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29.04.2008 
An der Schwelle zu Europa

Die Türkei holt auf

von Marcus Knupp und bfai

Mit hohen jährlichen Wachstumsraten von fünf bis sieben Prozent nähert sich die Türkei bereits den ärmeren EU-Staaten. Bei der Infrastruktur und in der Energieversorgung gibt es allerdings noch einige große Herausforderungen.

An der Schwelle zu Europa: die Türkei. Foto. dpaLupe

An der Schwelle zu Europa: die Türkei. Foto. dpa

ISTANBUL. Über 70 Millionen Einwohner, eine Wirtschaftsleistung von rund 500 Milliarden US-Dollar (US-Dollar) jährlich, hohe Wachstumsraten des BIP, zunehmende Verflechtung mit der Weltwirtschaft, eine vielfältige Industrie- und Dienstleistungslandschaft: Die Republik Türkei gehört wie Brasilien, Mexiko, die Volksrepublik China, Indien oder Indonesien in die Gruppe der Schwellenländer. Ihr Anteil an der globalen Ökonomie nimmt stetig zu und könnte in 15 bis 20 Jahren jenen der „alten Industrieländer“ übertreffen.

„In den nächsten fünf bis zehn Jahren könnte die Türkei eine Entwicklung wie Irland in den 90er-Jahren erleben“, meint Sertan Kargin, Chefvolkswirt der türkischen TEB Bank. „Das makroökonomische Programm der jetzigen Regierung weist ganz ähnliche Züge auf wie jenes in Irland zwischen 1980 und 1995“, begründet er seine Einschätzung. „Schwerpunkte sind die Verbesserung der Ausbildung, die Stärkung von Forschung und Entwicklung in der Türkei und die rasche Verbesserung der Infrastruktur – Kernelemente des irischen Aufstiegs.“

Bis in die jüngste Vergangenheit dominierten Branchen, die an handwerkliche Traditionen anknüpfen, wie Textil und Leder, Nahrungsmittel und Getränke oder Holzverarbeitung und Möbel, den sekundären Sektor der Türkei. Die überwiegend kleinen Betriebe bildeten die eine Seite einer unausgeglichenen Unternehmensstruktur. Ihnen gegenüber standen staatliche Großbetriebe der Grundstoffindustrie wie Stahlwerke oder Raffinerien, gestützt von ebenfalls staatlichen Banken sowie einigen großen Konglomeraten in Familienbesitz. Dem überwiegenden Teil der Privatwirtschaft fehlte es an Kapital für größere Investitionen.

Die Zweiteilung in kleine private und große Staatsbetriebe ist typisch für die industrielle Entwicklung in vielen Schwellen- ländern. Weitere Merkmale sind der Branchenmix und die ausgeprägten regionalen Unterschiede, die die Regierung mit Mitteln der Industriepolitik auszugleichen versucht.

In der Türkei ist der Nordwesten mit den Großräumen Istanbul und Izmir das wirtschaftliche Zentrum. Aber alternative Standorte wie die Hauptstadt Ankara, die Region Adana im Süden oder die anatolischen Städte Konya, Kayseri und Gaziantep gewinnen an Bedeutung. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine zunehmend mittelständisch geprägte Unternehmerschaft. Neugründungen, Partnerschaften mit ausländischen Herstellern und die Privatisierung von vormals staatlichen Betrieben haben die wirtschaftliche Landschaft der Türkei in den letzten 20 Jahren verändert. Neben die klassischen Produkte wie Hasel-nüsse, Jeanshosen und Lederjacken sind Autos, Kühlschränke oder Fernseher als neue Exportschlager getreten.

Allerdings ist bislang der Umfang importierter Vorprodukte hoch. Die Einfuhren steigen fast analog zu den Exporten, beharrlich hält sich das Leistungsbilanzdefizit. Im ersten Halbjahr 2007 überstiegen die Importe die Ausfuhren im Wert um 27,9 Milliarden US$. Hierin spiegelt sich die noch geringe Innovationskraft der türkischen Unternehmen, die in großem Umfang Maschinen und Anlagen einführen müssen. Weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes flossen 2006 in den Bereich Forschung und Entwicklung. In weiten Teilen befindet sich die Türkei noch in der Position der „verlängerten Werkbank“ mit dem wesentlichen Absatzmarkt Europa.

Technologie fließt in der Regel durch die Zusammenarbeit türkischer Unternehmen mit ausländischen Partnern ins Land. „Spill-over-Effekte werden zu merklichen Produktivitätssteigerungen auch bei lokalen Herstellern führen“, sagt Kargin. Beschleunigend wirkt dabei die immer stärkere Verflechtung mit der EU. Die europäischen Länder sind der mit Abstand wichtigste Markt für türkische Ausfuhren. Daher werden die dort gültigen Standards und Normen rasch übernommen. Der enger werdende Verbund in der Produktionssphäre läuft den deutlich zäheren politischen Beitrittsverhandlungen deshalb mit lockerem Schritt voraus. Die wesentlichen Hindernisse für die weitere Annäherung an die Europäische Union liegen auf politischen und rechtlichen Feldern.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Einfuhren steigen fast analog zu den Exporten

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