche Geschäftsreisende sollten bei ihrem Besuch in Großbritannien versuchen, sich auf die britische Einstellung "Think positive" einzulassen: Gute Geschäftsbeziehungen leiden gerade in Großbritannien nie unter einem Zuviel an Höflichkeit.
Britische Unternehmen sind vergleichsweise hierarchisch aufgebaut. Kein "Untergebener" wird in diesem System seinem Vorgesetzten in der Öffentlichkeit widersprechen. Die Firmen sind stark in einzelne Verantwortungsbereiche beziehungsweise Abteilungen ("Departments") aufgespalten. Dies erfordert einen regen Informations- und Gedankenaustausch und die Fähigkeit zur effizienten Kommunikation, kurz Teamwork und Teamgeist. Die über allem stehende und wachende Klammer ist die "company policy", die als primäre Autorität die Organisation steuert.
Zu den wesentlichen Charakterzügen der Briten zählen Höflichkeit, Geduld und Zurückhaltung. Aktiv zuzuhören und den Gesprächspartner ausreden zu lassen, sind weitere Aspekte dieser Verhaltensnorm. Deutsche Besucher sollten es zumindest für den kurzen Inselaufenthalt wagen, sich auf die britische Einstellung einzulassen: "Think positive", Aufmunterung statt Kritik, Lockerheit statt Verkrampftheit, Lächeln statt Grimm, Schlagfertigkeit statt Verstimmung. "Think positive" in jeder Lebenslage - dies bedarf auch einer gewissen Emotionslosigkeit, denn selbst in der schwierigsten und verfahrensten Situation fällt der Engländer nicht aus der Rolle, bewahrt Haltung und entgleist auch verbal nicht.
Das "please" nicht vergessen
Die britische Gesellschaft erscheint als "Thanks and Sorry"-Gemeinwesen. Für den kleinsten Gefallen bedankt man sich, selbst das kleinste Malheur wird mit einem "Verzeihung/Entschuldigung" bedacht. Und das "Please" gehört natürlich dazu. Gerade als Ausländer kann man nicht großzügig genug davon Gebrauch machen und wird erstaunt sein, wie das Miteinander leichter wird.
Über Mitmenschen negativ zu sprechen, verbietet sich, es sei denn, es findet in wirklich vertrautem Kreis statt. Auch sich zu beschweren ist eher unüblich. Selbst wenn die Bedienung zu lange auf sich warten lässt und das Essen nicht schmeckt, wird lieber stillschweigend die Konsequenz für die Zukunft gezogen.
Persönliche Leistungen herauszustreichen und damit zu prahlen gilt als unpassend. Wer Geld, Macht und Einfluss besitzt, muss gerade deshalb nicht damit hausieren gehen. Auch Besserwisserei, die zudem anderen Menschen bestimmte Anschauungen aufzudrücken sucht, wird nicht gern gesehen.
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In der Bekleidung zeigen sich die Briten äußerst souverän und wissen zwischen den diversen Dresscodes für berufliche und gesellschaftliche Anlässe genau zu unterscheiden. In privater Umgebung löst sich dies fast völlig auf. Dann heißt es, Individualismus zeigen, egal was andere dabei denken mögen. Kaum etwas kann daher mehr in die Irre führen, als den Briten anhand seiner Bekleidung nach Bildung, sozialer Stellung oder Vermögen beurteilen zu wollen.
Dresscodes sind allgemeinverbindlich. So bedeutet zum Beispiel der Dresscode "black tie" das Tragen eines schwarzen Smoking mit Fliege. Bei "smart casual" reicht im Rahmen geschäftlicher Einladungen meist die Berufskleidung, das heißt für den Herrn Anzug mit Krawatte. Eine gelockertere Kleidungsordnung kommt nur in den "Creative Industries" zum Tragen. Im geschäftlichen Alltag bevorzugt der Brite den konservativ dunklen Einheitsanzug in den farblichen Varianten schwarz, dunkelgrau und dunkelblau. Fashion und Style erscheinen unbedeutend, während die durchaus registrierte Qualität tendenziell durch schwere und teurere Stoffe (Wolle) dokumentiert wird. Sofern nicht provozierende Andersartigkeit gezeigt wird, gehen für den ausländischen Besucher auch etwas hellere Farben in Ordnung. Das Tragen von Kombinationen ist unbekannt, aber nicht automatisch ein Minuspunkt. Gestreifte Krawatten können aufgrund ihrer Verwendung durch bestimmte Institutionen und Organisationen zu kurzfristiger Verwirrung führen.
