BaFin-Reform: Schwungvoll ins Irgendwo

BaFin-Reform
Schwungvoll ins Irgendwo

Alles soll anders werden in der umstrittensten Behörde Deutschlands. Doch ob die Entmachtung von BaFin-Chef Jochen Sanio, der demnächst mit vier Direktoren zusammenarbeiten muss, für einen wirklichen Neuanfang ausreicht, ist keineswegs sicher. Zumal Insider bezweifeln, dass die neuen Direktoren dem politerprobten Haudegen Paroli bieten können.

BONN. Alles soll anders werden in der umstrittensten Behörde Deutschlands. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die Banken, Versicherer und Verbraucher vor Crashs und Krisen bewahren soll, musste sich zuletzt immer wieder Versagen vorwerfen lassen. Vielen Banken prüft die BaFin zu viel, einigen Versicherern zu langsam – und den meisten Verbraucherschützern zu wenig. Und die Politik mischt immer mit.

Jetzt sind die Tage von BaFin-Chef Jochen Sanio als Alleinherrscher der BaFin gezählt. Kommende Woche wird Sanio entmachtet. Der Bundestag wird ein neues Führungsmodell beschließen, das ihm vier Direktoren zur Seite stellt, die er künftig bei wichtigen Entscheidungen konsultieren muss. Die BaFin ist ein Opfer: der Umstände, ihrer Architektur, aber auch ihrer eigenen Arbeitsweise und der ihres Präsidenten.

Grau und abweisend ragt der Betonklotz aus dem Nebel des Bonner Nordens. Ohne Lageplan findet sich drinnen in den verwinkelten Gängen kaum einer zurecht. Selten dringt etwas nach außen, fast als verschanzten sich die 1 300 Mitarbeiter in den engen Linoleum-Fluren hinter den Holztüren, von denen die Farbe abblättert. Von hier aus sichern Sanios Truppen die Stabilität der rund 2 100 Banken der Republik, der 700 Finanzdienstleister, von 630 Versicherungen und über 6 000 Fonds. Oft genug ist es wie beim Wettrennen zwischen Hase und Igel: „Die schnelle Marktentwicklung ist mitunter schwierig“, sagt Dörte Eisenhauer, Juristin wie die meisten und Ex-Bankerin wie so viele hier. Ihr schmuckloses Büro ist so seriös wie der Nadelstreifenanzug seiner Bewohnerin.

Besucher empfängt Eisenhauer nur ungern – und Journalisten eigentlich gar nicht, seit mal einer über Plastikfiguren auf Computern von Kollegen schrieb. Aber die Bankvorstände aus den Glaspalästen verirren sich ohnehin selten hierher, und Eisenhauer ist viel für die BaFin unterwegs. Seit 2005 prüft sie die Deutsche Bank. Vor kurzem war sie in New York, traf sich mit den Kollegen von der britischen FSA und US-Experten von der Federal Reserve. Noch häufiger konferiert sie mit den Kollegen von der Bundesbank.

Arbeit hat Eisenhauer mehr als genug. Zehn BaFin-Mitarbeiter überwachen den Branchenprimus für die BaFin, sechs für die Bundesbank. Das ist die Untergrenze im internationalen Durchschnitt. Doch mehr Stellen soll Präsident Sanio vorerst nicht bekommen. Gerade erst lehnte der Verwaltungsrat seinen Antrag für den Haushalt 2008 ab. Sanios Konter: Er strich Kapazitäten in der Beschwerdestelle für Verbraucher zusammen.

Zu viel zu tun, zu wenig Leute: Aber nicht nur deshalb ist die Stimmung schlecht bei der BaFin. Nicht nur der Personalrat klagt, die Behörde tue zu wenig für die Beschäftigten. Nach einer internen Umfrage halten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter ihre Karrierechancen für „sehr schlecht“, ein Drittel für „schlecht“. Manches Problem ist hausgemacht. „Die BaFin ist schlecht organisiert“, kritisiert eine hochrangige Mitarbeiterin. Anträge für Dienstreisen seien so bürokratisch, dass „man sich überlegt, ob man wirklich reisen will“. Beförderungen müsse man sich „im Hofstaat Sanios“ erdienen, Aufstiegschancen gäbe es kaum. Die Folge: „Die Fluktuation nimmt zu.“ Daran werden wohl auch die geplanten Gehaltserhöhungen für die Direktoren nichts ändern. Rund 7 200 Euro brutto verdienen sie derzeit pro Monat, künftig sollen es 7 970 Euro sein – das sind „Peanuts“ verglichen mit einem Bankvorstand.

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