Die Krise an den Finanzmärkten berührt die Genfer Privatbankiers eher weniger: Sie haben andere Probleme. Ein Rundgang bei der Elite der Hochfinanz.
Selten fotografiert: Teilhaber der Privatbank Pictet im Jahr 2005. Im Mittelpunkt ein "PicPic" der einstigen Firma Piccard, Pictet & Cie., deren Präsident ein Miteigentümer der Bank war. Foto: PR
GENF. In diesen Tagen, da der Frühling heranwehen sollte, krallt sich der Winter in Genf fest: Auf den Bergkuppen rund um die Kapitale der Privatbankiers funkelt noch immer Schnee, die Temperaturen wollen nicht in den Wohlfühlbereich steigen, durch die feinen Boulevards zischt eine scharfe Brise. Im Fonds der vorbeirollenden S-Klasse-Limousinen und Bentleys ist die Kälte fern. Und die Fahrer der gepanzerten Transporter der Firma Brinks, die Franken, Euro und Gold liefern, haben für Wetterfühligkeit keine Zeit.
Ein ganz normaler Tag im Quartier des Banquiers zu Genf. Hier mehren edle Finanzinstitute seit Jahrhunderten das Vermögen ihrer Klientel. Verschwiegen. Erfolgreich. Die Rothschilds, die Bordiers, die Mirabauds und die anderen Bankiers managen geschätzt fast die Hälfte der fünf Billionen Franken, die in der Schweiz lagern.
Doch im Frühjahr 2008 fühlen die Genfer De-luxe-Bankiers einen kalten Gegenwind: Es ist die Finanzkrise in den USA, und es sind die Attacken auf das Schweizer Bankgeheimnis, die ein Frösteln auslösen. Einer der Prominenten der Genfer Zunft, Pierre Mirabaud, verlor gar die sonst so typische Contenance: Der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung verglich die Aktionen deutscher Behörden in der Liechtenstein-Affäre mit der Gestapo. Gestapo? Mirabauds Kollegen wandten sich entsetzt ab.
Wie reagieren andere Herren des Geldes? Geht die Angst um? Ein Rundgang bei der Genfer Hochfinanz zeigt: Noch herrscht Nonchalance in der feinen Gesellschaft.
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Zwei Flügeltüren schließen sich geräuschlos. Am Empfang von Pictet & Cie, der größten Schweizer Privatbank, steht ein livrierter Herr. Diskret fragt er nach dem Wunsch. Sie sind für eine Visite bei Monsieur de Saussure angemeldet? Ein rasches Telefonat. Monsieur de Saussure, der Teilhaber von Pictet & Cie, sei in zehn Minuten bereit. Darf es vorher eine kleine Erfrischung sein? Der Gast nimmt in dem holzgetäfelten Salon Platz. Über ihm hängt ein Ölgemälde von François Diday. „Ein Original. Natürlich“, betont der Herr am Empfang. Außer ihm und dem Gast ist niemand zu sehen, dann lässt Monsieur de Saussure bitten.
Jacques de Saussure begrüßt den Gast freundlich, nette Worte. Dann sagt er: „Wir sind keine Massenbank, und wir werden das auch nie sein.“ Laufkundschaft? Nein. Wer als Kunde Eintritt bei Pictet begehrt, der müsse rund eine Million Franken mitbringen: „Wir könnten aber genauso gut eine Million Euro sagen.“ Und ein neuer Kunde kommt auch nicht selten durch die Referenz eines Altkunden. Pictet kann sich somit auf eine sehr ausgesuchte Klientel stützen. De Saussure hat sich auf den Gast gründlich vorbereitet. Er ist Mathematiker, ein Mann der Zahlen. Der 56-Jährige rundete vor dreißig Jahren beim berühmten MIT in Boston seine Ausbildung mit einem Master in Management ab. Anfang der 80er managte Pictet rund zehn Milliarden Franken. Heute sind es 400 Milliarden: „Wir hielten damals diese Entwicklung kaum für möglich.“
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Wie kam es zu diesem Boom? Zum einen, weil Pictet erfolgversprechende Trends erkennt. So spürten die Bankiers früh das Erfolgspotenzial von Anlagen in nachhaltige Investments oder in Trendthemen wie Wasser oder Biotechnologie.
