Was einige als Schlitzohrigkeit und an der Grenze einer seriösen Geschäftsbeziehung empfinden, bezeichnen andere als indische Geschäftstüchtigkeit. Auf jeden Fall kann für erfolgreiche Verhandlungen eine gute Portion Gelassenheit und eine positive Grundeinstellung gegenüber Indien nicht schaden.
bfai NEW DELHI. Obwohl der Subkontinent mit seinen unterschiedlichen Facetten in seiner Gänze kaum zu erfassen ist, ein paar generelle Tipps lassen sich geben, damit der erste Geschäftsbesuch zumindest nicht zu Missverständnissen führt.
Die Begrüßung erfolgt unspektakulär per Handschlag und Austausch der Visitenkarten, allerdings sollte bei Frauen erst darauf gewartet werden, ob diese ihre Hand zur Begrüßung reichen oder nicht. Im letzteren Fall ist es ratsam, es bei Grußwörtern zu belassen. Es wird allgemein erwartet, älteren Personen besonderen Respekt zu zollen - vielleicht noch stärker, als dies in Deutschland der Fall ist.
Männliche Geschäftsleute sollten sich bei Einladungen Frauen gegenüber äußerst zurückhaltend verhalten. So gilt es beispielsweise alles andere als höflich, der Ehefrau des Gastgebers besondere Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn diese vorher teilnahmslos und scheinbar gelangweilt abseits stand. Bei gesellschaftlichen Anlässen ist es weiterhin meist üblich, dass Männer und Frauen jeweils unter sich bleiben. Diese Konstellation ändert sich erst, wenn längere Freundschaften geknüpft werden.
In Bezug auf Stellungnahmen zur wirtschaftlichen Situation im eigenen Land wechseln Inder bisweilen von einem Extrem ins andere - von einer patriotisch optimistischen Haltung zu teilweise recht harscher Kritik. Der ausländische Beobachter sollte jedoch keinesfalls die geäußerten kritischen Bemerkungen als Stein des Anstoßes nehmen, seine in Indien gesammelten negativen Erfahrungen von der Seele zu reden. Im Gegenteil: Peinlichst genau ist darauf zu achten, den Landesstolz des Gegenübers nicht zu verletzen. Für kritische Berichterstattung finden sich genügend Interessierte auf den alternativen Expatriates-Veranstaltungen. Es empfiehlt sich, sofern der Gesprächspartner nur flüchtig bekannt ist, dem heiklen Thema Pakistankonflikt auszuweichen. Allgemein sind anzügliche Themen auch nach ein paar Gläsern Bier strikt zu vermeiden.
Außenstehende empfinden das Verhalten von Indern untereinander teilweise auf den ersten Blick als unhöflich. Mag es an der Lautstärke der Konversation oder den teilweise spektakulären Gestikulationen liegen: Zunächst meint der Newcomer einen Konflikt ausgemacht zu haben. Dies ist jedoch meist nicht der Fall, was insbesondere dann irreführen kann, wenn bei Verhandlungen mit mehreren Geschäftsleuten die Konversation falsch interpretiert wird.
Auch in Bezug auf Körperkontakt ist der Umgang tendenziell etwas ruppiger, was vom versehentlichen Anrempeln bis hin zum freudigen Schulterklopfen reichen kann. Ebenfalls vom klassischen europäischen Höflichkeitsverständnis weicht ab, dass eine Konversation mitten im Satz unterbrochen wird, wenn das Mobiltelefon läutet. Von all diesen Dingen sollte sich der ausländische Geschäftsreisende nicht beeindrucken lassen und an seinem üblichen Verhaltenskodex festhalten. Dies wird in der Regel auch so von ihm erwartet.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die erste Begegnung mit dem Geschäftspartner
Nur auf besonderem Wunsch des potenziellen Geschäftspartners erfolgt die erste visuelle Begegnung in seinen Büroräumen. Zum einen sind die Büroräume von mittelständischen Unternehmen oft nicht mit adäquaten Empfangsräumen versehen, was jedoch nicht der Hauptgrund dafür ist. Letzterer dürfte eher darin bestehen, dass auf Grund der infrastrukturellen Unzulänglichkeiten in den großen Städten die Anfahrtswege oftmals mühsam und zeitaufwendig sind, oder dass es auch oft für einen Taxifahrer recht schwierig ist, bestimmte Adressen zu finden. Dieses soll dem Gast erspart bleiben.
