Der Atomstreit mit dem Iran beeinträchtigt auch die Geschäftsbeziehungen mit Teheran. In der Atomfrage kommt es zu beängstigenden Drohkulissen, in der Wirtschaftspolitik fährt der Zug Richtung Abstellgleis. Auch deutsche Unternehmen müssen sich entscheiden: Business as usual oder politisch korrekte Zurückhaltung? Außenhändler und Investoren sind verunsichert.
TEHERAN. Ob die deutschen Exporteure 2007 noch einmal so gut davonkommen, ist zweifelhaft. Die beiden größten Determinanten lassen sich auf zwei Schlagworte reduzieren: Atompolitik und Erdölförderung. Die politische Diskussion über das iranische Atomprogramm und die dabei entwickelten Szenarien zeigen bereits heute konkrete Auswirkungen.
Außenhändler und Investoren sind verunsichert. Die Abwicklung von Handelsgeschäften ist schwieriger und teurer geworden. Banken ziehen sich aus dem Irangeschäft zurück, die Kosten für Akkreditive und Exportversicherungen sind gestiegen. Hinzu kommen ganz persönliche Widrigkeiten: Ausländische Firmenvertreter im Iran überlegen es sich zweimal, ob sie Lebenspartner oder Familie einem Aufenthalt in einem potenziellen Krisengebiet zumuten wollen.
Rückläufige Aufträge
Aber nicht nur die ausländischen Anbieter, sondern auch die inländischen Nachfrager haben es angesichts der gestiegenen Investitionsrisiken schwerer und halten sich zurück. Handelsvertreter in Teheran berichten über schmelzende Auftragsbestände: Die Bilanz für 2006 sei positiv, weil reichlich Aufträge aus 2005 abgewickelt worden seien. An neuen Bestellungen für 2007 aber fehle es. Bei einigen Vertretern gibt es Hinweise auf eine Reduzierungen des Engagements: Umzug in kleinere Gebäude und Abbau von Personal. Das Servicegeschäft aufrechterhalten, die Kosten reduzieren, Stellung halten für bessere Tage, lautet die Devise. Dabei muss jedoch einschränkend gesagt werden, dass repräsentative Erhebungen hierüber nicht vorliegen. Wer Einbußen hat, klagt, wem es gut geht, ist lieber still.
Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelkammerstages und der Industrie-und Handelskammer Ostwestfalen bei über 120 im Iran engagierten deutschen Unternehmen Anfang 2007 ergab, dass ein Drittel der befragten Unternehmen rückläufige Irangeschäfte meldet. Ebenfalls ein Drittel der Befragten gab an, für die nahe Zukunft eine weitere Verschlechterung der gegenwärtigen Situation zu erwarten. Als Gründe wurden vor allem Exportbeschränkungen, das internationale Umfeld sowie Kompetenzwirrwarr und schleppende Auftragsvergabe auf iranischer Seite genannt. Presseberichte, die USA übten Druck auf deutsche Unternehmen aus, ihr Iranengagement zu überdenken, wurden durch die Erhebung relativiert. Nur jedes zehnte befragte Unternehmen gab an, es fühle sich einem informellen Druck ausgesetzt, hinzu kamen einige, die glaubten, einen solchen Druck in Ansätzen zu spüren.
Ob sich das politische Tiefdruckgebiet über dem Iran verzieht oder zu einem Sturm verschlimmert, bleibt abzuwarten. Politischen Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet.
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Im Feuer der Kritik steht der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad, der im Ausland vornehmlich wegen seiner Nuklearpolitik und Israelansichten, im Inland dagegen für ökonomische Fehlentscheidungen kritisiert wird. Politische Beobachter scheinen sich weitgehend einig, dass der Präsident einflussreiche Anhänger verloren hat und weiter verliert, seine Wiederwahl 2009 deshalb nicht sicher ist. Aber auch wenn es einen Nachfolger geben sollte, mit einem baldigen Regimewechsel rechnet fast niemand.
Die zweite Gretchenfrage betrifft die Ölpolitik. Iran hat die zweitgrößten Reserven der Welt, die Infrastruktur der Petroleumindustrie aber sträflich vernachlässigt, nötige Brunnen nicht gebohrt. Gefördert werden derzeit rund 3,9 Mill. Fass Öl am Tag - Mitte der 70er Jahre waren es einmal 6 Mill. Fass. Der Eigenverbrauch liegt bei 1,5 Mill. Fass am Tag - dreimal soviel wie 1980. Pro Tag müssen 170 000 Fass Benzin importiert werden, was im Jahr mehr als 4 Mrd. US-Dollar kostet. An der Zapfsäule kostet der Liter Diesel lediglich zwei Cent, der Liter Super acht. Diese und andere Energiesubventionen kosten etwa 20 Mrd. US-Dollar im Jahr, schätzt der Internationale Währungsfonds.
Die iranische Erdölpolitik zeigt sich kurzsichtig. Die Regierung traut sich nicht, der Bevölkerung unpopuläre Wahrheiten über die teure Energieversorgung zuzumuten, und verschiebt immer wieder seit langem geplante Benzinrationierungen. Die Erlöse aus den Ölexporten werden in einen ineffizienten Wohlfahrtsstaat gepumpt, der staatliche Erdölsektor gleichzeitig aber auf eine Hungerdiät gesetzt, obwohl von ihm mehr als die Hälfte der Regierungseinnahmen abhängen - 2006 rund 47 Mrd. US-Dollar.
Der stellvertretende iranische Ölminister, Mohammed Hadi Nejad-Hosseinian, brachte es in einem Interview mit der "Los Angeles Times" in bemerkenswerter Offenheit auf den Punkt: Wenn die Regierung nicht den Verbrauch von Ölprodukten im Iran kontrolliere und es ihr nicht gelinge, neue Förderkapazitäten zu schaffen, dann könne das Land in zehn Jahren kein Öl mehr ausführen. Roger Stern, ein Wirtschaftsgeograf an der amerikanischen Johns Hopkins Universität pflichtet dem bei: Die jährlichen Produktionsminderungen erreichten 10 bis 12%, in weniger als fünf Jahren könnten sich die iranischen Erdölexporte halbieren und 2015, also schon in acht Jahren, gebe es nichts mehr zu exportieren.
Beobachter können es sich derzeit nicht vorstellen, wie der Iran den notleidenden Ölsektor aus eigener Kraft wieder flott machen kann. Ausländisches Know-how und Kapital werden dringend gebraucht. Internationale Ölgesellschaften stehen bereit. Es gibt Gespräche, Projekte und vorläufige Absprachen - und immer wieder Verzögerungen: Das derzeitige Risiko ist Firmen und Finanzgebern viel zu hoch. Hinzu kommen neue Bemühungen der US-Regierung, die internationale Finanzierung iranischer Öl- und Gasvorhaben zu verhindern. "Verschiedene europäische Banken haben ihre Zusagen, iranische Ölprojekte zu finanzieren, zurückgezogen," sagt Nejad-Hosseinian.
Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).
