Brexit-Folgen für Banken: Die Furcht vor der Kettenreaktion

Brexit-Folgen für Banken
Die Furcht vor der Kettenreaktion

Um negative Brexit-Folgen abzufedern, hat die britische Bankenbranche ihre Forderungen für die EU-Austrittsverhandlungen deutlich heruntergeschraubt. Von einem vollen Zugang zum Binnenmarkt ist keine Rede mehr.
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LondonSchon in dem Kino-Film „The Big Short“ über die Finanzkrise vor acht Jahren muss ein Turm aus „Jenga“-Spielklötzchen herhalten, um etwas Kompliziertes zu veranschaulichen: Händler der Deutschen Bank erklären damit Hypothekenverbriefungen.

Douglas Flint, Verwaltungsratschef der britischen Großbank HSBC, hat den Vergleich mit dem Klötzchenspiel jetzt in die Brexit-Debatte eingebracht. „Das Ökosystem in London ist ein bisschen wir ein Jenga-Turm: Wenn man ein kleines Teil entfernt, weiß man nicht, ob möglicherweise gar nichts passiert oder dies dramatische Folgen haben wird“, sagte Flint diese Woche bei einer Anhörung vor dem einflussreichen parlamentarischen Finanzausschuss in Großbritannien.

Weil die Branche jedoch mehrheitlich massive Konsequenzen fürchtet, hat der Lobbyverband City UK jetzt erneut einen Anlauf gestartet, um diese abzufedern: Die Branche hat am Donnerstag ihre wichtigsten Forderungen für die Brexit-Verhandlungen veröffentlicht, die Großbritanniens Premierministerin Theresa May bis Ende März in Gang setzen will.

Die Banken und andere Finanzunternehmen haben dabei das bisherige Ziel aufgegeben, den vollen Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu behalten. Stattdessen machen sie sich jetzt für das sogenannte Äquivalenzprinzip stark. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Finanzkonzerne aus Nicht-EU-Staaten können Zugang zur EU bekommen, wenn die Finanzmarktregulierung in ihrem Land von der EU als gleichwertig anerkannt wird.

Zudem fordert City UK Übergangsregelungen, damit die Banken sich besser auf die neuen Beziehungen zwischen London und Brüssel einstellen können. Zunächst hatte sich die Branche dafür eingesetzt, die wirtschaftlichen Vorteile der EU-Zugehörigkeit möglichst zu retten. Denn dadurch können die Banken problemlos von London aus Geschäfte auf dem Kontinent machen. Das machen die sogenannten Passporting-Regeln möglich. Dieses Gesetz ermöglicht Firmen, die ihren Firmensitz in England haben, ohne Genehmigungen Geschäfte in der EU zu machen. Hat Großbritannien keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt, verlieren die Geldhäuser die Passporting-Möglichkeit von London aus.

Die neue Bescheidenheit der Branche ist aus der Not geboren. Theresa May hat in ihren bisherigen Aussagen zum Brexit Einwanderungskontrollen stets den Vorzug gegeben. Und das lässt sich aus EU-Sicht nicht mit dem Binnenmarktzugang vereinbaren. Banken brauchen daher andere Lösungen.

Miles Celic, Chef von City UK, betont: Man wolle einen maßgeschneiderten Deal, der darauf basiere, dass die beteiligten Parteien auf regulatorischer Ebene kooperierten und gegenseitig ihre Finanzmarktregeln akzeptierten. Der beste Brexit-Deal sei wohl einer, der Unsicherheit reduziere und den Unternehmen helfe, ihren Kunden auf dem Kontinent weiterhin zu dienen.

Der Vorstoß von City UK ist der erste große Versuch der Branche, jetzt mit einer Stimme zu sprechen und sich mit einigermaßen realistischen Forderungen Gehör bei der Premierministerin zu verschaffen. In den vergangenen Monaten haben verschiedene Bankenlobbyvereinigungen und Beratungsgremien versucht, Gespräche mit wichtigen Regierungsmitgliedern zu führen. Dabei setzten sie sich allerdings teilweise für widersprüchliche Lösungen ein.

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Erste Abwanderung im Frühjahr erwartet

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • "I want my money back!" forderte einst Margret Thatcher und soll damals mit ihrer Handtasche auf den Tisch gehauen haben. Sie muss auch gefragt haben "You want to rule over our ountry?" und muss ein energisches "NO!" hinterhergeschoben haben. Bei dem heutigen Brexit geht es jedoch nicht nur um "I want my money back!" sondern viel mehr um "I want my country back!", da May ja bestätigt hat, daß es den Briten in erster Linmie um Rückgewinnung der Kontrolle über Staatsgrenzen und Gesetzgebung geht.

    Es steht zu "befürchten", daß tatsächlich mehr und mehr Länder erkennen, welche Interessen denn eigentlich hinter dieser brüsselschen "europäischen Wertegemeinschaft" stecken und gleichfalls Bestrebungen zur Rückgewinnung nationalstaatlicher Souveränität starten. In Frankreich soll ja in Umfragen bereits Le Pen vorne liegen. Wenn sich die EU-Technokraten aber mehr Gedanken um eine europäische Zusatzsteuer machen, als einen Kopf um Grenzschutz und Begrenzung der Migrantenschübe machen, dann scheint in Brüssel der Ernst der Lage der EU wohl noch nicht erkannt zu sein.

    PS: Leute wie Juncker, Asselborn, Monti, Schulz und Co. gehören allesamt aufs Altenteil. Für meinen Geschmack haben die mehr Schaden für Europa angerichtet, als zu verantworten ist und junge Leute, wie der österreichische Aussenminsiter Kurz, sollten eine Chance zur Ausrichtung einer bürgerorientierten (und eben nicht einseitig kapitalorientierten!) Europapolitik erhalten.

  • Wickelt diesen gottverdammten EURO und die EU endlich ab.
    Die Währung ist gescheitert, der EURO ein Fehlversuch.
    Überall herrscht Zwietracht in der EU, überall zutiefst gespaltene Gesellschaften und große Wut und großer Frust bei den Bürgern.
    Dazu noch die Massenmigration, die wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger der Ereignisse wirkt.
    Mit allen Risiken wie Terroranschläge und steigende Kriminalität.

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