Im Regelfall findet das erste Treffen deshalb in einem Fünf-Sterne-Hotel statt, wo die infrastrukturellen, klimatischen sowie kulinarischen Ansprüche des ausländischen Partners gewährleistet sind. Spätestens nach dem ersten Treffen dürfte der Geschäftsreisende mit Blick auf seine Armbanduhr festgestellt haben, dass es in Indien eine andere Interpretation von Pünktlichkeit gibt. Sollte es zu einer 15- bis 30-minütigen Verspätung des Gesprächspartners kommen, so sollte dies keinesfalls als persönlicher Affront gewertet werden.
Vielmehr kann diese Erweiterung des Erfahrungshorizonts genutzt werden, indem spätere Geschäftsterminplanungen großzügiger in den Terminplaner eingetragen werden. Auch zu beachten ist, dass Treffen vor zehn Uhr morgens eher unüblich sind. In bezug auf Terminvereinbarung müssen zahlreiche indische Feiertage beachtet werden. In Firmen, die Mitarbeiter verschiedener Religionen beschäftigen, ist dies nicht einfach.
Die Tatsache, dass Englisch zusammen mit Hindi die offizielle Amtssprache des Subkontinents ist und zumindest in den großen Metropolen meist problemlos angewandt werden kann, sollte nicht Anlass zur Entwarnung für etwaige Verständigungsprobleme geben. Zumindest am Anfang haben nicht wenige Ausländer Probleme mit dem "indischen Englisch". Es ist ratsam, die Existenz einer funktionierenden Kommunikationsbasis im Vorfeld sicherzustellen.
Es ist durchaus nicht unüblich, dass gleich bei einem ersten Treffen eine Vielzahl von Fragen im Raum stehen, die der Zuhörer aus Europa aus seiner kulturellen Wertung als indiskret empfindet. Diese beziehen sich auf eine weite Bandbreite an Themen von der Offenlegung finanzieller Fakten bis hin zu äußerst persönlichen Informationen. Dieser Konfrontation sollte mit einem gewissen Maß an Lockerheit begegnet werden. Freunde des Small Talks dürften in jedem Fall auf ihre Kosten kommen.
Die erste Priorität besteht darin, die Rolle des Gegenübers innerhalb seines Unternehmens sowie seine Entscheidungskompetenz herauszufinden. Dies ist oftmals nicht leicht und bleibt bisweilen auch während des ersten Zusammentreffens unklar. In jedem Fall sollten nicht nur die Informationen auf der Visitenkarte zu Rate gezogen werden, von denen einem indischen Geschäftsmann ohnehin bisweilen mehrere zur Verfügung stehen.
