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13.06.2007 
Banking in Moskau

Eine russische Karriere

von Thomas Wiede

Ruben Wardanian stammt aus Armenien und ist Chef der russischen Investmentbank Troika Dialog. Er führte das erst 1992 gegründete Unternehmen unter die fünf besten Banken des Landes, Wardanian selbst ist einer der Top-Manager in Russland. Heute setzt er sich selbst für die Ausbildung von Bankern ein, denn auch wenn die Gehälter in der Investment-Metropole Moskau höher sind als an der Wall Street - Fachkräfte fehlen noch immer.

Die Gehälter in der Investment-Metropole Moskau höher sind als an der Wall Street. Foto: dpaLupe

Die Gehälter in der Investment-Metropole Moskau höher sind als an der Wall Street. Foto: dpa

MOSKAU. Als Ruben Wardanian 23 Jahre alt ist, setzt er sich in sein kleines Büro in Moskau und legt ein großes Blatt Papier vor sich. Nach reiflicher Überlegung macht er eine Checkliste, wie er es an der Uni gelernt hat. Am Ende schreibt er: "Ich habe kein Produkt, keine Kunden, keine Erfahrung, und es gibt keine Regeln." Was tun? Der Boss der Dialog-Bank hat den Studienabgänger gerade beauftragt, eine Investmentbank aufzubauen und zu führen. "Wenn ich damals gewusst hätte, was es wirklich heißt, Investmentbanker zu sein, wäre ich vielleicht aufgestanden und weggelaufen", sagt er heute lachend.

Damals - das war 1992 - hat er die Checkliste beiseite und einfach losgelegt. Die Sowjetunion ist gerade zusammengekracht, und nur eine Hand voll Menschen in Russland kennen den Unterschied zwischen Aktien und Anleihen. Er und seine wenigen Mitarbeiter warten an den Metrostationen und bieten den Passanten Bargeld für Privatisierungsgutscheine an. Ein Knochenjob: Grundkurs Kapitalismus.

Heute ist Wardanian immer noch Chef der Bank - und einer ihrer Haupteigentümer. Troika Dialog gehört inzwischen zu den Top Fünf der Branche in Russland. Der kleine stämmige Mann aus Armenien mit dem schwarzen Vollbart und den blitzenden dunklen Augen kann sich immer noch mit einem fast ungläubigen Staunen über seinen Erfolg freuen. Er hat es geschafft. Und wie: Im großen Sitzungszimmer des Troika-Hauptquartiers am edlen Romanow-Weg im Moskauer Zentrum hängt die Wand voller Auszeichnungen aus den vergangenen zehn Jahren: "beste Bank des Jahres", "bester Manager Russlands". Das Geschäft brummt; die Eigenkapitalrendite liegt bei 70 Prozent, und Investmentbanker in Moskau verdienen inzwischen doppelt so viel wie ihre Kollegen in New York. Moskau ist dank der Ölhausse der vergangenen Jahre zum lukrativen Standort der großen Investmentbanken geworden. Troika hat 2006 die Mitarbeiterzahl von 400 auf 1000 mehr als verdoppelt.

Wardanian ist heute 38 Jahre alt; Zeit für Neues. So gründet er die erste internationale MBA-Schule in Russland. Er wird ihr Präsident sein. Eine ganze Reihe Oligarchen, also die postsowjetischen Reichen, gibt Geld. Und Staatspräsident Wladimir Putin hat der Schule den Rang eines "nationalen Projekts" verliehen - höher aufgehängt kann in seinem Reich kein Vorhaben sein. Warum die Schule? Ganz einfach: "Russland hat nicht genug gute Manager", sagt Wardanian.

Eine Reihe von Defiziten hat das Land inzwischen überwunden: Es gibt heute Geld und Investitionsmöglichkeiten. Die nötigen Technologien lassen sich auf dem Weltmarkt kaufen. Nur es fehle an gut ausgebildeten Spezialisten, die dann auch das Richtige daraus machen, meint Wardanian. "Es ist eine Illusion, wenn Leute sagen, dass Russlands Potenzial in seinen gut ausgebildeten Menschen liegt", erklärt er. Die meisten fürchteten sich zudem immer noch davor, für etwas Verantwortung zu übernehmen. "Es gibt unter den russischen Managern viele Clevere, die wissen, wie man Geld macht, nur wie man heute ein Business aufbaut und führt, haben sie nicht gelernt."

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Wer ist Dow Jones? Und warum fällt er?"

