Sie ist groß, sie ist reich – und sie erobert Deutschland: Die Rede ist von Frankreichs genossenschaftlicher Bankengruppe Groupe Crédit Mutuel-CIC. Als Überraschungsgast hat sich Frankreichs, nach Filialen gerechnet, zweitgrößte Bank im Kampf um das deutsche Privatkundengeschäft der Citigroup eingeladen – und sich durchgesetzt.
PARIS. Die in Deutschland kaum bekannte Crédit Mutuel wird damit zu einem wichtigen Spieler auf dem Privatkundenmarkt hier zu Lande. Und für den französischen Banken-Verbund ist der Deal mit Abstand der größte seiner Geschichte.
Bisher sind die Kreditgenossen im Ausland so gut wie abwesend – sie besitzen nur einige Minderheitsbeteiligungen. „Der Kauf der Citibank in Deutschland wäre daher eine große strategische Wende“, sagt Bernard de Longevialle, Leiter des Teams Finanzdienstleister der Pariser Niederlassung von Standard & Poor's (S&P), bevor bekannt worden war, dass Crédit Mutuel sich durchgesetzt hat. Mit dem Kauf der Citibank behebt die Gruppe ihre zwei Schwächen, urteilt Eric Dupont, Banken-Analyst bei Fitch, „sie ist bisher zu stark auf Frankreich fokussiert und zu schwach im Geschäft mit Konsumenten-Krediten.“
Das Kreditinstitut selbst will indes weiter als schweigender Riese agieren. Auf eine schriftliche Anfrage zur Auslandsstrategie hatte Pressesprecher Bruno Brouchiquan geantwortet: „Es ist mir nicht möglich, auf Ihre Fragen zu antworten, da die Gruppe gewöhnlich nicht kommuniziert.“
Kein Geheimnis ist, dass sich der Banken-Verbund die deutsche Citi leisten kann. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die 1 200 Mitgliedsbanken, die in 18 regionalen Verbänden zusammengeschlossen sind, einen Gewinn von 2,7 Mrd. Euro (minus sieben Prozent) – das ist das drittgrößte Ergebnis aller französischen Banken. Die Eigenkapitalquote (Tier one) liegt bei üppigen 9,3 Prozent. Über 26 Mrd. Euro ist die Eigenkapitaldecke dick. Die Einnahmen von knapp elf Mrd. Euro stammen zu zwei Dritteln aus dem Privatkundengeschäft und dem Verkauf von Versicherungen. In beiden Feldern zählt Crédit Mutuel zu den Top-Playern in Frankreich. Das Geschäft mit Großkunden, Investment-Banking und Vermögensverwaltung spielt nur eine Randrolle. 2005 versenkte die Investmentbank der Tochter CIC 484 Mill. Euro mit Derivaten – seitdem wird die Sparte an der kurzen Leine geführt.
Im Vergleich zu anderen genossenschaftlichen Gruppen Frankreichs wie Caisse d'Epargne oder Crédit Agricole fällt auf, dass die Gruppe Crédit Mutuel weniger zentralisiert ist. Zwar hat der Spitzenverband Conféderation Nationale bei strategischen Projekten der Regionalverbänden ein Veto-Recht; doch das Sagen haben de facto die drei größten Regionalverbände, allen voran der Crédit Mutuel Centre Est Europe-CIC (CMCEE). Er trägt allein zwei Drittel zum Gruppenergebnis bei. Weiteres Zeichen der Dominanz: Der Präsident des CMCEE, Etienne Pflimlin, und der Generaldirektor, Michel Lucas, leiten in Personalunion den nationalen Spitzenverband. Und es war der CMCEE, der vor zehn Jahren die landesweit tätige Privatbank CIC erwarb. Kenner des Crédit Mutuel sehen in den Deutschland-Plänen daher auch den ostfranzösischen Verband am Drücker; schließlich ist der CMCEE mit Sitz in Straßburg nicht nur räumlich Deutschland sehr nahe.
Und es wird zunehmend ungemütlich auf dem französischen Heimatmarkt: 2007 lag das Einnahmen-Wachstum der Gruppe bei mageren 1,7 Prozent.
Bei Zukäufen achten die Kreditgenossen stark auf den Preis. Als zum Beispiel die britische Großbank HSBC in diesem Frühjahr einen Teil ihrer Filialen in Frankreich verkauft hat, war auch der Crédit Mutuel im Rennen; schließlich will der Verbund auch im Inland weiter wachsen.
Doch der Preis von 2,1 Mrd. Euro war dem Crédit Mutuel zu hoch – das Rennen machten die Gruppe Banques Populaires. „Unsere Bewertungen kamen nicht auf zwei Milliarden Euro“, begründete CMCEE-Chef Michel Lucas.
Expansionspläne
Marokko: Dem Verbund Crédit Mutuel gehören 15 Prozent an der zweitgrößten Bank BMCE.
Italien: Hier halten die Franzosen 2,16 Prozent an der genossenschaftlichen Banca Populare di Milano, die geplante strategische Allianz kommt nicht voran.
Polen: Nachdem Unicredit die HVB geschluckt hatte, mussten die Italiener aus Wettbewerbsgründen 200 Filialen der polnischen Bank BPH verkaufen. Crédit Mutuel schlug nicht zu.
Frankreich: HSBC verkaufte Bank-Filialen. Crédit Mutuel zog sich wegen des Preises zurück.

