In der afrikanischen Gesellschaft findet man unterschiedliche Wertvorstellungen, je nachdem, mit welcher Bevölkerungsgruppe man es zu tun hat. Denn es gibt kaum ein Land mit einer homogenen Bevölkerungsstruktur, sondern immer finden sich mehrere Kulturen nebeneinander - wenn auch mit unterschiedlicher zahlenmäßiger Gewichtung. Dies sind in Ostafrika, namentlich Kenia, Tansania und Uganda, die schwarzen Afrikaner mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die asiatischen Bevölkerungsteile, überwiegend Inder, sowie die noch wenigen verbliebenen Europäer als Nachfahren ehemaliger Siedlerfamilien aus der Kolonialzeit. So trifft man in Kenia zum Beispiel noch Briten beziehungsweise britischstämmige Kenianer ("white Kenyans") in Führungspositionen der Wirtschaft, vornehmlich in Niederlassungen britischer Unternehmen, aber auch als Rechtsanwalt, Arzt oder Architekt.
In Zentral- und im frankophonen Westafrika spielen Franzosen und Libanesen in gewisser Hinsicht eine ähnliche Rolle wie die Engländer und Asiaten in den früheren britischen Kolonien. Dort sind die größten Importfirmen häufig Tochtergesellschaften französischer Mutterhäuser, die zumindest den Chefposten mit einem Landsmann besetzen. Da der Siedlungsgedanke bei der französischen Kolonisierung bei weitem nicht die Bedeutung hatte wie während der britischen Herrschaft in Ostafrika, sind diese Führungskräfte zumeist entsandte "expatriates" mit begrenzter Aufenthaltsdauer.
In Ländern mit besonders engen Beziehungen zu Frankreich, wie Senegal, Gabun, die Republik Kongo, mit Einschränkungen Kamerun und bis zu den pogromartigen Ausschreitungen im November 2004 auch in Côte d'Ivoire, haben sich dennoch Franzosen mit ihren Familien - teilweise schon über mehrere Generationen - niedergelassen. Sie üben ebenfalls die erwähnten freien Berufe aus oder führen eigene mittelständische Unternehmen des Handels und des verarbeitenden Gewerbes. Sie und die "expatriates" sind - sofern keine direkten Konkurrenten - für den Besucher wertvolle Auskunftspersonen, die einen objektiveren Blickwinkel haben. Ob als direkter Verhandlungspartner oder als Vermittler von Landeskenntnissen - bei beiden Gruppen kann ein vertrauter Gesprächsstil erwartet werden. Zumeist dürfte ein Treffen noch etwas weniger förmlich verlaufen als von daheim gewohnt.
Asiaten sind im Osten und Libanesen im Westen des Kontinents zahlenmäßig noch prominenter vertretenen als die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmächte. Die einst von den Briten als Arbeiter zum Bau der Eisenbahn ins Land geholten Inder stellen heute die Säule der mittelständischen Wirtschaft Kenias dar. Auch in Tansania und vor allem in Uganda, wo die Inder in den 70er Jahren vom damaligen Diktator Idi Amin vertrieben worden waren, wächst die indische Minderheit seit den 90er Jahren wieder.
Kennzeichen der indischen Gesellschaft in einem fremden Kulturkreis ist der enge Zusammenhalt untereinander, der auch leicht zur Abschottung gegenüber den "Eingeborenen" wird. Dies trifft vor allem auf indisches Leben in Afrika zu, wo eine Vermischung mit Afrikanern niemals stattfand. Dies wird gelegentlich - nicht nur von Afrikanern - als eine besondere Art von "Rassismus" ausgelegt. Wenn ein solches Pauschalurteil auch sicherlich der Differenzierung bedarf, so ist es eine unübersehbare Tatsache, dass generell das Verhältnis zwischen Indern und Schwarzen bei vielen als sprichwörtlich schlecht gilt.
Die in Westafrika eingewanderten Libanesen haben durch ihre Bereitschaft zur Integration und durch die Gleichbehandlung der Einheimischen zu einem fast spannungsfreien Verhältnis zwischen beiden Seiten beigetragen. Die Zahl der aus dem vorderen Orient eingewanderten Personen ist beträchtlich und wird für ganz Afrika auf 250.000 bis 300.000 geschätzt. Dass der Begriff "Libanais" oft scherzhaft als Berufsbezeichnung - und zwar für den Kaufmann - gebraucht wird, zeugt auch von einer Portion Respekt und Anerkennung für den geschäftlichen Erfolg.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Sensibilitäten immer beachten