Als Referenzen geben lokale Unternehmensvertreter in der Regel eine Liste von Firmennamen, mit denen sie schon kooperiert haben. Dabei werden sämtliche Geschäftsabläufe und Kontaktanbahnungen berücksichtigt und dementsprechend vorsichtig sollten diese Informationen verwertet werden. Vor allem sämtliche Kontakte mit ausländischen Geschäftsleuten, so marginal sie auch gewesen sein mögen, werden gerne aufgebauscht. Darunter fallen insbesondere Beziehungen zu diplomatischen Vertretungen. Im Regelfall gehen ausländische Geschäftsleute positiv gestimmt aus einem ersten Treffen mit dem kommunikativen Partner heraus. Hier empfiehlt es sich, die Anfangseuphorie ein wenig zu zügeln und eine kritische Nachbearbeitung vorzunehmen. Erste Versprechen sollten nicht in die Waagschale geworfen werden.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Essen mit den Händen
Bei Geschäftsessen gibt es keine allgemein zu beachtenden oder typischen Tischsitten. So ist die Etikette bei Tisch sehr unterschiedlich und in einer Bandbreite von übertrieben vornehm bis zum Essen mit den Händen und aufdringlicher Geräuschkulisse kann alles beobachtet werden. Es wäre allerdings ein Fehler, von den Tischmanieren auf die Bildung oder den sozialen Rang voreilige Rückschlüsse zu ziehen. Bei Ausländern bewährt sich das Festhalten an den in Europa gängigen Tischsitten, wenn davon abgesehen wird, dass einige Gerichte per se mit der Hand verspeist werden - so beispielsweise die zum Essen gereichten Brote, die in die verschiedenen Curries gedippt werden. Dann bleibt jedoch zu beachten, dass auch Linkshänder mit der rechten Hand speisen müssen, da die linke Hand als unrein gilt.
Inder essen abends in der Regel außerordentlich spät. Findet ein Geschäftsessen nicht im Restaurant sondern im Rahmen einer privaten Einladung statt, ist der landesspezifische Ablauf einer solchen Zusammenkunft zu beachten. Typisch ist beispielsweise eine Einladung um 19.30 Uhr, bei der die Gäste ab 20.00 (nach hinten sind kaum Grenzen gesetzt) eintreffen. Dann werden Drinks serviert und Snacks gereicht, was sich durchaus bis 23.00 hinziehen kann. Wird schließlich das Abendessen (meist in Buffetform) serviert, so ist der Abend fast schon gelaufen: Nach dem Essen verabschieden sich die Gäste meist.
Das Angebot an indischen Speisen ist sehr vielfältig und kommt in der Regel bei ausländischen Besuchern sehr gut an. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, wenngleich die Speisen stärker gewürzt sind, als dies in indischen Restaurants in Deutschland der Fall ist. Bei Fleisch reduziert sich das Angebot meist auf Chicken oder Mutton. Reisende tendieren jedoch dazu, auf dem Subkontinent weniger Fleisch zu verzehren und stattdessen auf die große Auswahl an vegetarischen Gerichten zurückzugreifen. Fisch und Meeresfrüchte sind in der Wintersaison zu empfehlen. Wer seine Experimentierfreudigkeit beispielsweise auf Grund des stressigen Terminkalenders reduzieren möchte, findet mittlerweile auch ein ausreichendes Angebot an bekannten westlichen Gerichten vor.
Das Lieblingsgetränk von Ausländern auf dem Subkontinent ist das erfrischende Fresh Lime Soda. Bei alkoholischen Getränken sind ausländische Marken auf Grund der hohen Einfuhrbelastung unverhältnismäßig teuer. Dies fällt vor allem bei Wein stark ins Gewicht, da dieser nur in äußerst geringem Ausmaß aus lokaler Produktion erhältlich ist. Äußerste Vorsicht ist insbesondere bei Kurzaufenthalten in Bezug auf die hygienischen Aspekte der Nahrungsaufnahme angesagt. Hier können auch Luxushotels nicht immer Entwarnung geben.
In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass die bei Buffets erhältlichen Gerichte im Laufe des Abends mehrfach aufgewärmt werden. Zwar erwartet der indische Gastgeber nicht zwangsläufig, dass eine Gegeneinladung erfolgt, jedoch dürfte die Resonanz positiv sein, wenn sich der ausländische Geschäftspartner mit einem Essen in seinem Hotel revanchiert.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ausgeprägte Form des Ich-Marketings
Auf dem Subkontinent wird nicht lange gefackelt und die dem Partner zur Verfügung stehenden Karten werden relativ schnell auf den Tisch gelegt. Allein beim Fällen eines Gesamturteils kommt es oft zu Fehlinterpretationen von ausländischer Seite. Maßgeblich sind dafür zwei Gründe verantwortlich: Zum einen unterschätzen internationale Unternehmen die ausgeprägte Form des Ich-Marketing bei ihren indischen Counterparts, was oft als Spiel mit gezinkten Karten interpretiert wird. In überschwänglicher Form werden Geschäftsszenarios kreiert, alles steht in einem positiven Licht und nur ganz selten ist etwas unmöglich.
