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02.04.2008 
WestLB

Anatomie einer Krise

von Melanie Bergermann und Andreas Große Halbuer, Wirtschaftswoche

Erstmals erlauben vertrauliche interne Papiere, den Niedergang der einst so mächtigen WestLB nachzuzeichnen: Ob Vorstand, Eigentümer oder Kontrolleure, sie alle waren überfordert mit einem Institut ohne Geschäftsmodell, mit den schwierigen Besitzverhältnissen, vor allem aber mit den direkten Auswirkungen der internationalen Finanzkrise. Das Ergebnis für die Bank: die „wohl schwierigste Lage ihrer Geschichte“, wie der scheidende Chef bei der Bilanzvorlage am Mittwoch sagte.

Neue interne Dokumente erlauben einen tiefen Einblick in die zurückliegenden Krisenereignisse. Foto: dpaLupe

Neue interne Dokumente erlauben einen tiefen Einblick in die zurückliegenden Krisenereignisse. Foto: dpa

WestLB-Chef Alexander Stuhlmann ist die Anspannung der vergangenen Monate anzumerken. Er ist blass, die Ringe unter seinen Augen sind um einiges dunkler als zu seinem Amtsantritt im vergangenen Juli. Der fröhliche und optimistische Ausdruck ist verschwunden. Er ist nervös, fuchtelt mit den Fingern herum, blickt nach unten.

Es sind nicht nur erschreckende Verluste und drohende Wertberichtigungen, die der Banker in den zurückliegenden Wochen einräumen musste, die die Existenz der WestLB als eigenständiges Institut infrage stellen und die so an den Nerven ihres scheidenden Chefs zehren. Jetzt kursieren auch noch Vorwürfe, die auf Stuhlmann persönlich zielen. Interne Risikoberichte der Bank erwecken den Eindruck, dass Stuhlmann frühzeitig vor drohenden Verlusten gewarnt worden sein könnte und darauf nicht reagierte.

Dieser Vorwurf bringt Stuhlmann regelrecht aus der Fassung. "Wir haben uns nicht anders verhalten als andere", wehrt er sich. "Wir sind sehr verantwortungsvoll mit der Finanzkrise umgegangen, haben im Vorstand alle Handlungsalternativen regelmäßig diskutiert, die zuständigen Gremien informiert und unsere Entscheidungen sorgfältig abgewogen."

Stuhlmann sollte das Unmögliche möglich machen

Eigentlich kann einem der Mann fast schon leid tun. Bis 2006 war er Chef der HSH Nordbank, danach hatte er sich in den Ruhestand verabschiedet. Im vergangenen Sommer ließ er sich dann vom damaligen WestLB-Aufsichtsratschef Rolf Gerlach in stundenlangen Gesprächen überreden, den Chefposten bei der angeschlagenen Düsseldorfer Landesbank zu übernehmen - zu diesem Zeitpunkt wohl der undankbarste Job in der gesamten deutschen Finanzbranche. "Ich fühlte mich der Sparkassenorganisation, in der ich drei Jahrzehnte gern gearbeitet habe, verpflichtet, deshalb habe ich Ja gesagt", begründet er seine damalige Entscheidung.

Als erfahrener Banker sollte Stuhlmann das Unmögliche möglich machen, sollte ein wirtschaftlich wackeliges Institut aus der Krise führen, mit umstrittenen Vorständen kooperieren, zwischen der nordrhein-westfälischen Landesregierung und den Sparkassen als Eigentümern vermitteln, das Geldhaus mit einem starken Partner fusionieren und nebenbei noch ein neues Geschäftsmodell hervorzaubern.

Doch dann schwappte die Finanzkrise aus den USA auch an den Rhein. Und je länger Stuhlmanns Mission währte, desto klarer zeichnete sich ab, dass der erhoffte Retter auf ganzer Linie scheitern würde, die WestLB aus den Schlagzeilen und in "ruhiges Fahrwasser" zu bringen. Doch bei der Bilanzvorlage für 2007 am Mittwoch, 2. April, verkündete die Bank » weitere Ergebisbelastungen.

So weit, so bekannt - so weit, so schlecht.

Wie es zu dem Niedergang eines der führenden deutschen Bankhäuser kam, was die entscheidenden Momente auf dem Weg an den Rand des Abgrunds waren, wird aber erst heute klar. Das zeigen die internen Risikoberichte der Bank vom 23. Juli, 30. Juli und 3. August des vergangenen Jahres, die der Wirtschaftswoche vorliegen. Die streng vertraulichen Papiere dokumentieren, wie fast alle verantwortlichen Akteure in den entscheidenden Phasen versagten. Ob Vorstand, Eigentümer oder Kontrolleure, sie alle waren überfordert mit einem Institut ohne Geschäftsmodell, mit den schwierigen Besitzverhältnissen, vor allem aber mit den direkten Auswirkungen der internationalen Finanzkrise. Die lähmende Vogel-Strauß-Mentalität, der sich die meisten Beteiligten befleißigten, machte die Katastrophe schließlich perfekt. Zusammen mit den Ereignissen in der Bank und um sie herum zeichnen die internen Unterlagen die Anatomie der Krise einer einst so mächtigen und zu Höherem berufenen Bank.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der unscheinbare Anfang vom unrühmlichen Ende der WestLB beginnt im Frühjahr 2007

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