Clara Furse strotzt vor Selbstvertrauen. Die Chefin der Londoner Börse LSE sieht die britische Hauptstadt vor dem unaufhaltsamen Aufstieg zur Finanzmetropole der Welt – den ewigen Konkurrenten New York schon bald weit hinter sich lassend. Furse steht mit dieser Utopie nicht alleine.
LONDON. Die Mehrheit der Finanzmanager in der Londoner City teilt den Optimismus der resoluten Börsenchefin. Und tatsächlich haben sich die transatlantischen Machtverhältnisse im Finanzgeschäft in den vergangenen Jahren empfindlich verschoben.
Geschickt nutzte die LSE den Unwillen der globalen Unternehmensführer über die aufwendigen und teuren US-Börsenregeln nach Einführung der Sarbanes-Oxley-Gesetze, um internationale Börsenkandidaten an die Themse zu locken. Im vergangenen Jahr sammelten Unternehmen an der LSE mit Börsengängen 29 Mrd. Pfund ein, mehr als an den New Yorker Börsen Nyse und Nasdaq zusammengenommen. Die größte Emission wagte mit einem Volumen von acht Mrd. Euro der russische Erdölkonzern Rosneft. In diesem Frühjahr nahm die zweitgrößte russische Bank VTB sechs Mrd. Dollar mit ihrem Börsengang in London und Moskau ein.
Der Trend ist eindeutig: Seit 2003 wählten rund 180 internationale Unternehmen vor allem aus den aufstrebenden Volkswirtschaften Indien, China und Russland den Londoner Aktienmarkt für ihren Börsengang, gleichzeitig gaben 74 Firmen aus dem Ausland ihr Listing an der Nyse oder an der Nasdaq auf.
Die Verschiebung der Kräfteverhältnisse sorgt für Spannungen in den transatlantischen Beziehungen. So beklagte sich John Thain, Chef der Nyse, öffentlich über die mangelnde Transparenz russischer Großkonzerne, die ihre Aktien in London an die Börse bringen: „Ich bin sehr besorgt über die Unternehmensführung, die Transparenz und den Schutz der Minderheitsaktionäre bei russischen Unternehmen.“ LSE-Chefin Furse führt die Verbalattacken vor allem auf den Neid der US-Kollegen zurück und schießt zurück: Die Nyse habe sich selbst äußerst eifrig um die angeblich so intransparenten Börsenkandidaten aus Russland bemüht.
Aber nicht nur im lukrativen Geschäft mit Börsengängen hat London deutlich Boden gutgemacht. 2006 haben die Investmentbanken in den USA bei 8 000 Übernahmen im Wert von 1,4 Bill. Dollar beraten. Die Vergleichszahl für Europa, Asien und Fernost liegt bei 19 000 Transaktionen mit einem Wert von 1,8 Bill. Dollar. „Von diesem Trend profitiert London als Standort zwischen den Zeitzonen“, sagt ein Londoner Banker. Tatsächlich zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, dass immer mehr große Wall-Street-Investmentbanken Führungsaufgaben von New York nach London verlagern. Grund ist das deutlich schnellere Wachstum der Geschäfte in Europa und dem Nahen Osten im Vergleich zum weitgehend gesättigten US-Markt.
An der Themse werden zudem jeden Tag mehr als 1,2 Bill. Dollar im Devisenhandel umgesetzt. So viel schaffen Frankfurt, Tokio und New York nicht einmal gemeinsam. Auch im Handel mit internationalen Anleihen und Aktien führt London die Weltrangliste an. Im boomenden Geschäft mit Hedge-Fonds hat die britische Metropole ebenfalls deutlich aufgeholt. Der Anteil Londons stieg seit dem Jahr 2002 von zehn auf 21 Prozent, während der Marktanteil von New York von 45 Prozent auf 36 Prozent zurückging.
Schließlich spricht auch der ultimative Maßstab im Investment-Banking für London. Banker in der City streichen mittlerweile bis zu 50 Prozent höhere Gehälter und Bonuszahlungen ein als ihre US-Kollegen.