Die Kleidungsordnung für Business-Women im Vereinigten Königreich ist tendenziell (noch) konservativer als in Deutschland und folgt dem männlichen Vorbild. Die Kleidung soll dezent, seriös, gediegen und nicht zu auffällig sein. Sie darf aber durchaus feminin erscheinen, weshalb das Kostüm vielleicht einen kleinen Vorteil vor dem Hosenanzug hat. Aber beides wird getragen und ist angemessen. Gedeckte Farben sind üblich. Qualitativ gute Stoffe werden durchaus bemerkt. Die Dame sollte nicht zu viel Schmuck tragen und Modeschmuck eher vermeiden.
Religion, Sex und Politik sind Privatsache
Die Palette der Gesprächsmöglichkeiten ist breit. Unverfängliches sollte an erster Stelle stehen. Entsprechend der Reaktion des Gesprächspartners wird sich herauskristallisieren, ob etwas nur kurz angetippt bleibt oder vielleicht vertieft wird. Das Wetter, Kultur, Sport, (positive) Geschichte, Reisen, Natur, Landschaft und (gute!) Erfahrungen auf den britischen Inseln können sich anbieten. Wer Interesse am aktuellen Kulturkalender ins Spiel bringen kann, liegt selten falsch.
Religion, Sex und Politik sind Privatsache. Da die Briten sich höchstens eingeschränkt als Europäer sehen, sollte man auch das Thema Europa, Verfassung und Euro nur mit Vorsicht ansprechen. Die königliche Familie und der Dauerbrenner Nordirland gehören ebenfalls nicht zu den Themen, die oben auf der Agenda stehen müssen. Sind mehrere Gesprächspartner anwesend, sollten auch in das Privatleben eindringende Fragestellungen nicht unbedingt tangiert werden. Hierzu gehören Themen wie Herkunft und Erziehung/Bildung oder auch das Wohnumfeld. Grundsatzdiskussionen um Weltanschauungen sind tabu.
Wenn der ausländische Gesprächspartner initiativ werden möchte, bietet sich ein vorsichtiges "What do you think about..." an. Als Antwort wird keine Verkündung endgültiger Wahrheiten und Weisheiten erwartet. Eher ist eine situations- und themenadäquate Beimischung von Späßen und Witzen über Anekdoten und Ironie bis hin zum Sarkasmus gefragt. Bei durchaus vorkommenden Deutschland kritischen bis feindlichen Äußerungen heißt es Ruhe bewahren und schlagfertig, möglichst humorvoll zu kontern.
Briten lieben Karten zu allen möglichen Anlässen. Zu Weihnachten, Geburtstagen (sofern bekannt) und Jahrestagen sind sie ein absolutes Muss. Dies gilt erst recht als Danksagung für eine Einladung oder den gesamten Ablauf des Geschäftsbesuchs.
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Die Mitgliedschaft bei der Deutsch-Britischen Kammer bietet deutschen Geschäftsleuten die Möglichkeit, potenzielle britische Geschäftspartner kennen zu lernen sowie von den Erfahrungen anderer deutscher Unternehmen zu profitieren. Über die Jahre hat die Geschäftspartnervermittlung der Deutsch-Britischen Kammer für zahlreiche deutsche Unternehmen die ersten Kontakte zu britischen Partnern gefördert. Die Kammer bietet ein umfassendes Paket von der Selektierung möglicher Geschäftspartner über den ersten Kontakt bis hin zur Begleitung bei der Geschäftsreise.
Wer mit britischen Geschäftspartnern Termine ausmachen will, sollte frühzeitig damit beginnen. Terminvereinbarungen können telefonisch oder per E-Mail erfolgen. Jedoch sollte die getroffene Absprache und der möglicherweise umfangreichere Programmablauf zur Sicherheit zumindest vom Zeitrahmen her auch schriftlich via E-Mail bestätigt sein.