Auf der anderen Seite dürfen die zahlreichen bürokratischen und sich oft ändernden Auflagen der für das jeweilige Geschäftsfeld zuständigen Behörden nicht unterschätzt werden, unter denen auch der indische Geschäftspartner leidet. Das geschäftliche Netzwerk des Partners - bestehend aus seinem Erfahrungsschatz aus früheren Operationen - sollte unbedingt studiert werden. Staatliche Beziehungen gewichten in diesem Zusammenhang besonders stark. Auch hier gilt: Die Meinung unabhängiger Dritter muss eingeholt werden, um die selbstbewusste Darstellung des Gegenübers zu relativieren oder auch zu bestätigen.
Von Ausländern wird oft bemängelt, dass bei Verhandlungen in Indien das schnelle Geld vor einer langfristigen Geschäftsbeziehung im Vordergrund steht. Es ist sicherlich richtig, dass das manche Partner ein Geschäft auf Teufel komm raus abschließen wollen, um sich kurzfristige Einnahmen vor der Konkurrenz zu sichern. Dennoch darf vor diesem Hintergrund der Grundsatz "Business means Friendship" nicht unterschätzt werden, der auf dem Subkontinent weitaus mehr ins Rampenlicht rückt, als Europäer dies gewohnt sind. Auf der Grundlage einer Geschäftsbeziehung sehen indische Geschäftspartner erst recht eine fruchtbare Ausgangssituation, um weitere - teilweise auch branchenfremde Deals - anzuleiern.
Bei Verhandlungen ausländischer Geschäftsleute ist immer wieder zu beobachten, dass diese bei ihrem indischen Partner zu sehr vom äußeren Erscheinungsbild auf dessen Kompetenz schließen. Auch hier gelten andere Maßstäbe als in Europa. Dies bezieht sich nicht nur auf die Kleidung oder Gestik des Gegenübers sondern auch auf die Größe und Einrichtung des Büros. Diese Determinanten sollten bei der allgemeinen Einschätzung auch berücksichtigt, aber nicht so stark gewichtet werden, wie dies sonst üblich ist. Als Hauptgrund dafür, warum internationale und indische Partner oftmals aneinander vorbeireden und dies allerdings erst später merken, liegt dem Vernehmen nach an den unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen - vor allem dann, wenn der indische Counterpart Waren nach Deutschland oder Vorerzeugnisse beziehungsweise Materialien für eine Produktion vor Ort liefern soll.
Viele internationale Lieferanten setzen Handelsvertreter ein, die kaum Marketing-Know-how mitbringen. Vielmehr sollen sie durch ihre Erfahrungen und Beziehungen dabei helfen, die langen und mühsamen Vertriebswege auf dem Subkontinent zu überbrücken. Die Verhandlungen mit dem Handelsvertreter vor Ort sollte der ausländische Firmenvertreter nicht nur im Anfangsstadium oder in längerfristigen Intervallen, sondern auf einer möglichst permanenten Basis führen, um zu verhindern, dass sich eine unerwünschte Eigendynamik entwickelt.
