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12.05.2007 
Interview Ken Lewis

"Den letzten großen weißen Fleck löschen"

von Das Gespräch führten Hermann-Josef Knipper, Robert Landgraf und Christian Potthoff

Mit der geplanten Übernahme der ABN-Tochter LaSalle hat Bank-of-America-Chef Ken Lewis entscheidend in den Übernahmekampf um die Bank ABN Amro eingegriffen. Im Exklusiv-Interview mit dem Handelsblatt erzählt er, wie es im Bieterkampf weitergeht, was er für den deutschen Markt plant und warum mehr Transparenz bei Private Equity nötig ist.

Handelsblatt: Herr Lewis, Sie wollen von der holländischen ABN Amro deren Tochter La Salle in Chicago für 21 Mrd. Dollar übernehmen. Warum?

Ken Lewis: Chicago ist der drittgrößte Bankenmarkt der USA. Wir haben da bisher erst 56 Filialen. Das ist für eine Stadt wie Chicago einfach zu wenig. Mit LaSalle würden wir dort an die Nummer eins oder Nummer zwei vorstoßen. Außerdem würden wir unseren letzten großen weißen Fleck auf der Karte löschen und wären danach wirklich überall in den USA gut vertreten.

Um ABN Amro ist eine beispiellose Übernahmeschlacht entbrannt. ABN selbst will La Salle an Sie verkaufen und anschließend mit der britischen Barclays zusammengehen. Dagegen versucht das Bankentrio Royal Bank of Scotland (RBS), Santander und Fortis ABN feindlich übernehmen. Ist eine feindliche Übernahme im Bankgewerbe überhaupt sinnvoll?

Feindliche Übernahme sind bei Banken zwar selten, aber es hat schon einige Fälle gegeben. Klar ist natürlich, dass ein feindliche Übernahme die Unsicherheit bei allen Beteiligten stark erhöht. Das gilt auch für Management des Instituts, das gekauft werden soll und das auf Dauer über den Erfolg einer Akquisition entscheidet.

Das Trio um RBS bietet mit 24,5 Mrd. Dollar einen deutlich höheren Preis als Sie. Werden Sie ihr Angebot erhöhen?

Nach meinem Verständnis gibt es neben unserer Offerte kein gültiges Gebot der anderen Seite. ABN hat entschieden, dass deren Offerte nicht gültig ist.

Warum haben Sie ABN Amro verklagt?

Weil wir einen Vertrag haben, in dem ABN Amro garantiert, dass wir La Salle ohne Zustimmung der Aktionäre übernehmen können. Aber jetzt hat ein niederländisches Gericht geurteilt, dass die ABN-Aktionäre doch zustimmen müssen. Das verstößt gegen den Vertrag, bei New York als Gerichtsstand vereinbart wurde. Es geht hierbei nicht um irgendwelche Verzögerungen. Ein Verkauf an eine andere Adresse wie RBS würde uns Milliarden Dollar kosten, die wir durch die Akquisition und die Integration in unsere Bank in den Staaten erzielen könnten.

Es gibt Spekulationen, dass Sie allein oder mit anderen Banken für ABN Amro bieten könnten?

Nein. Wir haben mit La Salle für den Teil geboten, der uns interessiert - mehr kann ich dazu derzeit nicht sagen. Grundsätzlich ist es aber so, dass eine Gruppe von mehreren Bietern schwer zu managen ist. Wir jedenfalls haben in der Vergangenheit immer allein gekauft und waren nie Teil eines Konsortiums.

Dann bieten Sie also doch allein für ABN Amro?

Das wollte ich damit nicht gesagt haben (Lewis lacht). Wir haben für das geboten, was uns interessiert, also LaSalle.

Die Bank of Amerika hat in den letzten Jahren zahlreiche Banken hinzu gekauft. Was macht Größe so attraktiv?

Größe ist auf vielerlei Weise hilfreich. Zum Beispiel konnten wir unsere Einkaufspreise für Dienstleistungen senken. Außerdem kommt fast jeden Tag jemand mit neuen Ideen zu uns, weil er im Konsumentengeschäft etwas machen will – zum Beispiel eine Kooperation oder Fusion. Denn wir haben die Stärke, das auch umzusetzen. Zudem gewinnen wir als Arbeitgeber an Attraktivität für die besten Talente der Branche. Und last but not least kann die Bank of America stürmische Zeiten viel besser meistern, da sie groß und diversifiziert ist.

