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27.02.2007 
Verhandlungspraxis Tschechische Republik

Sag niemals Tschechei

von Miriam Neubert, bfai

Schon immer haben Deutschland und Tschechien ihre kulturellen und geschäftlichen Beziehungen gepflegt. Vor allem Tschechen sprechen häufig deutsch, wissen viel über Deutschland und stellen sich von selbst auf deutsche Eigenheiten ein. Doch gerade die scheinbare Vertrautheit und die gemeinsame Geschichte bergen die größten Stolpersteine bei Geschäftsverhandlungen.

Prag ist Hauptstadt und Wirtschaftszentrum.

Prag ist Hauptstadt und Wirtschaftszentrum.

bfai PRAG. Der tschechische Fußball ist bekannt für seine Improvisationskunst gepaart mit einer Abneigung gegen starre Schemata. Auch im Wirtschaftsleben spielen diese nationalen Verhaltenszüge eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das kann bei dem Zusammentreffen mit einer sehr organisationsfreudigen, plan- und strukturtreuen Geschäftskultur wie der deutschen durchaus zu Reibungen führen. Worauf ist zu achten in der deutsch-tschechischen Kommunikation?

Bei Gesprächen und Verhandlungen sollte eine angenehme, offene und vor allem gleichberechtigte Atmosphäre aufgebaut werden, nicht zu verwechseln mit Leutseligkeit. Vertrauen entsteht, wenn der deutsche Partner auch als Mensch in Erscheinung tritt und nicht nur als Vertreter einer Firma, Anbieter einer Maschine oder Auftraggeber. Gerade deutsche Mittelständler dürften da wenig Probleme haben. Umgekehrt darf ein persönlicherer Umgang nicht gleich mit Freundschaft verwechselt werden. Beziehungspflege gehört in Tschechien zum Geschäft.

Verzichtet werden sollte auf Belehrungen, Termindruck, Hast und die zeitsparende deutsche Art, Dinge ohne Umschweife auf den Tisch zu legen (seien es Geschäftspläne, fertige Verträge oder Kritik). Direkte Kritik, beziehungsweise offene Problemansprache werden schnell persönlich aufgefasst, gelten als unhöflich, bloßstellend, peinlich und werden nach Kräften vermieden. Tschechen sind indirekter, abwägender und wortreicher in der Kommunikation. Das mag den eher sachorientiert und direkt argumentierenden Deutschen umständlich und überflüssig scheinen. Es schafft aber mehr Raum, einander persönlich kennenzulernen, aufeinander einzugehen, Berührungspunkte abzustimmen. Zuhören können ist da eine wichtige Voraussetzung. Viele Tschechen können gut zuhören, da sie es gewohnt sind, auch den Kontext, Zwischentöne und Ungesagtes als Information wahrzunehmen.

Bei Geschäftstreffen empfiehlt sich korrekte, aber nicht übermäßig elegante Kleidung. Die berufliche Funktion und die akademischen Grade (Magister, Ingenieur, Doktor, Geschäftsführer, Lehrer, Trainer) spielen eine wichtige Rolle und können in Abwechslung zum Namen bei der Anrede eingesetzt werden, wobei pane (Herr in der Anredeform des Vokativ) oder pani (Frau) davor stehen. Da dieses habsburgische Erbe im Wandel steckt, gilt als Faustregel: Je weiter weg von Prag, je kleinstädtischer das Milieu, je hierarchischer die Firma und je älter der Gesprächspartner, desto angemessener ist ein Herr Geschäftsführer (pane rediteli) oder Frau Geschäftsführerin (pani reditelko). Jüngere Generationen legen darauf immer weniger Wert.

Führungskräfte mögen rund um die Woche anzusprechen sein. Geschäftliche Verabredungen für Freitag Nachmittag oder das Wochenende aber sind nur in Ausnahmen möglich. Freizeit spielt ähnlich wie in Deutschland eine wichtige Rolle. Das Wochenende gehört meist der Familie, dem Wochenendhaus und dem Sport. Zugleich gilt, dass in vielen Unternehmen in mehreren Schichten rund um die Woche gearbeitet wird, auf den Baustellen auch an Sonn- und Feiertagen rege Tätigkeit herrscht und, ungebremst durch Ladenschlussklauseln, die Geschäfte an Sonn- und Feiertagen offen haben, manche rund um die Uhr.