Zum anderen schützt die Struktur die Bank vor Gefahren. Bei Pictet haben die Eigentümer das Sagen: Acht Teilhaber entscheiden über das Geschäft, von ihren Direktiven hängt das Wohl und Wehe des verwalteten Vermögens ab. Und das Wohl und Wehe des privaten Vermögens der Teilhaber: Jacques de Saussure und seine Partner haften unbeschränkt mit ihrem Geld. „Deshalb handeln die Privatbankiers auch besonders verantwortlich und risikobewusst“, erklärt de Saussure und legt seine Brille beiseite. Deshalb, heißt es in der Branche, haben die Privatbankiers auch kein Geld in der Subprime-Krise in den USA verloren. „Wir halten keine Firmenkredite oder Hypotheken in unseren Büchern“, erklärt de Saussure.
Doch die unheilvolle Lage jenseits des Atlantiks bedroht auch die Genfer Geldhäuser: Die Finanzmärkte gehen in die Knie. Die Geschäfte mit anderen Banken bergen immer größere Risiken. Und irgendwann könnte die Finanzkrise voll auf die Realwirtschaft durchschlagen – davon wären dann auch die betuchten Kunden betroffen.
Ebenso treibt eine andere Gefahr Klientel und Bankiers um: die Attacken auf das Schweizer Bankgeheimnis. Die Eidgenossen nennen die Regelungen lieber „Bankkundengeheimnis“.
„Das Bankkundengeheimnis schützt den Kunden vor neugierigen Einblicken in seine Privatsphäre“, heißt es bei der Schweizerischen Bankiervereinigung. Zumal ausländische Steuerbehörden könnten diese neugierigen Blicke auf nicht deklariertes Geld auf Schweizer Konten werfen. Bislang wehrte Helvetien die Angriffe auf dieses Geheimnis ab.
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Als ruchbar wurde, dass Bürger der Bundesrepublik Deutschland schwarzes Geld en masse nach Liechtenstein schafften, nahmen klamme europäische Regierungen die Schweiz wieder ins Visier. Gelten Schweizer Bankiers nicht als die größten Helfer der Steuerflüchtlinge? Ist das Bankgeheimnis nicht geradezu eine Aufforderung, heiße Beträge in Zürich oder sonst wo in der Schweiz zu bunkern? „Es geht nicht nur um Liechtenstein“, grollte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: „Wir reden auch über die Schweiz, über Luxemburg oder über Österreich.“
Mitten durch das Genfer Quartier des Banquiers führt die Rue Bovy-Lysberg. An einem Ende der Straße empfangen die Genfer Rothschilds ihre Kunden, etwas weiter hinauf liegen die Räume der Vereinigung der Genfer Privatbankiers. Der feine Club verteidigt vor allem die Interessen von vier Häusern: Bordier (gegründet 1844), Lombard Odier Darier Hentsch (gegründet 1796), Mirabaud (gegründet 1819) und Pictet (gegründet 1805). Die Geschäfte des Clubs führt Michel Y. Dérobert. Gleichzeitig leitet er die Geschäfte der Vereinigung der Schweizerischen Privatbankiers.
Dérobert gilt in der Branche als der Supernetzwerker: Er kennt sie alle, sie alle kennen ihn. Und sie vertrauen ihm. Seit die Angriffe aus der EU auf die Schweiz prasseln, organisiert auch Dérobert die Verteidigung. Das tut er helvetisch-freundlich und helvetisch-bestimmt. Polemiken des Ex-Bundesfinanzministers Hans Eichel pariert er so: „Was wir überhaupt nicht schätzen: Wenn deutsche Ex-Minister behaupten, unser Bankensystem sei für Steuerbetrüger wie geschaffen.“ Im nächsten Atemzug stellt er klar: „Die Schweiz wird das Bankkundengeheimnis behalten. Das Volk würde sich nicht für eine Abschaffung aussprechen.“
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Deutsche Kunden bei Barings? Ja, es gibt ein paar.
