Wie kam es zu diesem Boom? Zum einen, weil Pictet erfolgversprechende Trends erkennt. So spürten die Bankiers früh das Erfolgspotenzial von Anlagen in nachhaltige Investments oder in Trendthemen wie Wasser oder Biotechnologie.
Zum anderen schützt die Struktur die Bank vor Gefahren. Bei Pictet haben die Eigentümer das Sagen: Acht Teilhaber entscheiden über das Geschäft, von ihren Direktiven hängt das Wohl und Wehe des verwalteten Vermögens ab. Und das Wohl und Wehe des privaten Vermögens der Teilhaber: Jacques de Saussure und seine Partner haften unbeschränkt mit ihrem Geld. „Deshalb handeln die Privatbankiers auch besonders verantwortlich und risikobewusst“, erklärt de Saussure und legt seine Brille beiseite. Deshalb, heißt es in der Branche, haben die Privatbankiers auch kein Geld in der Subprime-Krise in den USA verloren. „Wir halten keine Firmenkredite oder Hypotheken in unseren Büchern“, erklärt de Saussure.
Doch die unheilvolle Lage jenseits des Atlantiks bedroht auch die Genfer Geldhäuser: Die Finanzmärkte gehen in die Knie. Die Geschäfte mit anderen Banken bergen immer größere Risiken. Und irgendwann könnte die Finanzkrise voll auf die Realwirtschaft durchschlagen – davon wären dann auch die betuchten Kunden betroffen.
Ebenso treibt eine andere Gefahr Klientel und Bankiers um: die Attacken auf das Schweizer Bankgeheimnis. Die Eidgenossen nennen die Regelungen lieber „Bankkundengeheimnis“.
„Das Bankkundengeheimnis schützt den Kunden vor neugierigen Einblicken in seine Privatsphäre“, heißt es bei der Schweizerischen Bankiervereinigung. Zumal ausländische Steuerbehörden könnten diese neugierigen Blicke auf nicht deklariertes Geld auf Schweizer Konten werfen. Bislang wehrte Helvetien die Angriffe auf dieses Geheimnis ab.
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Als ruchbar wurde, dass Bürger der Bundesrepublik Deutschland schwarzes Geld en masse nach Liechtenstein schafften, nahmen klamme europäische Regierungen die Schweiz wieder ins Visier. Gelten Schweizer Bankiers nicht als die größten Helfer der Steuerflüchtlinge? Ist das Bankgeheimnis nicht geradezu eine Aufforderung, heiße Beträge in Zürich oder sonst wo in der Schweiz zu bunkern? „Es geht nicht nur um Liechtenstein“, grollte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: „Wir reden auch über die Schweiz, über Luxemburg oder über Österreich.“
Mitten durch das Genfer Quartier des Banquiers führt die Rue Bovy-Lysberg. An einem Ende der Straße empfangen die Genfer Rothschilds ihre Kunden, etwas weiter hinauf liegen die Räume der Vereinigung der Genfer Privatbankiers. Der feine Club verteidigt vor allem die Interessen von vier Häusern: Bordier (gegründet 1844), Lombard Odier Darier Hentsch (gegründet 1796), Mirabaud (gegründet 1819) und Pictet (gegründet 1805). Die Geschäfte des Clubs führt Michel Y. Dérobert. Gleichzeitig leitet er die Geschäfte der Vereinigung der Schweizerischen Privatbankiers.
Dérobert gilt in der Branche als der Supernetzwerker: Er kennt sie alle, sie alle kennen ihn. Und sie vertrauen ihm. Seit die Angriffe aus der EU auf die Schweiz prasseln, organisiert auch Dérobert die Verteidigung. Das tut er helvetisch-freundlich und helvetisch-bestimmt. Polemiken des Ex-Bundesfinanzministers Hans Eichel pariert er so: „Was wir überhaupt nicht schätzen: Wenn deutsche Ex-Minister behaupten, unser Bankensystem sei für Steuerbetrüger wie geschaffen.“ Im nächsten Atemzug stellt er klar: „Die Schweiz wird das Bankkundengeheimnis behalten. Das Volk würde sich nicht für eine Abschaffung aussprechen.“
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