Idealerweise sollte der deutsche Partner sensibilisiert sein - und zwar zunächst für sein eigenes Verhalten. Er sollte um die vorherrschenden Wertemuster in Deutschland wissen und eigene Reaktionen dadurch relativieren können. Als deutsche Kulturstandards, die im Geschäftsleben eine große Rolle spielen, gelten: die Wertschätzung von Strukturen; Organisationsliebe verbunden mit dem Streben, Unsicherheiten zu vermeiden; starke Sachorientierung und eine entsprechende Fähigkeit, Konflikte auszuhalten; Trennung von privaten und beruflichen Lebensbereichen; Direktheit in der Kommunikation. Da diese Standards in Tschechien abweichen, zahlen sich hier Takt und Einfühlungsvermögen aus.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Damen werden zuvorkommend behandelt

Prag: Blick von der Karlsbrücke auf die Prager Burg. Foto: dpa

Prag: Blick von der Karlsbrücke auf die Prager Burg. Foto: dpa

Besprechungen können daher länger dauern als anberaumt. Sie beginnen aber in der Regel äußerst pünktlich, sprich plus/minus zwei Minuten, da sich tschechische Geschäftsleute dieser deutschen Eigenart wohl bewusst sind. Generell aber ist man fünf bis zehn Minuten großzügiger und gerät nicht aus der Fassung, wenn ein Partner in diesem Rahmen später erscheint, vor allem wenn er noch einen halben Satz auf die verpasste U-Bahn oder die in Prag verbreitete Parkplatznot verliert. Die Körpersprache ist, ähnlich wie in Deutschland, eher zurückhaltend, sprich gesten- und berührungsarm.

Eine Frau zuvorkommend zu behandeln, ihr die Tür zu öffnen, den Vortritt zu lassen oder in den Mantel zu helfen, sind selbstverständliche Gesten, mit denen eine deutsche Geschäftsfrau rechnen muss, die in Tschechien männliche Gegenüber hat. Umgekehrt sollte ein deutscher Geschäftsmann daran denken, wenn sein Ansprechpartner eine Frau ist.

Grußkarten zum Jahreswechsel sind ein Muss, bei eingespielten Beziehungen werden auch kleine Geschenke verschickt. Gepflegt wird im Freundeskreis und auf der Arbeit der Namenstag, der - anders als der Geburtstag - den Vorteil hat, öffentlich bekannt zu sein. Bei Kontaktanbahnungen, geschäftlichen Treffen, Messeterminen gelten weitgehend die gleichen Gepflogenheiten wie in Deutschland. Vertreter tschechischer Firmen, die mit deutschen Partnern ins Geschäft kommen wollen, haben häufig eine Aufmerksamkeit bei sich, und umgekehrt wird dasselbe erwartet.

Der Katalog möglicher Werbe- oder Gastgeschenke deckt sich weitgehend. Spezielle Mitbringsel, die im Zusammenhang mit Deutschland stehen, der eigenen Firma oder der Region, in der sie ansässig ist, kommen immer gut an. Das kann reichen von besonderen Büro- oder Schreibutensilien über ausgewählten Wein oder Delikatessen bis hin zu Gegenständen, die auf die eigene Produktion verweisen.

Unbedingt zu vermeiden sind belastete Wörter. Dazu gehört das vielen Deutschen immer noch viel zu schnell von der Zunge gehende Tschechei. Dieses Wort wurde in der Nazizeit häufig und abfällig verwendet (so im Zusammenhang mit "Rest-Tschechei") und hat damit einen negativen Klang. Daran ändert sich auch nichts, wenn es von jüngeren, deutsch sprechenden Tschechen in Unkenntnis häufig selbst verwendet wird. Gerade ältere Generationen sind sehr hellhörig. Auch die saloppe Zuordnung des Landes zu Osteuropa und, schlimmer noch, zum Ostblock, lässt die meisten Tschechen innerlich zusammenzucken. "Wir haben immer zu Mitteleuropa gehört", so ein tschechischer Geschäftsmann erzürnt. "Dass später in Jalta Stalin und Roosevelt ihre Einflussbereiche aufteilten, kann an dieser historischen Realität nichts ändern."