Da dürfte Dérobert recht behalten. Umfragen belegen: Seit Jahren spricht sich eine stabile Mehrheit der Eidgenossen für die Pflicht zur Verschwiegenheit aus. Und das aus einem guten Grund: Die Bürger zwischen Basel und Chiasso profitieren selbst vom Bankgeheimnis. In Helvetiens direkter Demokratie ist die Abschaffung der Regelung ohne das Ja der Stimmberechtigten so gut wie unmöglich.
Das weiß auch Günter Woernle. Kaum einer kennt die Genfer Finanzwelt so gut wie er. Jahrelang schrieb Woernle den Wernlin. Und dieses Buch schätzt man als „Who’s who“ der Schweizer Banken. Jetzt hat Woernle, ein Deutscher, das Buchschreiben aufgegeben, der graumelierte Herr berät aber weiter steinreiche Kunden der Banque Baring Brothers. Auf den Fluren hängen Ölgemälde, schwere Teppiche schlucken die Schritte. „Baring in Genf geht es wunderbar“, erzählt er: „Die Petrodollar helfen, das Geld aus Saudi-Arabien und Kuwait kommt zu uns.“ Vom Fenster seines Büros sieht der Besucher drei verschleierte Frauen; sie huschen in den Fonds einer Maybach-Limousine.
Deutsche Kunden bei Barings? Ja, es gibt ein paar. Die meisten Reichen aus Hamburg oder München, die in der Schweiz ihr Geld unterbringen wollen, ziehe es jedoch nach Zürich. Und das Bankgeheimnis? Glaubt er, dass diese Schutzvorrichtung in 20 Jahren noch existiert? „Vielleicht gibt es das offizielle Bankgeheimnis in 20 Jahren nicht mehr“, unkt Woernle. „Wir werden dann aber trotzdem nichts sagen, wir sind so trainiert – der Schweizer Bankier redet nicht.“
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Woernle ist sich auch in einem anderen Punkt sicher: „Genf bleibt die Bastion der Vermögensverwaltung.“ Die Stadt am Westzipfel begann ihren Aufstieg im 16. Jahrhundert. Die Einwohner – imprägniert durch die strenge Ethik des Reformators Jean Calvin – strebten wie selbstverständlich nach materiellem Erfolg. Galt „le succès“ doch als göttlicher Gunstbeweis. Im Gefolge der Reformation fanden in Genf vertriebene Protestanten aus ganz Europa Zuflucht, Bankiers aus Italien und Frankreich entfalteten ihr Können.
Heute ziehen die Banken neben vermögenden Kunden auch Größen der internationalen Politik an. Ex-Uno-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan unterhält beste Beziehungen zu Pictet.
Ein anderer Friedensnobelpreisträger, Al Gore, geht auf Tuchfühlung mit Lombard Odier Darier Hentsch (LODH). Die Firma des Ex-US-Vizepräsidenten, Generation Investment Management, und die alte Bank kooperieren, umweltfreundlich und nachhaltig wollen sie sein. Präsentiert wird der Pakt mit Gore am Genfer Flughafen. Thierry Lombard, einer der LODH-Chefs streift kurz die „schwierigen Zeiten an den Aktienmärkten“ – zu den Angriffen auf das Bankgeheimnis sagt er nichts. Die Freude über den PR-Coup mit dem berühmten Amerikaner will sich Lombard nicht vermiesen lassen. Al Gore betont mit staatstragendem Gestus die „great honour“, die er jetzt fühle.
Auf die Frage, wer denn auf wen zugegangen sei, antwortet Lombard: Die Bank habe Gore ausgesucht. Genauso wie es sich für feine Genfer Privatbankiers geziemt.