Informationsmaterial sollte in ausreichender Menge und guter Qualität mitgeführt werden. An Visitenkarten darf kein Mangel herrschen; sie werden zu jeder Gelegenheit ausgetauscht. Auf englischen Visitenkarten stehen Titel, sofern überhaupt angeführt, hinter dem Namen, in der Zeile darunter meist die Funktion. Werbegeschenke im Vorfeld zu verteilen, ist eher ungewöhnlich.
Small Talk ist keine lästige Übung
Der am Eingang stehende Small Talk sollte nicht unterschätzt werden, denn er dient bereits der Bewertung von persönlicher Sympathie und dem Ausloten von Gemeinsamkeiten. Der Small Talk ist also keine lästige Übung, die es möglichst schnell hinter sich zu bringen gilt. Das schnelle "zur Sache kommen" ist einem Briten gegenüber meist gleichermaßen unnötig wie unpassend und unhöflich. "Take your time - Keine Hektik - Entspanne dich", lautet die britische Devise. Hinter der Frage, ob man gut angekommen ist, eine gute Unterkunft gefunden hat etc. steht die Aufforderung, sich zu öffnen. Auch der britische Partner ist natürlich meist "busy", aber so viel Zeit muss einfach sein.
Das Händeschütteln ist bei der ersten Begegnung/Vorstellung heute weitgehend üblich. Trifft man sich danach bei weiteren Gelegenheiten, wird in der Regel auf eine Wiederholung verzichtet, es sei denn, man ist sich längere Zeit nicht begegnet. Das anschließende "How do you do?" ist eine Grußformel, keine Frage, und wird bei der erstmaligen Vorstellung von Personen benutzt. Entsprechend besteht die Antwort in der Wiederholung der Phrase "How do you do?". Im Unterschied dazu kommt "How are you?" einer mehr oder weniger ernst gemeinten Anfrage nach dem Befinden gleich, die positiv mit "Fine, thanks" erwidert wird. Etwaige Probleme werden nicht an- und ausgesprochen. Unüblich angesichts der reduzierten Körpersprache ist das Schulterklopfen. Wird zum Sitzen eingeladen, ist ein "Please, take a seat" zu hören.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Beim Essen spielt das "business" keine Rolle
Nach einer geschäftlichen Besprechung am späten Vormittag kann es zum Business Lunch gehen. Hat das Meeting am Nachmittag stattgefunden, ist ein Dinner denkbar. Anlässlich des ersten Treffens ist das kein Muss. Wenn es in den Planungen nicht vorgesehen war, sollte das Fehlen auch nicht als negative Wertschätzung interpretiert werden. Einladungen können allerdings aufgrund eines guten Besprechungsverlaufs spontan ausgesprochen werden. Aber auch dies sollte nicht überinterpretiert werden. Eine etwas ausgedehntere Teatime gegen 17 Uhr gehört zu den weiteren Alternativen. Generell kann spätestens nach dem zweiten Treffen von einem gemeinsamen Essen ausgegangen werden.
Die Wahl des Restaurants loben
Briten sind nicht ungastlich und betrachten das gemeinsame Mahl auch nicht als lästige Pflichtübung. Mit Bedacht wird eine schöne "location" ausgewählt, vor allem, wenn das Ereignis außerhalb der städtischen Zentren stattfindet. Der Gast sollte dann die schöne Örtlichkeit ("lovely place/pub/inn") und/oder die prächtige Umgebung ("outstanding view") loben. Das Essen läuft heute schneller und gesünder ab als früher. Der in der Vergangenheit übliche ausgedehntere Alkoholgenuss ist einem Glas Wein gewichen, der Digestif dem Kaffee.
Meist dient das gemeinsame Essen dem besseren Kennen lernen oder dem Vertiefen der Beziehung. Dabei spielt das "business" keine Rolle. Höchstens beim abschließenden Kaffee mag das Gespräch wieder auf das Geschäft kommen. Unverfängliche Themen wie kürzliche oder geplante Reisen, Sport oder Kultur können den Einstieg bilden. Hierbei will sich der Engländer im Sinne des Wortes "unterhalten". Niemand begibt sich beim Essen auf die Suche nach der Wahrheit. Auch die verbale Lösung von Konflikten ist nicht intendiert.