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die erste Begegnung mit dem Geschäftspartner

Der Aufbau von Beziehungen ist in Tschechien der Schlüssel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit - egal ob man einen Käufer sucht, einen Zulieferer, Handelsvertreter, Forschungspartner oder eine Führungskraft, ob man ein Unternehmen gründen oder eine Abteilung leiten möchte. Persönliche Kontakte spielen bei der Geschäftsanbahnung eine große Rolle. Hier mag eine Art Erbschaft der Planwirtschaft mit ihren spezifischen Mängeln im Spiel sein; Beziehungen waren lebenswichtig, um etwa Materialströme zu sichern und ein Unternehmen am Laufen zu halten.

Bei ersten Begegnungen wird der Sitz des jeweiligen Betriebes bevorzugt. Hat zum Beispiel ein deutsches Maschinenbau-Unternehmen in eine Niederlassung investiert, sucht es einen Zulieferer oder will es einen Kunden gewinnen, so wird der geeignete Ort der tschechische Betrieb sein. Folgekontakte können früher oder später auch in einem Restaurant stattfinden. Einladungen zum Mittag- oder Abendessen werden meist gern angenommen. Die Lokalitäten müssen nicht zu den teuersten gehören, sondern sollten Gespräche in einem gediegenen, angenehmen Rahmen erlauben. Nicht zu unterschätzen als Plattform, auf der Kontakte und Geschäfte angebahnt und gepflegt werden, sind Unternehmensstände auf Messen. Bei Anliegen an staatliche und kommunale Stellen sollten zuvor über E-Mail der Sachverhalt oder die Fragen geschildert und um einen Gesprächstermin nachgesucht werden. Das Treffen findet in der Regel in den Räumlichkeiten des Ministeriums oder der Verwaltung statt.

Zumindest anfangs geben sich tschechische Partner gegenüber einem Ausländer eher förmlich-zurückhaltend und scheinen ihm die Initiative zu überlassen. Eine persönlichere Gesprächsebene entsteht leichter, wenn der Gast sich für das Land interessiert, etwas über das Unternehmen, die Branche, die Wirtschaftskonjunktur sagen kann oder erfragt, die Architektur, Küche oder Schönheit der Natur lobt. Weitere Small-Talk-Themen sind das Wetter, der Urlaub, Sportereignisse oder das Auto. Die in Deutschland verbreitete Art aber, sich in einer Art professionellen Kurzbiographie vorzustellen, ist nicht üblich und kann auch als Überheblichkeit interpretiert werden. Wiederum sollte tschechisches Understatement keinesfalls dazu führen, seinen Gesprächspartner zu unterschätzen, selbst wenn er, was oft vorkommt, sehr jung sein sollte. Ähnliches gilt auch für Personalgespräche. Tschechische Bewerber neigen nicht dazu, ihre Fähigkeiten derart herauszustellen, wie das in Deutschland der Fall ist.

Viele Tschechen haben einen ausgeprägten Sinn für feinen, manchmal recht trocken verpackten Humor. Sie sind durchaus offen für Selbstkritik und Selbstironie, die in Witzen oder Anekdoten zum Ausdruck kommen kann. Eine Sache ist es aber, über sich selbst zu witzeln, eine andere, wenn Fremde das tun. Da Deutsche als humorlos gelten, kann eine Portion Eigenwitz wiederum nur positiv überraschen.

Das Gleiche gelingt mit einem kleinen tschechischen Wortschatz, der Interesse signalisiert und die Bereitschaft, sich auf das Land einzulassen, es ernst zu nehmen. Während nicht ganz ein Drittel der Tschechen deutsch sprechen, ist das umgekehrt eher eine Ausnahme. Auch über das politische Geschehen und die Konjunktur in Deutschland sind Geschäftsleute häufig durch die starke Bezogenheit auf den großen Nachbarmarkt gut im Bilde. Nicht selten auch über den Geschäftspartner.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Fettnäpfchen Geschäftsessen

Selbst wenn viele Tschechen möglicherweise Deutsch verstehen: Eine gute Dolmetscherin oder ein guter Dolmetscher sind besonders bei ersten Kontakten ein Muss. Sie erlauben eine gleichberechtigte Kommunikation. Auch trägt ein guter Übersetzer dazu bei, erste Begegnungen zu erleichtern und kann kleine interkulturelle Abweichungen bei den Verhandlungen diskret ausbügeln. Hat sich ein Grundvertrauen eingestellt, lässt sich mitunter bei einer folgenden Begegnung auf den Dolmetscher verzichten, weil der Gesprächspartner besser deutsch spricht als erwartet und dies auch anbietet. Manager vor allem der jüngeren Generation sprechen vielfach gut Englisch und schlagen diese Gesprächsvariante von selbst vor. In tschechischen Töchtern von Großkonzernen ist die Unternehmenssprache oft englisch. Kataloge, Prospekte, Image-Broschüren, Bedienungsanleitungen sollten auf Tschechisch oder aber mehrsprachig (zum Beispiel Tschechisch/Deutsch/Englisch) verfasst sein.