Können Sie in den USA überhaupt noch wachsen? Der Gesetzgeber verbietet dort ab einem Marktanteil von zehn Prozent bei den Einlagen weitere Zukäufe.

Es stimmt, dass wir mit La Salle diese Schwelle erreichen. Das Gesetz verbietet aber nur weitere Zukäufe. Doch niemand hindert uns daran, aus eigener Kraft zu wachsen. Dabei konzentrieren wir uns auf jene Felder, in denen wir schneller wachsen können als die Konkurrenz – etwa bei mittelständischen Unternehmen, bei gehobenen Privatkunden oder im Hypothekengeschäft.

Sie sind sehr stark abhängig vom amerikanischen Markt, der 90 Prozent zum Umsatz beisteuert. Müssten Sie nicht stärker diversifizieren?

Die USA allein sind ein so großer und so diversifizierter Markt wie das Europa auch ist. Abgesehen davon haben wir nicht nur dort, sondern ebenfalls im Ausland investiert. Außer dem drei Milliarden Dollar schweren Einstieg bei der China Construction Bank, der CCB, haben wir uns an Banken in Mexiko und Brasilien beteiligt. Gleichzeitig gehört uns mit MBNA eine der größten Kreditkartenfirmen der Welt, die auch in Europa sehr aktiv ist, und wir arbeiten weltweit stark im Großkundengeschäft. Dennoch: Der Anteil des Auslandsgeschäfts wird in den nächsten Jahren sicher weiter steigen.

Müssen Sie sich an der Konsolidierung in Europa beteiligen, um ihr Stellung als eine der größten Banken der Welt zu behaupten?

Ich glaube nicht, dass wir uns beteiligen müssen. Das heißt aber nicht, dass wir es eines Tages nicht doch tun. Wir denken da sehr opportunistisch und gehen auch so vor – wenn sich eine sinnvolle Gelegenheit ergibt, schauen wir uns das an.

Was wäre sinnvoll?

Interessant ist grundsätzlich alles, was unser Wachstum in Feldern beschleunigt, in denen wir ohnehin wachsen wollen. Wenn es beispielsweise sofort eine Lösung gäbe, um unser Kapitalmarktgeschäft in Europa und Asien zu verstärken, dann wäre das sicher attraktiv.

Heißt das, Sie sind auf der Suche nach einer europäischen Investmentbank?

Wenn der Preis stimmt und wir glauben, dass wir die Kultur einer Investmentbank managen können, die sich von unserer unterscheidet, könnte das eine Option sein. Aber im Moment sind die Preise sehr hoch.

Konkret: Sind Sie an Barclays interessiert, wie des Öfteren kolportiert wird?

Zu einzelnen Namen kann ich nichts sagen. Sicher ist: Eine Reihe europäischer Banken würden uns im Kapitalmarktgeschäft helfen. Aber alle haben eben auch andere Geschäftsfelder, die uns weniger interessieren.

Blicken wir auf Deutschland: Muss die Konsolidierung hier beschleunigt werden?

Ein konsolidierter Markt mit starken Banken wäre langfristig wichtig für Deutschland. Natürlich ist mir bewusst, dass Fusionen nicht einfach sind. Aber ohne ein starke Stellung im Heimatmarkt kann eine Bank im globalen Wettbewerb kaum mithalten. Wenn ich ein Deutscher wäre, wäre ich daran interessiert, dass es eine große deutsche Bank gibt, die weltweit vorne mit dabei ist. Und wenn ich ein deutsches Unternehmen wäre, dann würde ich das ebenfalls wollen.

Wie wichtig ist Deutschland für die Bank of Amerika?

Es wird immer wichtiger, auch wegen der wirtschaftlichen Erholung. Unsere Kunden sind vor allem große Unternehmen mit weltweiter Präsenz, Finanzinstitutionen und Finanzinvestoren.

Für manche ausländische Banken ist Deutschland das Sprungbrett nach Osteuropa.

Wir haben derzeit keine Pläne für eine Expansion in Osteuropa. Wir fokussieren uns auf Westeuropa – da gibt es noch mehr als genug Chancen für uns. Wir bauen derzeit unsere Vertriebsmannschaft und unsere Kapitalmarktsparte in Europa aus. Der Hauptstandort ist dabei natürlich London, aber wir wachsen auch in anderen Ländern.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum Europa wichtiger ist als Asien

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