Der Gast sollte sensibilisiert seinen Partnern bei der Art der Konversation folgen. Eine eventuelle Diskussion bedarf eines Vorstoßes durch den Gastgeber. Auch hier wird es nie um die Verkündung von endgültigen Überzeugungen gehen. Der Gesprächspartner behält nach dem Gebot der Fairness immer seine Argumentationschance. Sprachduktus und Gestik bleiben immer moderat. Es können im Übrigen nicht zu viele Kenntnisse über Deutschland erwartet werden, es sei denn, jemand hat in der Vergangenheit bereits geschäftliche oder touristische Erfahrungen gesammelt. Umgekehrt sollte die Blöße bei grundlegenden britischen Themen nicht zu eklatant ausfallen.
Wer zum Essen eingeladen hat, zahlt auch
Große Geschäftsabschlüsse werden in Top-Restaurants gefeiert, von denen es in den letzten Jahren immer mehr gibt. Ansonsten kommt ein uriger Pub oder ein kleines Restaurant in möglicherweise interessanter Lage zum Zuge. Möglich sind auch Hotel-Restaurants und besondere Tea Rooms. Die Mahlzeit wird, wenn überhaupt, mit dem französischen "Bon Appetit" eingeläutet, bisweilen mit "Enjoy your meal". Wer zum Essen eingeladen hat, zahlt auch. Gerade in teureren Restaurants ist der Service meist nicht im Preis enthalten. Hier sollte man einen Aufschlag von etwa 10% einkalkulieren. Die Rechnung, die in der Regel mit Kreditkarte beglichen wird, weist den Preis, darunter eine Zeile für den gewünschten Servicebetrag sowie eine Zeile für die am besten selbst ermittelte Gesamtsumme auf.
Lesen Sie weiter auf Seite 5: Als Verhandlungssprache steht Englisch außer Frage
Besprechungen beginnen normalerweise nicht vor 9 Uhr. Eine frühere Anberaumung würde als unhöflich gelten. Beliebt sind der späte Vormittag (10 Uhr oder 11 Uhr) und der frühe Nachmittag (etwa 15 Uhr oder 16 Uhr). Prinzipiell ist bei Terminen Pünktlichkeit angesagt, aber nicht auf die Minute und auch kein Eintreffen vor der Zeit. Meist ist ein Erscheinen mit fünf- bis zehnminütiger Verspätung, die auch ein akademisches Viertel erreichen kann, durchaus in Ordnung. Bei (absehbaren) größeren Abweichungen gebietet es die Höflichkeit, kurz telefonisch Bescheid zu geben und wenn möglich einen neuen geschätzten Ankunftstermin mitzuteilen. Als Verhandlungssprache steht Englisch außer Frage. Auch Informationsmaterial wie Broschüren und Kataloge kommt an diesem Erfordernis nicht vorbei.
Der Brite ist vom Grundsatz her darum bemüht, eine lockere Atmosphäre zu schaffen, in der unverkrampft die Dinge des Lebens erledigt werden können. Hierzu gehört neben der räumlichen Umgebung auch der freundliche Umgang mit dem Gegenüber. In sprachlicher Alternativlosigkeit bedeutet das "you" selbstredend nichts. Relativ schnell kommt in der Regel auch die Benutzung des Vornamens hinzu, die zwar eine vertraute Atmosphäre schafft, aber weit entfernt ist von jedweder Vertraulichkeit. Falsch wäre der Eindruck, man hätte damit Formalitäten und Hierarchien hinter sich gelassen beziehungsweise es gäbe sie nicht. Der Brite liebt es informell und ist vom Typus her eher lässig bis nachlässig. Der Gastgeber sollte allerdings das grüne Licht zur Verwendung der Vornamen geben. Eher unüblich ist der Gebrauch beruflicher oder akademischer Titel, während dem geadelten Sir immer der Vorname folgt (Sir John).
Meister des Understatement
Die Briten sind Meister des Understatement. Wenn der britische Geschäftspartner sagt, er habe sich auf das Gespräch nur wenig vorbereiten können, weil er am Wochenende das schöne Wetter zum Golfspielen genutzt habe, dann bedeutet dies kein schamhaftes Zugeben von Unkenntnis, sondern ist eher Ausdruck von Auflockerung, dem der Partner eine humorvolle Entgegnung entgegensetzen sollte.