Als besonders heikel, aber interessant, stufen Unternehmen mit Erfahrung im Indiengeschäft die Preisverhandlungen mit den Partnern vor Ort ein. Einerseits handelt es sich dabei um das mit Abstand wichtigste Entscheidungskriterium, andererseits werde allerdings krampfhaft versucht, diese Begebenheit im Gespräch herunterzuspielen. Wenn im Nebensatz die Bemerkung "Geld spielt ja keine Rolle" zu vernehmen sei, sollte vom Gegenteil ausgegangen werden, wird empfohlen. Die Verhandlungen gelten als "knallhart" und die Anfangsgebote in der Regel als zunächst unüberwindbar auseinanderklaffend, was allerdings nichts über den Ausgang der Gespräche aussagen müsse, heißt es. In diesem Verhandlungsstadium sei es ratsam, offen seine Meinung zu sagen.
Allgemein bezeichnen Unternehmen mit Indienerfahrung das Verhandlungsklima auf dem Subkontinent jedoch als angenehm und interessant, was nicht nur daran liegt, dass Englisch als offizielle Geschäftssprache etabliert ist, sondern in erster Linie damit zusammenhängt, dass die Gespräche in der Regel sehr offen und interessant geführt werden. Wichtig dafür ist allerdings eine positive Grundeinstellung gegenüber Indien. Wer schon im Anfangsstadium auf Grund der extremen klimatischen, hygienischen oder infrastrukturellen Defizite eine gewisse Aversion empfinde, solle lieber nicht in Verhandlungen treten, ist immer wieder zu hören.
Nicht unbedingt muss eine außergewöhnliche landesspezifische - vielleicht sogar vermeintlich unseriöse - Vorgehensweise schlecht sein, nur weil sie im Ausland unüblich beziehungsweise nicht praktikabel ist", raten Unternehmen, die in Indien mit auf den ersten Blick unkonventionellen Methoden Erfolg haben. Was einige als Schlitzohrigkeit und an der Grenze einer seriösen Geschäftsbeziehung empfinden, bezeichnen andere als indische Geschäftstüchtigkeit. Aber auch sie weisen dringend auf eine sorgfältige Prüfung der Sachlage hin. Die derzeitigen Rahmenbedingungen brächten große Chancen, aber auch genauso viele Risiken. Auf Grund der kulturellen Unterschiede lassen sich vertrauensvolle Partnerschaften, so ist von alteingesessenen Unternehmen zu hören, erst nach einer sehr langen Beziehung entwickeln. Erst dann könnten unterschiedliche kulturelle Auffassungen, beispielsweise was die Pünktlichkeit von Termingeschäften oder das Qualitätsverständnis angeht, geklärt werden, heißt es.
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Geschäftsleute, die über einen längeren Zeitraum hinweg in Indien engagiert sind, zählen in der Regel ihre Businesspartner auch zu ihrem Freundeskreis. Das zeugt keinesfalls von einer mangelnden Kontaktfreudigkeit oder allgemein geringer Beliebtheit. Vielmehr ist dies ein Abbild der landesüblichen Beziehungsstrukturen. "Friendship means Business", lautet die Parole bei privaten Kontakten und anders als in westlichen Industriestaaten wird dieser Zusammenhang auf dem Subkontinent offen ausgesprochen. Erst schockiert, gewöhnen sich ausländische Expatriates nach einer gewissen Zeit an diese Spielregel und lernen, damit umzugehen.
Dies ist jedoch nicht immer leicht. Kommt es zu keinem Abschluss mit dem Partner, so erwartet dieser mit dem Hinweis, "Wir sind doch Freunde", zumindest ein kleines Anschlussgeschäft. Ein Vorzug der indischen Mentalität ist, dass klar und deutlich die Meinung gesagt werden kann, ohne dass der Betroffene beleidigt ist und den Kontakt abbricht. Daher können ausländische Firmen auch ohne Probleme Geschäfte mit Partnern machen, die vorher schon einmal aussortiert wurden. Das gleiche gilt - da identisch - logischerweise auch für private Beziehungen.
