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22.11.2007 
Neue Schieflagen

Britische Banken am Pranger

von Michael Maisch

Die Geldhäuser auf der Insel kommen nicht zur Ruhe: Die Angst vor neuen Schieflagen schürt das Misstrauen gegen die Branche. Nach der Krise um Northern Rock ist mit dem kleineren Institut Paragon der zweite Baufinanzierer in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Die Talsohle sei noch nicht durchschritten, warnen Experten.

Eine Bankangestellte der Royal Bank of Scotland: Das Management des britischen Geldhauses schweigt bislang hartnäckig. was die Auswirkung der Finanzkrise angeht. Foto: dpaLupe

Eine Bankangestellte der Royal Bank of Scotland: Das Management des britischen Geldhauses schweigt bislang hartnäckig. was die Auswirkung der Finanzkrise angeht. Foto: dpa

LONDON. Fast sieht es so aus, als hätte jemand die Uhr zwei Monate zurückgedreht. Die britischen Banken stehen wegen der Subprime-Krise wieder unter Generalverdacht. Am Geldmarkt, wo sich die Banken gegenseitig Geld leihen, sind die Sätze deutlich gestiegen – ein Indiz dafür, dass die Institute sich nicht mehr über den Weg trauen, weil sie weitere Verluste aus der Kreditkrise fürchten. Aber auch die Investoren haben ein Misstrauensvotum gegen die Banken abgegeben. Allein seit Ende Oktober verlor der Branchenindex an der Londoner Börse noch einmal rund 15 Prozent an Wert.

Zusätzliche Unruhe bringt die Angst vor neuen Schieflagen in den Markt. Nach der Krise um Northern Rock ist mit dem kleineren Institut Paragon der zweite Baufinanzierer in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Die Paragon-Aktie fiel gestern um weitere 20 Prozent. Auch Northern Rock sackte noch einmal um 13 Prozent ab.


Bildergalerie Bild für Bild: Die Opfer der Subprime-Krise


"Wir glauben nicht, dass die britischen Banken das Tief bereits durchschritten haben“, warnen die Analysten des Brokerhauses Collins Stewart. Die Experten von JP Morgan fürchten, dass die Kapitalbasis einiger Institute nicht mehr allzu große Puffer für weitere Abschreibungen bietet. Zwar seien Notfall-Kapitalerhöhungen eher unwahrscheinlich, aber der Spielraum für Dividenden oder Aktienrückkäufe schrumpfe sehr schnell. Wegen der Kreditkrise mussten die Banken weltweit bereits Abschreibungen von rund 50 Mrd. Dollar ankündigen. Das größte britische Geldhaus, HSBC, legte im dritten Quartal 1,7 Mrd. Pfund für faule Kredite zurück. Die Experten von Morgan Stanley warnen, dass das nur die Spitze des Eisbergs sein könnte und HSBC im kommenden Jahr bis zu 13 Mrd. Dollar abschreiben muss.

Bei Barclays befürchteten die Anleger sogar Verluste aus der Subprime-Krise von fünf Mrd. Pfund im dritten Quartal. Um sich gegen die Gerüchte zu wehren, zog die Bank ihren Zwischenbericht vor. Mit 1,3 Mrd. Pfund fielen die Abschreibungen zwar deutlich geringer aus als von Pessimisten erwartet, den Kursrutsch der Aktie konnte das aber nicht aufhalten. Seit Ende Oktober verloren die Barclays -Papiere 17 Prozent. Die Ratingagentur Fitch befürchtet weitere Risiken und überprüft die Bonitätsnote der Bank.

Die Offenheit von Barclays setzt auch den Erzkonkurrenten, die Royal Bank of Scotland (RBS), unter Druck. Die Schotten sehen sich mit ähnlichen Befürchtungen konfrontiert wie Barclays, schweigen aber bislang hartnäckig. In der Folge fiel der Kurs seit Ende Oktober um mehr als 20 Prozent.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Misstrauen zeigt sich auch am Geldmarkt wieder deutlich

Das Misstrauen in der Bankenbranche zeigt sich auch am Geldmarkt wieder deutlich. Der Satz, zu dem sich die Institute Mittel für drei Monate leihen, stieg auf 6,48 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Mitte September. Damals war die sogenannte London Interbank Offered Rate (Libor) mit 6,8 Prozent auf einen 20-Jahres-Rekord geklettert. Die Banken waren kaum noch bereit, sich länger als einen Tag Kredit zu geben. "Die heftigen Turbulenzen am Kreditmarkt“ sieht der britische Baufinanzierer Paragon denn auch als Grund für seine Finanzierungsprobleme. Das Institut warnte die Investoren, dass sein Geschäftsmodell in Gefahr sei, wenn sich die Lage an den Märkten nicht bessere. Zwar hat sich Paragon von der Schweizer Bank UBS eine Kapitalerhöhung von 280 Mill. Pfund garantieren lassen, doch ist die Zusage an Bedingungen geknüpft, die laut Paragon "für erhebliche Unsicherheit sorgen und Zweifel nähren könnten, dass die Geschäfte weitergeführt werden können“.

Mitte September hatte das Austrocknen der Liquidität bereits den deutlich größeren Baufinanzierer Northern Rock in eine Schieflage gebracht. Am Ende mussten Regierung und Zentralbank das Institut mit Krediten über bislang 24 Mrd. Pfund retten. Dazu kommen Garantien für Northern-Rock-Sparer. In der Folge gerieten auch Hypothekenbanken wie Alliance & Leicester oder Bradford & Bingley, deren Geschäftsmodell dem von Northern Rock ähnelt, massiv unter Druck.

Die Krise von Northern Rock hat sich längst zum Politikum entwickelt. Die konservative Opposition wirft Labour -Finanzminister Alistair Darling vor, dass er 40 Mrd. Pfund an Steuergeld für die Rettung der Bank riskiere, und nicht sicher sei, ob und wie viel davon jemals zurückfließe. Möglicherweise droht deshalb sogar die Verstaatlichung der Bank. Mit der Virgin-Gruppe und dem US-Fonds JC Flowers gibt es zwar mindestens zwei ernsthafte Interessenten für eine Übernahme von Northern Rock, doch beide wollen zunächst nur zehn bis 15 Mrd. Pfund der Rettungskredite zurückzahlen. Klar scheint inzwischen, dass die Aktionäre des Baufinanzierers bei dem Verkauf fast leer ausgehen werden. Alle bislang bekannten Interessenten bewerten das Eigenkapital von Northern Rock nur mit einem symbolischen Betrag.

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