Im Geschäftsleben sind die Engländer besonders emotionslos und meist überaus zurückhaltend. Mimik und Gestik sind auf ein Minimum reduziert. Von besonderer Wichtigkeit ist für den Briten die Fairness. Druckausübung, Übertölpelung sowie der Eindruck des Über-den-Tisch-Ziehens gehören zu kaum wieder korrigierbarem, unfairen Fehlverhalten. Im weiteren Sinne bedeutet Fairness, dem anderen immer eine Chance zu belassen, ihn nicht in die Ecke zu drängen. Der Geschäftspartner wird derartiges Verhalten positiv zu würdigen wissen.
Der scheinbar lockere Umgang in den Firmen folgt intern klar definierten, für den Außenstehenden unsichtbaren Regeln. Es sollte den ausländischen Geschäftspartner nicht überraschen, wenn die (Chef-) Sekretärin (P.A. - Personal Assistant) in die Besprechung hineinplatzt und ihren Boss um eine Unterschrift bittet ("Brian, can you sign that, please"). Bei (Geschäfts-) Besprechungen sollten sich zwar alle Anwesenden beteiligen. Die Entscheidung obliegt aber letztendlich dem Ranghöchsten, der sie auch verantwortlich zu vertreten hat. Dieser hat sich insbesondere durch fachliche Kompetenz auszuzeichnen.
Lesen Sie weiter auf Seite 6: Zwischenergebnis schriftlich festhalten
Die Wahrung von Würde und Anstand ist oberstes Gebot im Geschäftsleben. Ein Verstoß dagegen kann die Beziehungen unumkehrbar zerstören. Insbesondere während Geschäftsbesprechungen, wenn es ans "Eingemachte" geht, sollte dieser Grundsatz nicht in Vergessenheit geraten. Er hat auch klare Auswirkungen auf Verhandlungskultur und Strategie.
Eine Quelle von Missverständnissen birgt der britische Verhandlungsstil, denn der Engländer verhandelt nicht konfrontativ. Offene Kritik wird nicht geübt. Dies bedeutet zum Beispiel, dass der Brite zwischendurch "ja" sagt, ohne es zu meinen. Auch Schweigen ist keineswegs als Zustimmung auszulegen. Vielmehr sollte man nachhaken, wenn man nicht sicher ist und ein Zwischenergebnis/den betreffenden Punkt schriftlich festhalten, falls von größerer Bedeutung. Der Engländer ist ein geduldiger Zuhörer, der möglicherweise irgendwann im Gesprächsverlauf sehr deutlich zu erkennen gibt, in welche Lösungsrichtung es ihn treibt. Es gibt eine Reihe von Formulierungen, die als Kritik, fehlendes Einverständnis oder Erfordernis der weiteren Diskussion zu interpretieren sind. Wenn der Kommentar des Gegenüber etwa lautet "I understand your point, but ...", "It would be extremely difficult ...", "Oh, that's a very interesting idea of you" oder "I'm afraid ...", dann sind Sensibilität und Flexibilität gefragt. Meist wird der britische Partner aber auch selbst einen Ausweg andeuten.
Umgekehrt kann sich der deutsche Partner der gleichen Taktik bedienen. Auch er sollte dann die Fähigkeit besitzen, sein "Nein" freundlich zu verpacken und neue Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Ein offenes Widersprechen würde der britische Partner jedenfalls als zutiefst unhöflich auffassen. Auch aggressive Untertöne zeugen nicht von Geschick. Ein "Would it be possible " oder "We would like ..." klingt weit vielversprechender in englischen Ohren als ein rüdes "We want ...". Ähnlich steht es mit der Verwendung von "You must ...", das beim Engländer automatisch Widerwillen erzeugt. Auch hier macht der sanftere Ton des "Could you ..." oder "Would you ..." in Kombination mit einem "please" den entscheidenden kleinen Unterschied.
Produkt-Vorteile müssen argumentativ nachvollziehbar sein
Deutsche Geschäftsreisende in Großbritannien sollten versuchen, ihre wichtigen und zentralen Botschaften in lockerer und effizienter Weise vorzutragen. Deutsche Sachlichkeit und technische Analyse sollten etwas dem englischen Geschmack angepasst und die Zeitdauer von Präsentationen um etwa ein Drittel reduziert werden. Zu betonen ist die Servicementalität. In Großbritannien gehört es zum Alltag, dass im Falle von Reklamationen und Beschwerden Entgegenkommen erwartet und gezeigt wird.