Werden auch flüchtige Bekannte bei gesellschaftlichen Anlässen getroffen, so kommt es zu überschwänglichen Begrüßungsszenen, die zwar nicht ernst genommen, sondern mitgemacht werden sollten. Im Dreiergespräch können Freundschaften intensiviert werden, indem der Bekannte gelobt und auf seine reichhaltigen internationalen Kontakte hingewiesen wird.
Das "indische Englisch" ist am Anfang ein wenig gewöhnungsbedürftig, was sich jedoch nach einigen Konversationsübungen legt. Nicht selten kommt es dabei auch zu einem Hindi-Englisch-Mix. Bei Kommunikationsproblemen - beispielsweise mit dem Taxifahrer - ist es ratsam, das Anliegen auf das Wesentliche zu reduzieren und umständliche Höflichkeitsfloskeln zu vermeiden, wie dies auch in Hindi der Fall ist. Im Gegensatz dazu ist die Vertragssprache des Subkontinents eher komplex und für westliche Begriffe teilweise unpräzise. Während beim geschriebenen Wort das Nachhaken völlig normal ist, sollte ein zu häufiges "Wie bitte?" oder "Was?" im privaten Umgang möglichst vermieden werden.
Gastgeschenke sind bei Geschäftsreisen in der Regel unüblich. Soll trotzdem auf diese Weise die Aufmerksamkeit der potenziellen Partner geweckt beziehungsweise erreicht werden, bietet sich das Überreichen von firmenbezogenen "Give-aways" an, die lediglich zur Hälfte den Charakter eines Geschenks aufweisen und ansonsten Marketingzwecken dienen. Bei privaten Einladungen bietet sich das Mitbringen einer guten Flasche Wein an, die entweder auf dem Subkontinent nicht erhältlich oder auf Grund der hohen Zollbelastung unverhältnismäßig teuer ist. Im Notfall kann auch auf einen Strauß Blumen zurückgegriffen werden, die in Straßenläden der großen Städte erhältlich sind.
Das indische Kastenwesen übt auch in den großen Städten immer noch einen großen Einfluss auf die persönlichen Verhaltensmerkmale aus. Als Folge ergibt sich unter anderem ein für europäische Verhältnisse andersartiges allgemeines Verantwortungsbewusstsein. In Firmen ist generell davon auszugehen, dass Angestellte peinlichst genau darauf achten, ein Überschreiten ihrer Entscheidungskompetenz zu vermeiden, wovon teilweise die simpelsten Arbeitsabläufe betroffen sind. Für den Ausländer ist es oft erstaunlich, wie viele Helfershelfer sich in Firmen, aber auch in privaten Haushalten tummeln.
Umgekehrt fehlt auch nicht selten ein Verantwortungsbewusstsein bei den Entscheidungsträgern nach außen hin, da letztendlich alle Abläufe delegiert werden. Dies lässt sich plastisch mit einem Beispiel aus dem stressigen Straßenverkehr in Mumbai verdeutlichen, wo Fahrer zum Hupen, Drängeln und Verkehrsregelüberschreitungen praktisch gezwungen sind und letztendlich den Kopf hinhalten müssen, wenn es zum Unfall kommt. Im privaten Umgang mit Indern ist zu empfehlen, die zahlreichen Hausangestellten bei Einladungen höflich zu ignorieren. Das Einleiten eines Small Talks mit den Servants kann zu Missverständnissen führen und sowohl für den Gastgeber als auch für den Angestellten eine unangenehme Situation darstellen.
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Der indische Subkontinent besteht aus einem kulturellen Mix, der in den Bereichen Religion, Mentalität, Verhaltensweise und Sprache die unterschiedlichsten Facetten beinhaltet. Die Regierungsverantwortlichen sind zurecht stolz auf den Titel "die größte Demokratie der Welt", denn das Zusammenleben der Milliardenbevölkerung mit ihren unterschiedlichen Gruppierungen verläuft im Großen und Ganzen friedlich. Die größte Ausnahme von dieser Regel stellt die Krisenregion Kaschmir dar, in der es zu regelmäßigen Auseinandersetzungen mit Pakistan und terroristischen Anschlägen kommt.
