Türkische Kaufleute nehmen sich Zeit für das Geschäft. Wer unter Termindruck steht, sollte sich dies nicht anmerken lassen. Zwar mag es lokale Geschäftsleute oder Beamte geben, die es mit der Zeit nicht so genau nehmen, doch sind Termine grundsätzlich pünktlich einzuhalten. In den Großstädten sollten mögliche Staus bei der Anreise einkalkuliert werden.
Oft wird nur auf kurze Sicht geplant. Entscheidungen fallen spontan, ohne Details und Folgen genau zu prüfen und abzuwägen. Genaue Planung ist jedoch schwierig, da sich wirtschaftspolitische Vorgaben häufig ändern und zuverlässige Statistiken fehlen. Daher versprechen Unternehmer in bester Absicht oft mehr, als sie halten können. Wo ausländischen Kaufleuten ein klares "Nein" oder eine kritische Analyse lieber wäre, sprechen ihre türkischen Partner von Chancen und Möglichkeiten. Unvorhergesehenes kommt fast immer dazwischen. Große Projekte starten selten pünktlich und werden nicht immer fristgerecht zu Ende geführt.
Der Senior hat das letzte Wort
Teamwork und Delegation von Verantwortung sind noch Neuland. Schulen und andere Ausbildungsstätten haben zum großen Teil autoritäre Prägung, Familien patriarchalischen Charakter. Als Spiegelbild der Gesellschaft sind auch die meisten Firmen hierarchisch strukturiert. Viele Unternehmen sind Familienbetriebe. Der Senior hat das letzte Wort und kann am Ende der Verhandlungen noch einmal alles umwerfen. Personal untergeordneter Ebenen ist es nicht gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Die junge Generation türkischer Manager, die in den neuen türkischen Eliteuniversitäten und in den USA und Europa studiert haben, sorgt jedoch für Wandel. Sie gelten als hoch motiviert, erfolgsorientiert und entscheidungsfreudig.
Information wird bisweilen als Machtmittel betrachtet und ungern weitergeben. In den hierarchisch verwalteten türkischen Behörden bringen deshalb Regierungswechsel eine lange Übergangsphase mit sich, in der sich das neue Personal einarbeitet.
Überraschenderweise haben sich in dieser Männerwelt relativ viele Frauen in leitende Positionen vorgearbeitet. Der Anteil weiblicher Führungskräfte im Finanzsektor, bei Internetunternehmen, in der Justiz und Forschung liegt bei circa 40%. Oberste Positionen wie Firmenleiter oder Verhandlungsführer besetzen aber meist noch ihre männlichen Kollegen.
Die Lebensverhältnisse in der anatolischen Provinz oder den Siedlungen am Rand der Städte, wo sich seit den 70er Jahren Hunderttausende anatolischer Landarbeiter niedergelassen haben, bilden allerdings einen starken Kontrast zur modernen Türkei. Hier existiert eine zweite Gesellschaft, die wenig Anknüpfungspunkte mit dem westlich orientierten Teil gefunden hat.
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