Business über Mittag gehört zum Geschäftsalltag. Für Geschäftsessen gibt es besonders in Prag, aber auch in regionalen Metropolen wie Brünn und Ostrava eine gute Auswahl. Die meisten Restaurants bieten eine breite Palette heimischer und internationaler Küche an. Während harte Getränke vor allem Mittags nicht mehr zum Muss gehören, sind neben Bier und Wein angesichts einer Null-Promille-Grenze zunehmend alkoholfreie Getränke üblich. Findet das Geschäftsessen im Rahmen eines Erstkontakts statt, so kann es recht förmlich zugehen: Die tschechische Seite arrangiert dann gern eine feste Sitzordnung, hält längere Begrüßungsreden und erwartet auch eine Antwort.

Nicht irritierten lassen sollte man sich durch die unüberhörbare Anwesenheit von Mobiltelefonen. Ihre Durchdringungsquote liegt in Tschechien längst über 100 Prozent. Die meisten Bewohner halten sie Umfragen zufolge für unverzichtbar. Der Umgang mit ihnen ist sehr tolerant. Wer kurz auf einen Anruf antwortet, signalisiert damit keineswegs Desinteresse am laufenden Gespräch.

Angesichts der nach wie vor günstigen Preise der tschechischen Gastronomie und des niedrigen Lohnniveaus sind Trinkgelder eine Selbstverständlichkeit und betragen üblicherweise zehn Prozent des Rechnungspreises.

Da Zeit nicht nur in der hektischen Metropole Prag, sondern auch bei kleinen und mittleren Unternehmen in der Region knapp ist, werden Verabredungen zu einem Kaffee immer populärer. Unter bekannten Partnern ist dies eine zeitsparende und angenehme Variante der Kontaktpflege, bei der sich auch Geschäftliches klären lässt und Informationen auf den neuesten Stand gebracht werden können. Immer mehr Geschäftsleute scheinen auf diese Variante des Networking zu schwören.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Ablauf von Besprechungen

Der Umgang mit tschechischen Geschäftspartnern oder Mitarbeitern mag vor allem anfangs wegen des indirekteren Kommunikationsstils und der Wertschätzung des informellen Informationsaustausches gewöhnungsbedürftig sein. Ein tschechischer Partner wird auf einer ersten Besprechung kaum mit einem fertigen Konzept oder gar Vertrag auftauchen, sondern konkretisiert vieles erst im Laufe der Verhandlungen. Umgekehrt möchte er nicht sofort mit unterschriftsreif ausgefeilten Dokumenten überfallen werden.

Auch die in Deutschland mittlerweile gängige Praxis, zu Beginn von Kooperationen mit Power-Point-Präsentationen aufzuwarten, die eine Vorbereitung auf das Gespräch signalisieren, sind nicht üblich. Tschechen würden sich fragen, was 20 Seiten Präsentation bringen, wenn bereits nach drei Seiten vielleicht abzusehen ist, dass das nicht in die gewünschte Richtung läuft. Die tschechische Geschäftskultur schätzt die Entwicklung von Gesprächen, in denen Reaktionen auf den anderen möglich sind, auch ganz neue Ideen aufkommen können. Nicht üblich ist es, ein Gespräch mit einer gemeinsamen Notiz aktenkundig zu machen.

Eine gewisse Vorsicht von tschechischer Seite sollte nicht als Unsicherheit oder gar Unzuverlässigkeit missverstanden werden. "Wir Tschechen sagen ungern nein", sagen viele Tschechen über sich selbst. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass eventuell Sanktionen gefürchtet werden. Vielmehr möchte man die Beziehung nicht beschädigen, seinem Gegenüber nicht zu nahe treten, ihn oder sich selbst nicht bloßstellen. In der Regel erklingt deshalb gerade zu Beginn einer Kooperation ein "Ja", ein "Wir wehren uns nicht dagegen, wenn" oder ein "Wir würden es begrüßen, wenn". Das ist aber noch keine Zusage, sondern eher eine allgemeine Absichtserklärung.

