Gier, zu hohe Risiken – Crash: Die Pleite des Hedge-Fonds LTCM vor zehn Jahren hatte alle Zutaten der aktuellen Finanzkrise. Der Fall zeigt, wie schnell die Branche vergisst: Der Hauptakteur von damals ist noch groß im Geschäft – mit der alten Methode.
Aura der Unverletzlichkeit: Wenn es ernst wird, fallen in der Fed in New York die ganz wichtigen Entscheidungen. Foto: ap
LONDON/NEW YORK. Wie eine Trutzburg steht das graue Gebäude der Federal Reserve im Herzen des New Yorker Finanzdistrikts. Während draußen der Lärm der Großbaustelle Downtown dröhnt und die Menschen sich fluchend ihren Weg durch dass alltägliche Verkehrschaos bahnen, herrscht innerhalb der dicken Sandsteinmauern eine unwirkliche Stille. Selbst die Sicherheitsleute sprechen mit gedämpfter Stimme. Nichts, so scheint es, kann diesen Hort der Stabilität erschüttern. Kein Wunder, dass die Menschen hier am 11. September 2001 Zuflucht vor den Trümmern und dem Staub des einstürzenden World Trade Centers gesucht haben.
Doch die Aura der Unerschütterlichkeit trügt. In den vergangenen Wochen hat es innerhalb der dicken Mauern an der Liberty Street gewaltig gebebt. In dramatischen Krisensitzungen haben Notenbanker, Politiker und Bankenchefs versucht, die Finanzwelt vor einem drohenden Untergang zu bewahren. Und wenn es ein Gesicht gibt, das für die epochalen Erschütterungen der Finanzwelt steht, dann ist es das Gesicht von Fed-Präsident Timothy Geithner. Der kürzlich noch unbekümmerte, jugendliche Ausdruck dieses Mannes von 47 Jahren ist ausgelöscht von einer neuerdings müden, sorgenvollen Miene.
Das, was eben noch die stolze Wall Street war, ist in sich zusammengekracht wie ein Kartenhaus, und einem langen Konferenztisch im zehnten Stockwerk des Fed-Gebäudes kommt in diesem Drama der Weltwirtschaft eine ganz besondere Rolle zu.
Zuerst im März, als das Schicksal der Investmentbank Bear Stearns besiegelt wurde. Dann, als Fed-Präsident Timothy Geithner und US-Finanzminister Hank Paulson Mitte September den Daumen über Lehman Brothers senkten und das Brokerhaus Merrill Lynch sich in einem Hinterzimmer an die Bank of America verkaufte. Und schließlich in der vergangenen Woche, als das Hilfspaket für den taumelnden Versicherungsriesen AIG geschnürt wurde.
Wie LTCM das weltweite Finanzsystem zu erschüttern drohte
Es ist nicht das erste Mal, dass der Neorenaissance-Bau in New York im Brennpunkt der Geschichte steht. Auf den Tag genau vor zehn Jahren fand dort schon einmal eine historische Krisensitzung statt, die nun wie ein Prolog der aktuellen Krise erscheint.
23. September 1998. Ein Hedge-Fonds namens Long Term Capital Management, kurz LTCM, steht vor der Pleite und droht die globale Finanzwelt zu erschüttern. Auch damals sind es übermütige Finanzjongleure, die mit ihren waghalsigen Wetten auf Pump das globale Finanzsystem fast zum Einsturz gebracht haben. Auch damals geht es um komplexe Finanzprodukte, jene heimtückischen Derivate, die der Großinvestor Warren Buffett später als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnen wird. So augenfällig sind die Parallelen zu dem, was sich in den vergangenen Monaten abgespielt hat und derzeit noch abspielt, dass man sich fragt, ob die Finanzbrache und ihre Aufseher aus dem möglichen Gau nichts gelernt haben.
Es ist ein ausgesprochen exklusiver Kreis, der sich am Mittwochnachmittag des 23. September 1998 in der New Yorker Niederlassung der Fed trifft. Die Teilnehmerliste liest sich wie das Who's who der internationalen Finanzwelt. Die Chefs von Bankers Trust, Bear Stearns, Chase Manhattan, Goldman Sachs, Lehman Brothers, J.P. Morgan, Merrill Lynch, Morgan Stanley und Salomon Smith Barney drängen sich unter den Ölporträts im Konferenzraum des zehnten Stocks. Auch die Deutsche Bank und die Dresdner Bank und ein Dutzend weitere Finanzfirmen haben Abgesandte in die Krisenrunde entsandt. So groß ist der Andrang, dass die Ledersessel nicht ausreichen, und die Manager sich mit Klappstühlen behelfen müssen.
Selten war mehr geballte Finanzmacht in einem Raum versammelt. Doch der Einfluss der Anwesenden reicht gerade aus, für die schwierige Aufgabe, vor die William McDonough, der vierschrötige Präsident der New York Fed, die Runde stellt. Denn die Herren des Geldes sollen die Welt retten.