In seinem Geschäft sieht er das jeden Tag. "Die Leute, die in den 90er-Jahren erfolgreich waren, wussten, wie man sich Eigentum sichert. Sie waren aggressiv genug und hatten das Gespür für den Moment", sagt der Troika-Chef. Damals waren Fragen der Kostendisziplin, der Informationstechnik oder der Personalführung schlicht egal. Das hat sich geändert. Ohne professionelle Unternehmensführung kommt man heute auch in Russland nicht mehr weit - davon ist Wardanian überzeugt. Dabei gibt es so viel zu tun: Russland, das ist für ihn fast ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten - eine riesige Baustelle, die Größe des Landes ist wie eine Droge. Er kann gar nicht schnell genug aufzählen, wo es sich lohnen würde, Geld hineinzustecken: Einzelhandel, Finanzdienstleistungen, der marode Bildungs- und Gesundheitssektor. Und das, was in die falsche Richtung läuft? Korruption, immer mehr staatliche Kontrolle, das mangelhafte Rechtswesen? Es folgt ein tiefer Seufzer. Dann, fast schon ein wenig genervt, erzählt er eine Anekdote: Im Jahr 1995 klingelt bei ihm das Telefon, es ist einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten: "Wer ist Dow Jones? Und warum fällt er?", will er wissen. Das ist erst zwölf Jahre her.

Wardanian wirbt vor allem um eines im Westen: Geduld mit Russland. "Die Veränderungen begannen 1985, und mein Gefühl ist, sie werden mindestens biblische 40 Jahre andauern", schätzt er. Wichtig sei: "Die Leute, die 2025 an der Macht sein werden, haben nicht schon in der Sowjetunion funktioniert - eine neue Generation. Das beseitigt nicht alle unsere Probleme, aber das wird einen großen Unterschied machen", so die Hoffnung Wardanians, der selbst aus einer Familie der sowjetischen Intelligenz stammt. In Moskauer Branchenkreisen gilt er als einer, der das Investment-Banking in Russland auf professionelle Füße gestellt hat - sein Leumund in der Szene ist untadelig: Er ist der Vorsitzende des russischen Corporate-Governance-Komitees. "Er ist einer, der lebt, was er predigt", sagt ein ehemaliger Kollege. Dabei scheut er auch Konflikte nicht: Seine Analysten sind die ersten, die Ende der 90er-Jahre russische Konzerne auf ihre Unternehmensführung prüfen. Von den 50 untersuchten Firmen landen 44 auf der schwarzen Liste - weil sie sich nicht um die Rechte von Minderheitsaktionären kümmern. Er legt sich damals auch mit dem Star unter den russischen Managern an, dem Yukos-Chef Michail Chodorkowski.

Glück gehabt hat Wardanian natürlich auch, wie in der Finanzkrise 1998. Troika hatte sich kaum exponiert, kam mit einem blauen Auge davon, sicherte sich mit der Bank of Moscow einen politisch bestens verdrahteten sowie finanziell potenten Partner und konnte expandieren.

Die Herausforderungen der nächsten Jahre sind andere als die in den "wilden Neunzigern", sie sind dennoch nicht minder groß: Immer mehr ausländische Banken drängen nach Russland, setzen den Markt mit Preisdumping und astronomischen Gehältern unter Druck. Die staatliche VTB, die Kasse voller Dollar-Milliarden aus ihrem Börsengang, hat ein Auge auf Troika geworfen. Über die Summe von vier Milliarden Dollar wird in Finanzkreisen getuschelt. Bisher gibt es keine Einigung, aber die VTB habe Geduld, heißt es.

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Was wird dann aus Wardanian, der sich als "Vater" der Bank sieht, dessen Charisma seine Leute in allen Krisen bei der Stange gehalten hat? Vielleicht sucht er schon nach neuen Herausforderungen: Bildung oder Wohltätigkeitsmanagement. Auf jeden Fall will er im Land bleiben. Hatte er doch Anfang der Neunziger zwei Szenarien gesehen: "Entweder Russland geht den Bach runter. Das Land ist aber so groß, dass ich dies überall auf der Welt zu spüren bekomme. Oder es wird ein Erfolg, und wenn ich bleibe, bin ich dabei."


Bankenparadies Moskau

Aufschwung: Russland profitiert von dem seit fünf Jahren anhaltenden Ölboom. Eine Rekordzahl von Unternehmen wagt den Sprung an die Börse, und die Konjunktur läuft besser als in jeder anderen großen Wirtschaftsnation Europas (s. Grafik). Gleichzeitig konkurrieren Neuankömmlinge aus den USA, allen voran Goldman Sachs, Merrill Lynch und Lehman, mit den ortsansässigen Konkurrenten Renaissance Capital, Troika Dialog oder Alfa Bank.

Rollenverteilung: Als Marktführer gilt nach wie vor Deutsche UFG. Troika Dialog nimmt unter den Finanzhäusern eine Sonderrolle ein, da sich die Bank wie keine andere auf russische Unternehmen konzentriert.

Fusionen: Ein weiterer Grund für den Zug der Investmentbanken nach Moskau sind die rasant wachsenden Übernahmeaktivitäten (M&A) russischer Firmen. Im weltweiten Vergleich liegt Russland zwar noch etwas zurück, seit 2005 hat sich das Volumen aber fast verdoppelt. In diesem Jahr dürfte der Wert der Übernahmen bei 90 Milliarden Dollar liegen.

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