„Jedem ist die Bedeutung globaler Standards bewusst“

Bankenregulierung
„Jedem ist die Bedeutung globaler Standards bewusst“

Bankenaufseher machen sich für eine Lösung im Streit um neue Bankenregeln stark. Die Kernfrage ist, wie Banken ihre Risiken und damit ihren Kapitalbedarf kalkulieren. In dem Punkt sind sich die USA und Europa noch uneinig.
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FrankfurtWochenlang haben europäische Politiker, Bankenaufseher und Banken gegen die nächste internationale Bankenreform gestichelt. Doch zum Auftakt des wohl entscheidenden Treffens internationaler Bankenregulierer wächst nun die Sehnsucht nach einem Kompromiss. „Jedem ist die Bedeutung globaler Standards bewusst“, sagte EZB-Aufseherin Julie Dickson auf der Handelsblatt-Konferenz zur Bankenaufsicht. Das werde eine wichtige Rolle bei der Suche nach einer Vereinbarung spielen.

Seit Montag tagen die Vertreter des Basler Bankenausschusses – Notenbanker und Bankenaufseher aus 27 Ländern – für zwei Tage in Chile. Sie versuchen die großen Meinungsverschiedenheiten zwischen Europäern und den USA zu überbrücken. Bei der Reform geht es darum, wie viele Freiheiten Banken bei der Kalkulation ihrer Risiken erhalten. Die USA würden diese Freiheiten gerne drastischer beschneiden, als den Europäer lieb ist.

Seit Donald Trumps Wahlsieg und seiner Ankündigung, den Bankensektor zu deregulieren, ist der Einigungsdruck noch gestiegen. Denn läuft alles nach Plan, würde die Einigung am 10. Januar, also noch vor Trumps Einzug ins Weiße Haus, abgesegnet. Zwar hatten Europäer betont, es werde keine Lösung um jeden Preis geben. Doch Dickson betonte: „Der Basler Ausschuss hat eine enorme Historie, Einigung über globale Standards zu erzielen.“

Auch der Vorsitzende des Basler Bankenausschusses, Schwedens Notenbankpräsident Stefan Ingves, hatte sich im Vorfeld optimistisch darüber gezeigt, dass bis Jahresende ein Kompromiss gefunden sein wird: „Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt; und es ist meine Aufgabe dies sicherzustellen. Wir haben uns gewaltig angestrengt, die Arbeit so zu organisieren, dass es möglich ist“, hatte er gesagt.

Auch ein Vertreter der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), einer Art Zentralbank der Zentralbanken, rief die Verhandlungspartner zu einer Lösung auf: „Für vernünftige Aufsichtsbehörden hat es Priorität, die Reformen zu finalisieren, vor allem das Basel-III-Paket, und dabei nicht die Standards zu verwässern“, sagte Claudio Borio, Leiter der geldpolitischen und ökonomischen Abteilung der BIZ. Ein Abschluss der Verhandlungen sei wichtig, um Klarheit für die Bankenbranche über die Anforderungen zu schaffen. „Die Standards dabei nicht zu verwässern, ist genauso wichtig“, betonte er dabei. Vor allem aus Europa hatte es aus der Politik Forderungen gegeben, die europäischen Institute nicht mit strengen Vorschriften zu überfordern.

Die Kernfrage ist, wie Banken ihre Risiken und damit ihren Kapitalbedarf kalkulieren. Den USA fordern, dass Banken keinen unbegrenzten Vorteil mehr daraus ziehen dürfen, wenn sie ihren Kapitalbedarf selbst ausrechnen. Denn im Vergleich zur Standardmethode, die kleine Banken anwenden, sparen Großbanken mit eigenen Methoden viel Kapital. Die USA verdächtigen Banken, ihre Risiken kleinzurechnen.

Nun fordern die USA, dass der Vorteil, den Banken aus eigenen Modellen ziehen, auf 20 Prozent begrenzt wird. Das würde vor allem europäischer Banken stark steigern - in den USA ist den Banken schon heute verboten, allzu große Vorteile aus Eigenmodelle zu ziehen. Die Europäer wehren sich gegen radikale Änderungen. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret etwa lehnte vor kurzem jede Begrenzung ab. Der Kompromiss dürfte darin bestehen, den maximalen Vorteil interner Modelle auf 40 Prozent zu begrenzen.

Die EZB weiß, wie misstrauisch die internen Modelle beäugt werden. Sie will die internen Modelle in den nächsten drei Jahren überprüfen und für einheitlichere Standards sorgen. Man wolle erreichen, dass Banken und Investoren den internen Modellen „diesseits und jenseits des Altantiks“, wieder vertrauen, sagte Korbinian Ibel, Generaldirektor der EZB-Bankenaufsicht. Die EZB hält interne Modelle für ein „überlegenes Verfahren“, solange man sie „konservativ“ einsetzt. „Die Rückgewinnung dieses Vertrauens wird uns allen viel Mühe und viel Energie abfordern, sowohl den Banken, aber auch uns als Aufsehern, die diese Modelle prüfen müssen.“

Die EZB setzt bei ihrer Revision der internen Modelle auf Vorort-Inspektionen. Genau dieses Inspektionen hat gerade der Europäische Rechnungshof kritisiert, weil die EZB dabei zu wenige eigene Leute einsetzt. Nur acht Prozent aller Inspektionen würden von EZB-Personal geleitet, so der Rechnungshof. Julie Dickson kündigte nun an, dass die EZB diese Kritik beherzigen und künftig die Beteiligung an Vorort-Inspektionen erhöhen wolle.

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