Deutsche beschreiben dies manchmal als "Ausweichmentalität" und finden es anstrengend, darüber nachzudenken, was wohl genau gemeint war und ob auch wirklich alles gesagt wurde. Informelle Augenblicke, wie etwa eine Kaffeepause erlauben es, manche Aspekte zu klären oder zu vertiefen. Doch sollte der deutsche Gesprächspartner Details am Rande dann ebenso wahrnehmen wie die am Verhandlungstisch. Tschechen sind es gewohnt, sich informell zu informieren, das heißt im Mittagsgespräch mit Kollegen, auch mal auf dem Weg zur U-Bahn.

Bei einem Zulieferbetrieb ist es nicht falsch, Termine noch einmal genau festzuklopfen und unter Umständen darauf hinzuweisen, dass Termintreue weder zu spät noch zu früh heißt, da dadurch Kosten entstehen. Vor allem wenn es sich um junge Firmen der ersten Generation handelt, die wenig Auslanderfahrung haben. Schon manche von ihnen ist davon ausgegangen, mit einer vorzeitigen Ablieferung besonders pünktlich zu sein und war dann durch eine schlechte Bewertung sehr überrascht. Überhaupt: Wer ohne Überheblichkeit erklärt, warum manche Kontrollinstrumente, die in Tschechien weniger üblich sind, für die deutsche Seite nötig sind (etwa Feedback-Meldungen, Aktennotizen nach Besprechungen, regelmäßige Zahlenabrufe), nimmt ihnen den Stachel der Bedrohlichkeit oder macht notwendige Normen nachvollziehbar.

Lesen Sie weiter auf Seite 6: Mit Diplomatie Kontrollieren und Planen

In innerbetrieblichen Sitzungen und Besprechungen ist die Atmosphäre familiärer als in Deutschland. Eine deutscher Abteilungsleiter formulierte es so: "Während man sich in Deutschland gleich auf die Sache stürzt, muss man in Tschechien zunächst ein wenig das Umfeld gestalten, Atmosphäre schaffen, die Leute auch privat zu Wort kommen lassen. Erst dann findet sich so langsam der Weg in Richtung des Themas."

Deutsche fühlen sich sicher, wenn sie einen Plan haben, an den sie sich halten und bei dem sie durch regelmäßige Rückmeldung den Stand überprüfen können. Tschechen wird nachgesagt, Arbeitssituationen zu schätzen, in denen sie Freiräume haben und improvisieren können. Regelmäßige Rückfragen des deutschen Partners können auch als mangelndes Vertrauen ausgelegt werden. Unverfänglicher ist es, über ein Telefonat, in dem über anderes geredet wird, das Thema in einem Nebensatz auch auf den Plan oder den Stand der Dinge zu lenken. "Natürlich ist immer ein gewisses Maß an Steuerung notwendig, aber dieses Maß ist in Tschechien von vornherein kleiner" - so beschreibt ein deutscher Geschäftsmann den Unterschied der Managementstile.

Einfühlungsvermögen und ein gutes Arbeitsklima zahlen sich aus, vor allem da qualifizierte Arbeitskräfte rar sind, schon wegen geringer Summen abwandern und finanzielle Druckmittel somit nicht zur Verfügung stehen. Während Sympathie für den Vorgesetzten tschechische Mitarbeiter zu Höchstleistungen antreiben kann, sind bei einem als schlecht empfundenen Arbeitsklima Kündigungen nicht selten. Tschechische Mitarbeiter verhandeln nicht lange, beschweren sich nur selten und feilschen meist auch nicht um ihre Finanzinteressen, da sie erwarten, dass der Arbeitgeber gute Leistung bemerkt und honoriert. Angesichts des anders gearteten Arbeitsmarktes in Deutschland sind deutsche Geschäftsführer immer wieder überrascht, wie schnell und "unerwartet" ihnen in Tschechien Kündigungen auf den Tisch gelegt werden.

In der Zusammenarbeit mit Deutschen scheinen viele Tschechen zudem so etwas wie sportlichen Ehrgeiz zu entwickeln: Deutsche Ingenieurs- und Wirtschaftsleistungen sind nicht selten der Orientierungswert, der erreicht werden soll, allerdings ohne dabei zum Deutschen zu werden. Deshalb bereitet es offenbar besonderes Vergnügen, etwas auf eigene, tschechische Art zu schaffen. Zugleich scheint aber nicht zuletzt die kommunistische Herrschaft dazu beigetragen zu haben, dass deutsche Geschäfts- oder Abteilungsleiter tschechische Mitarbeiter häufig als hierarchieabhängig und verantwortungsscheu empfinden.