Der Indienreisende trifft innerhalb des Landes auf regionale Unterschiede. Während Südindien eher ein liberales und offenes Image genießt, werden die Bewohner des Nordens eher als konservativ und zurückhaltend eingeschätzt. Dieser Unterschied spiegelt sich auch in den Metropolen Delhi und Mumbai wieder. Während Geschäfte in der Hauptstadt über Regierungsbeziehungen und entsprechende Zuwendungen abgewickelt werden, regieren in der moderneren südlichen Finanzhochburg schon eher die Gesetze des Marktes. Während im östlichen Bengalen kulturelle Aspekte den Tagesablauf bestimmen, gilt der westliche Bundesstaat Gujarat als außerordentlich geschäftsorientiert.
Indien blieb im wirtschaftspolitischen Kontext lange Zeit nach außen geschlossen, was sich letztendlich als Entwicklungshemmnis in verschiedenen Segmenten - am augenscheinlichsten im Bereich der Infrastruktur - herausstellte. Auch nach der - teilweise WTO-bedingten Öffnung - kämpfen immer noch einflussreiche Lobbyisten gegen den zunehmenden Einfluss aus dem Ausland.
Das Verhältnis zu Deutschland ist sehr gut, auch wenn sich dies noch nicht befriedigend in den bilateralen Handelsströmen und den Investitionsstatistiken widerspiegelt. Bei größeren Investitionen kommen deutsche Unternehmen nicht so sehr zum Zuge wie ihre Counterparts aus den USA. Die eine Seite macht Nachteile beim politischen "Standing" dafür verantwortlich, während die andere eine fehlende Risikobereitschaft der Investoren als Teilursache ausmacht. Auch bei der "modernen Brücke" zwischen Deutschland und Indien, der Akquirierung von IT-Experten, ist noch Verbesserungspotenzial vorhanden. Indische Wirtschaftsvertreter führen nicht nur sprachliche Barrieren dafür an, dass die lokale Computer-Nachwuchsgeneration bislang die Reise nach Großbritannien oder die USA vorzieht. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass dort schon große indische Communities bestehen, die für ein vertrautes Umfeld sorgen.
Indien ist in vielerlei Hinsicht das Land der Extreme par excellence. Klima, Kultur, Religion, Mentalität und auch Geld sind einige der Determinanten, die sich im Wechselspiel polarisieren, was für den Ausländer häufig zu körperlichen sowie mentalen Belastungen führt. Dennoch trifft der in Reiseführern immer wieder zitierte Slogan: "Entweder man liebt Indien oder man hasst es" im Zeitalter der zunehmenden Internationalisierung und in der Welt, in der sich Geschäftsleute im "modernen" Indien bewegen, immer weniger zu.
Fest steht allerdings, dass der Außenstehende ein gesundes Maß an Akzeptanz, Anpassungsfähigkeit sowie ein dickes Fell mitbringen oder sich aneignen muss, wenn er sich längerfristig auf dem Subkontinent orientieren möchte. Trotz der zunehmenden Internationalisierung hat es für die meisten ausländischen Geschäftsleute aus Europa immer noch etwas Exotisches an sich, wenn sie nach einer halbtägigen Flugreise in einer der großen indischen Metropolen aus dem Flugzeug steigen: Mag es an dem tropischen Klima, an den gewöhnungsbedürftigen infrastrukturellen Beschaffenheiten der Flughäfen oder an der Tatsache, dass nahezu alle internationalen Flüge auf dem Subkontinent mitten in der Nacht landen, liegen. Zumindest in den großen Städten lassen sich mittlerweile - allerdings unter Einhaltung verschiedener grundlegender Spielregeln - Geschäftstermine in einem komfortablen und stressfreien Umfeld abhalten.
Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).