Der Brite ist im Verhandlungsgespräch objektiv nachvollziehbaren Fakten und Nachweisen gegenüber aufgeschlossen. Wer Vorsprung durch Technik belegen kann, hat gute Karten. Meinung, Glaube und Gefühl reichen dabei nicht. Vorteile eines Produkts müssen argumentativ nachvollziehbar sein. Ein vergleichendes Heruntermachen von Konkurrenzerzeugnissen ist dem Briten wesensfremd. Vielmehr ist er die Lobpreisung durch den Hersteller/Anbieter gewohnt.
Der Engländer möchte nicht unter Druck gesetzt werden. Dies gilt erst recht für den Entscheidungsprozess, den er in Ruhe und rational zu Ende bringen möchte. Von grundlegender Bedeutung für den Briten ist als Verhandlungsergebnis eine Win-Win-Situation. Erst wenn beide Seiten erkennbar von einer Lösung profitieren und dies nach Möglichkeit "equally/fair", kehrt Zufriedenheit ein. Die wichtigsten Absprachen sollten am Schluss in einem Sitzungsprotokoll ("minutes of the meeting") niedergeschrieben werden. Kommt es nicht direkt zu einer Vereinbarung beziehungsweise bedarf es weiterer Schritte, wird meist ein nicht näher bestimmter Zeitrahmen für weitere Aktivitäten gesetzt.
Lesen Sie weiter auf Seite 7: "Never mix business with pleasure"
Nach dem Grundsatz "never mix business with pleasure" wird eine private Einladung ins eigene Heim die Ausnahme bleiben. Halb privat, halb geschäftliche Zusammenkünfte spielen jedoch durchaus eine Rolle. Dieser Teil, der als eher zwanglos gilt, findet nicht im viktorianischen Reihenhaus, im Castle oder Countryhouse statt, sondern man geht, meist in der Gruppe, aus, vielleicht in ein (Hotel-) Restaurant, einen (Gastro-) Pub oder Tea Room. Möglich ist auch eine Kombination aus Kultur (Museum, Besichtigung) und Restaurantbesuch. Größere Unternehmen mieten ferner für Fußball- und Rugbyveranstaltungen "executive suites" oder "boxes", in die der Gast, sofern Spielbetrieb herrscht, vielleicht geladen wird.
Nur bei der seltenen Einladung nach Hause ist das Mitbringen von Geschenken üblich. Dann bieten sich Champagner, Wein und Pralinen an. Hochprozentiger Alkohol oder Blumen gehören nicht zu den Favoriten. Bei privaten Einladungen wird (wie im übrigen auch bei geschäftlichen Veranstaltungen) ein Zeitrahmen (zum Beispiel: 7.30 for 8.00 p.m.) gegeben.
Pünktlich auf die Minute (7.30 p.m.) zu erscheinen ist unüblich, die Obergrenze (8.00 p.m.) nicht einzuhalten, unhöflich. Am besten trifft man im Umkreis eines akademischen Viertels (gegen 7.45 p.m.) ein. Auf der Einladungskarte gibt es oft höflich umschriebene und angedeutete Endzeiten (zum Beispiel: 10.30 p.m.), die man beachten sollte.
In Restaurants und Hotels ist Tischbedienung üblich. Im Pub bestellt man Getränke an der Theke, und zwar für die ganze Runde, die dann direkt bezahlt wird. Die Getränke trägt man selbst an den Tisch. Beim Pub-Essen wird am "Food point" bestellt und gezahlt. Grundsätzlich kann jeder zahlen, das heißt auch der "Gast" sollte Bereitschaft zeigen oder andeuten. Im Restaurant wird die Rechnung in der Regel für die ganze Gruppe gebracht. Diese einigt sich dann über das Bezahlungs-Verfahren, zum Beispiel Rechnungsbetrag durch Anzahl der Köpfe (unüblich ist exakte Aufschlüsselung). Etwas Großzügigkeit kann nicht schaden.
Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).