Lesen Sie weiter auf Seite 7: Die Einladung ins Landhaus

In Tschechien werden die privaten und beruflichen Lebensbereiche nicht so streng geschieden wie in Deutschland. Geschäftliches bahnt sich relativ häufig auf informeller Ebene an. Bei eingespielten Beziehungen hat der private Umgang mit dem Geschäftspartner daher einen relativ hohen Stellenwert. Tschechen gelten als gesellig. Doch muss sich dies nicht unbedingt zu Hause abspielen.

Es dauert sehr lange, wenn nicht sogar ewig, ehe ein tschechischer Geschäftspartner oder Kollege zu sich nach Hause oder gar in seine chalupa, das Landhaus, einlädt. Dies ist in der Regel nur wirklich engen Freunden vorbehalten. Wenn ein Deutscher daher auch nach langen Jahren guter Kooperation das Heim eines tschechischen Geschäftspartners nicht kennt, hat das nichts mit Antipathie oder Misstrauen zu tun. Auch gibt es regionale Unterschiede: In Mähren wird eine private Einladung nach Hause vermutlich eher ausgesprochen als in Böhmen. Sollte es dazu kommen: In sozialistischen Zeiten hat es sich in Tschechien eingebürgert, Schuhe beim Betreten von Wohnungen auszuziehen. Dies ist auch heute üblich. Ein Blumenstrauß für die Ehefrau, kleine Geschenke für die Kinder sind angebracht. Es kommt dabei eher auf die Geste an als auf den Wert. Trotz der möglicherweise sehr familiären Atmosphäre können auch geschäftliche Themen aufs Tablett kommen.

Weitere Möglichkeiten, sich privat zu begegnen, liefern neben der Gastronomie besonders Abendveranstaltungen und Sportereignisse wie Fußball oder Eishockey. Wird der Geschäftsreisende zu einem Eishockeyspiel zweier tschechischer Spitzenteams eingeladen, so kann er die sportliche Veranstaltung, wenn die Umstände es erlauben, durchaus für Zwecke der Geschäftsanbahnung nutzen. Deutsche Firmen schalten bei Eishockeyspielen prominenter Klubs Banden- und Plakatwerbung, da sie damit rechnen, dass auch potenzielle Kunden unter den Zuschauern sind. Immer stärker entwickelt sich Golf zum Geschäftssport. Unter Kollegen ist es aber auch üblich, sich am Wochenende zu Familienausflügen mit dem Fahrrad zu verabreden.

Kulturveranstaltungen werden in Prag oft von Touristen in sehr legerer Freizeitkleidung besucht. Der Geschäftsreisende sollte sich in Sachen Kleiderordnung bei festlichen Aufführungen etwa im Nationaltheater oder in der Oper, bei Konzerten der Prager Philharmonie oder des Prager Kammerorchesters den Gepflogenheiten des einheimischen Publikums anpassen. Dort ist man bei solchen Anlässen korrekt bis elegant gekleidet. Männer erscheinen in der Regel im dunklen Anzug.

Lesen Sie weiter auf Seite 8: Was Sie unbedingt über Tschechien wissen sollten

Die Tschechische Republik besteht geschichtlich und rechtlich betrachtet aus drei Landesteilen: Böhmen, Mähren und einem Teil Schlesiens. Zusammen werden sie auch als Böhmische Länder bezeichnet, wobei auf tschechisch Cechy für Tschechien und für Böhmen stehen kann, Morava für Mähren. Das heutige Gebiet (knapp 79 000 qkm) bestand im Mittelalter in Form eines Staatenbundes. Prag wurde Ende des 9. Jahrhunderts gegründet und war bereits unter dem böhmischen Adelsgeschlecht der Premysliden Zentrum. Später sind die Tschechen in ihrer Geschichte lange in fremde Einflussbereiche eingebunden gewesen - ab 1526 fast 400 Jahre als Teil der österreichischen Monarchie, 1939 bis 1945 als Protektorat Böhmen und Mähren unter Nazideutschland, von 1948 bis 1989 als Bestandteil des Ostblocks. Eine kurze Ausnahme der Selbstbestimmung war die erste Tschechoslowakische Republik (1918 bis 1938) zuerst unter dem Präsidenten und Philosophen Tomas Garrigue Masaryk und ab 1935 unter Edvard Benes.

