Bankenaufseher Röseler: „Wir stellen ein Herdenverhalten fest“

Bankenaufseher Röseler
„Wir stellen ein Herdenverhalten fest“

Seit 20 Jahren schrumpfen die Margen der Banken, die Finanzkrise ist nicht verdaut und die Geldhäuser stürzen sich auf nur ein Kundensegment. Die Finanzaufsicht Bafin warnt daher vor neuen Schieflagen in der Bankenwelt.
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BerlinAuf der 11. Handelsblatt Jahrestagung „Zukunftsstrategien für Sparkassen und Landesbanken“ spricht die Branche über Wege aus der Vertrauenskrise und Wachstumschancen trotz strengerer Regulierung. Der oberste Bankenaufseher bei der Finanzaufsichtsbehörde, Raimund Röseler, wirbt im Interview für den heilenden Effekt neuer Kapitalregeln und warnt vor einem erneuten Herdentrieb der Branche.

Herr Röseler, die Bundesregierung ist in den Regulierungsgalopp übergegangen und hat bei vielen Vorhaben etwa beim Trennbankensystem eine Vorreiterrolle in Europa übernommen. Führt das nicht zu einem schädlichen Regulierungswettbewerb?
Ich finde es wichtig, dass Deutschland international vorangeht. Bei der Regulierung der Finanzmärkte darf nicht der Langsamste das Tempo bestimmen. 

Aber könnte man nicht zumindest in der EU aufeinander warten?
Wenn man sieht, dass im Jahr sechs nach Krisenbeginn etwa zuletzt in den Niederlanden oder Frankreich noch immer Banken mit Steuermitteln gerettet werden, ist das furchtbar unbefriedigend. Wir sollten daher jeden Schritt nutzen, um das die ‚too big to fail‘-Problematik aus der Welt zu schaffen.

Die Regulierer greifen ja immer stärker in das Räderwerk der Banken und nehmen damit auch Einfluss auf die Geschäftsmodelle. Sind Regulierer die besseren Banker?
Wir bemühen uns, die Regulierung neutral für die Geschäftsmodelle aufzustellen. Wir streben aber risikoorientierte Kapitalanforderungen an.  Richtig ist, dass wir uns stärker als in der Vergangenheit mit den Geschäftsmodellen beschäftigen. Nicht alle Geschäftsmodelle taugen für Wachstum.

Viele Banken haben den Mittelstand als neues Geschäftsfeld entdeckt. Droht da ein ruinöser Wettbewerb?
Ich habe auf jeden Fall meine Zweifel, ob es so viel mittelständische Unternehmen gibt, dass alle Banken davon auskömmlich leben können. Wir stellen da schon ein gewisses Herdenverhalten fest.

Haben wir zu viele Banken?
Im Kern haben wir nicht zu viele Banken, aber eine zu große Bankkapazität für bestimmte Geschäftsfelder. In einer ähnlichen Situation sind Banken vor einigen Jahren in die USA ausgewichen, um dort Verbriefungen zu kaufen. Das taten selbst Banken mit einer gesunden Kundenbasis. Das Ende ist bekannt. Vor der Finanzkrise hätte es jedoch kein Anteilseigner honoriert, wenn ein Vorstand gesagt hätte, wir wollen schrumpfen. Aber zu dieser auch für viele Manager neuen Erkenntnis müssen wir jetzt kommen. Ein tendenziell schrumpfender Bankensektor ist vernünftig.

Besteht nicht dennoch die Gefahr, dass Banken wieder ein größeres Rad drehen, um ihre Rentabilität zu steigern?
Die Gefahr besteht. Deswegen schauen wir uns auch die Geschäftsmodelle an. Zudem vergleichen wir die Strategien der Institute auch viel stärker als früher. Wir fragen, in welchen Geschäftsbereichen sie welche Erträge erzielen wollen. Wenn wir feststellen würden, dass die zehn größten Banken zum Beispiel Ferienhäuser in Mecklenburg-Vorpommern als neues Geschäftsfeld entdecken, wissen wir, dass das nicht für alle auskömmlich sein wird.

Kommentare zu " Bankenaufseher Röseler: „Wir stellen ein Herdenverhalten fest“"

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  • Zitat Rösler: "Wenn die Margen zurückgehen, ist das ein Zeichen dafür, dass nicht alle Produkte und Dienstleistungen mit risikogerechten Preisen versehen sind."

    Wo hat er das denn abgeschrieben?
    Die Margen gehen seit Jahren zurück, das hat was mit Wettbewerb zu tun und das sich Banken gegenseitig die guten Kunden abjagen. Risikogerechte Preise - wenn man überhaupt davon sprechen kann - gibt es sowieso nur bei den Kunden, die eh schon wenig Geld haben. Da langen die Banken bei den Zinsen richtig zu ... siehe Teambank und Konsorten.

    Zitat Rösler: "Wir sollten daher das Vertrauen stärken und zeigen, dass wir amerikanischen Standards entsprechend beaufsichtigen."

    Hat der Typ zu heiss gebadet?
    Die Amis sollten den Europäern erst mal zeigen, dass sie deren Standards genügen. So rum zieht man den Schuh an.

  • @www.tutr.eu
    Die Frage, wie realistisch ein Szenario ist, stellt sich immer, ob optimistisch oder pessimistisch. Fakt ist aber, dass die Menschen Jahrmillionen ohne Geld ausgekommen sind und nicht nur überlebt haben. Kultur und Gesellschaft haben die Menschheit zu dem gemacht, was sie heute ist, und das größtenteils ohne Geld, durch Zusammenhalt vor allem in den untersten Gesellschaftsschichten. Es ist vielmehr so, dass sich Kultur und Gesellschaft erst voll ausprägen konnten, weil das Überleben so effizient gestaltet war, dass zum Leben mehr und mehr Zeit übrig blieb. Warum sollte das nicht heute auch funktionieren, insbesondere dann, wenn man wieder ganz unten ansetzt?! Auf kommunaler Ebene beispielsweise und beschränkt auf die Lebensgrundlagen, da wo Individualität sowieso Nebensache ist, macht es aus meiner Sicht immer wieder Sinn. Auf dieser Ebene wäre auch Missbrauch vorgebeugt, da man sich ja gegenseitig in die Augen sehen will.
    Warum sollte ein solches Szenario heute unrealistisch sein. Im Gegenteil, die ärmsten unter uns praktizieren es und werden von den besser gestellten oft um ihre Gemeinschaft sogar beneidet. Deshalb sollte man das auf ein Niveau heben, an dem alle teilhaben. Für Individualität ist nach oben immer genug Platz. Es geht doch heute vielen vornehmlich darum, den individuellen Absturz zu vermeiden, und das gelingt nur durch Stärkung und durch Selbständigkeit der Kommunen.

  • So ist es. Aber wie realistisch ist das? Eben.

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