Das über Jahrhunderte währende Erleben von Fremdbestimmung bis hin zur Bedrohung der eigenen Identität prägte Verhalten und Mentalitäten. Um als kleine Nation kulturell zu überleben, mussten die Bewohner sich als anpassungsfähig, findig, zugleich innerlich unabhängig erweisen und geradezu eine Resistenz gegen Obrigkeiten und Strukturen entwickeln. "Die Abwertung von Strukturen war seit dem 16. Jahrhundert eine psychologische Überlebensnotwendigkeit, wollte man nicht seine Existenz als eigenes Volk aufgeben und völlig assimiliert werden", sagt Ivan Novy, Professor für Unternehmenspsychologie der Hochschule für Ökonomie (VSE) in Prag und ein bekannter Experte für deutsch-tschechische interkulturelle Kommunikation. Dem Gefühl, organisiert zu werden, folge nicht selten der Reflex, mit Improvisation dagegenzuhalten, eigene Lösungen zu finden, um seine innere Würde zu bewahren. Tschechische Verhandlungspartner ebenso wie Mitarbeiter schätzten Freiräume, weil sie das Gefühl von Freiheit und Souveränität bräuchten.

Bei allen Einschränkungen, die Verallgemeinerungen anhaften, hat die vergleichende Kulturwissenschaft weitere tschechische Kulturstandards herausgefiltert, die sich auch auf die Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen auswirken. Dazu zählen ein personenbezogener Umgang, die Tendenz, Konflikte zu vermeiden, eine indirekte Art der Kommunikation sowie eine stärkere Überschneidung von privaten und beruflichen Lebensbereichen. Entsprechend positiv bewertet werden Improvisationsvermögen, Flexibilität, Bescheidenheit, Höflichkeit, Menschlichkeit, Geselligkeit und Humor. Regional gesehen gelten die Mähren als optimistischer, lebhafter, emotionaler als die eher zurückhaltenden Böhmen. Auch ist der christliche Glaube dort stärker verwurzelt als in Böhmen, wo viele Menschen Atheisten sind.

Ihre Geschicke haben die Tschechen erst seit der Samtenen Revolution 1989 wieder selbst in die Hand nehmen können. Sie entschieden sich ungeachtet der Härten und Risiken des Übergangs für Demokratie, Marktwirtschaft und die Europäische Union. Nach über fünf Jahrzehnten totalitärer Bremse schaltete das Land in den Aufholgang. Es öffnete sich weit und erstaunlich pragmatisch für westliches Kapital.

Lesen Sie weiter auf Seite 9: Was die Samtene Revolution für die Wirtschaft bedeutet

Allein in der Industrie arbeiten mittlerweile rund 2000 ausländisch kontrollierte Betriebe (mit 20 und mehr Mitarbeitern). Sie beschäftigen 480 000 Menschen, erzielen circa 60 Prozent der Gesamterlöse und drei Viertel ihrer Exportumsätze. Sie brachten und bringen nicht nur neueste Technologien ins Land, sondern auch ihre jeweilige Unternehmenskultur, wodurch sie tschechische Mitarbeiter prägen. Dazu zählen flachere Hierarchien, Feedback-Mechanismen, Motivation zur Eigenverantwortung und Just-in-time-Denken.

Geprägt durch die kommunistische Vergangenheit finden sich vor allem in staatlichen oder früheren staatlichen Großbetrieben noch fast paternalistische Hierarchieebenen und Mentalitäten. Viele kleine und mittelständische Firmen wiederum sind erst nach der Wende entstanden. Es handelt sich um zum Teil sehr erfolgreiche Unternehmen der ersten Generation, die noch keine lange Geschäftserfahrung besitzen und bei denen meist der Besitzer die Entscheidungen trifft. Ein weiterer, wichtiger Aspekt der jüngsten Wirtschaftsentwicklung: Der Zustrom der Investoren und die gute Konjunktur verschärfen den Wettbewerb um Arbeitskräfte.

Besonders entwickelten sich die Beziehungen Tschechiens zu Deutschland. Zwei grundlegende bilaterale Dokumente ebneten den Weg über die Abgründe der jüngeren Geschichte hinweg: der Vertrag über gute Nachbarschaft von 1992 und die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997. In Letztgenannter übernehmen beide Staaten ihren Teil der Verantwortung für die Vergangenheit: Deutschland für die historische Entwicklung vom Münchner Abkommen 1938 über die Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft; Tschechien für die Vertreibung und zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Länder verpflichteten sich, ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen zu belasten.

Es mag manchen Deutschen befremden, dass die Dekrete von Präsident Benes, die als Reaktion auf die Okkupation zur gewaltsamen und straffreien Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei führten, in der Bevölkerung und der offiziellen Politik nicht umstritten sind. Wer in Tschechien Geschäfte machen will, sollte sich über die nationale Sichtweise im Klaren sein, falls das Thema einmal aufkommen sollte.

Generell sind die deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen zukunftsorientiert und von den Kapiteln der Vergangenheit nicht betroffen. Deutsche Unternehmen sind die wichtigsten Handelspartner und Investoren. Die Zahl der Firmen mit deutschem Hintergrund wird von der Kapital-Informationsagentur Cekia - vom Selbstständigen bis zum Großunternehmen - auf fast 11 000 geschätzt. Mit dem EU-Beitritt Tschechiens hat sich die Zusammenarbeit noch intensiviert. Es gibt viele Anknüpfungspunkte. Wirtschaftlich ist ein wichtiger die lange Industrie- und Maschinenbautradition, die beide Länder teilen. Hinzu kommt, dass die gemeinsamen Wirtschafts- und Geschäftsbeziehungen als Gewinnsituation für beide Seiten erlebt werden und es außerordentlich gelungene Investitionsbeispiele gibt. So das des Volkswagenkonzerns bei Skoda Auto, der über den Kauf und die Weiterentwicklung der tschechischen Automarke Skoda auch das nationale Identifikationspotenzial beibehielt.

Lesen Sie weiter auf Seite 10: Kontaktadressen für Geschäftsanbahnung und Interkulturelles Training

Wer nach geeigneten Handels- oder Kooperationspartnern sucht, findet bei der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) Unterstützung. Die interkulturell erfahrenen Beschäftigten der DTIHK beraten deutsche und tschechische Unternehmen bei der Markterschließung, der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen und Unternehmensgründungen, recherchieren Adressen, vermitteln Kontakte, suchen im Auftrag Fachpersonal oder Gewerbeimmobilien und organisieren Seminare. Deutsche Firmen, die in Tschechien einsteigen möchten, können hier alle Dienstleistungen aus einer Hand bekommen (http://tschechien.ahk.de). Häufig genutzt zum Markteinstieg werden die von der DTIHK organisierten Kooperationsbörsen, bei denen für deutsche Geschäftsleute branchenbezogene Termine mit Vertretern ausgewählter tschechischer Unternehmen organisiert werden.

Eine weitere professionelle Anlaufstelle für Investoren ist die staatliche Investitions- und Wirtschaftsförderungsagentur CzechInvest (www.czechinvest.cz). Durch ihr Netz regionaler Dependancen kann sie Kontakte sehr gezielt vermitteln und verfügt über detaillierte Angaben zu Investitionsbeihilfen, Gewerbegebieten, Cluster und Wissenschaftlich-technische Parks zur Ansiedlung. CzechInvest hat verschiedene Zulieferdatenbanken eingerichtet, die kostenlos zugänglich sind.

In puncto interkulturelles Training hat sich das Buch der Psychologin Sylvia Schroll-Machl und ihres tschechischen Kollegen Ivan Novy "Perfekt geplant oder genial improvisiert? Kulturunterschiede in der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit" zum Standardwerk entwickelt. Seminare zu diesem Thema, von der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer und Professor Novy organisiert, sind wahre Renner zum Thema deutsch-tschechische Geschäftskommunikation, bei denen auch konkrete Einzelprobleme besprochen werden können. Im Fall besonderer Verhärtungen reicht das Coaching der Experten bis in die Unternehmen hinein.

Andere Seminaranbieter sind:

www.schroll-machl.de

www.birke-und-partner.de

www.managementcircle.de

www.culture-options.de

www.eidam-und-partner.de

www.imap-institut.de

www.countries.ifim.de

www.ime-seminare.de

www.icunet.ag

www.ewedo.de

www.allglobalbusiness.de


Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).

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