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10.12.2007 

Handelsblatt: Herr Mattern, Sie sind zur rechten Zeit Chef von McKinsey in Deutschland geworden. Ihr Rat als Bankenexperte müsste in der Branchenkrise doch sehr gefragt sein.

Mattern: Dafür hätte ich nicht Office Manager von McKinsey werden müssen. Das mache ich schon seit 17 Jahren.

Dann geben Sie uns doch mal eine Einschätzung, ob das Schlimmste überstanden ist.

Wenn Sie die Turbulenzen auf den Finanzmärkten meinen: schwer zu sagen. Das wahre Ausmaß wird sich vielleicht erst mit Vorlage der Bilanzen für 2007 offenbaren. Quartalsergebnisse können da nur Hinweise geben.

Und da vermuten Sie noch Leichen im Keller?

Wir werden die eine oder andere Überraschung erleben, da bin ich sicher.

Weil die Wirtschaftsprüfer im Rahmen des Impairment Tests eine abschließende Bewertung der Wertpapieranlagen machen müssen?

Ja, die wirklich entscheidende Frage lautet doch, wie verlässlich sind unsere Bewertungsmodelle für solche strukturierten Wertpapiere? Die große Nachricht hinter den täglichen Schlagzeilen ist doch, dass auf einmal Papiere mit erstklassigen Ratings nicht mehr zu jedem Zeitpunkt einen Preis haben oder nirgendwo mehr einen Investor finden. Es gibt nicht mehr die gute alte Welt, in der zu Anschaffungskosten bilanziert wird. Jetzt gelten Marktpreise. Wo aber nehmen wir die her, wenn Wertpapiere selten oder gar nicht gehandelt werden?

Werden in den Wertpapieranlagen der Banken also Scheinwelten bilanziert, weil die Finanzmodelle bislang versagen?

Die Weiterentwicklung unserer Bewertungsmethoden ist eine wesentliche Frage, die sich meiner Ansicht nach stellt.

Wann haben wir Klarheit?

Wie gesagt, ich hoffe im ersten Quartal nächsten Jahres. Das Ungewöhnliche an dieser Krise ist, dass sie schon sehr lange dauert. Normalerweise sind Finanzmarktkrisen, die mit gewisser Regelmäßigkeit auftreten, nach wenigen Wochen vorbei.

Hat die Subprime-Krise auch strukturelle Probleme der Finanzbranche offen gelegt?

Was wir gesehen haben, ist ein Erdbeben im Weltfinanzsystem mit massiven Veränderungen: Ein relativ eingrenzbares und absehbares Problem mit US-Subprime-Krediten löst größere Probleme in anderen, scheinbar nicht betroffenen Finanzmärkten aus. Das System der Risikostreuung durch Verbriefung und Ausplatzierung von Risiken hat keine Absicherung bewirkt, sondern genau das Gegenteil.

Und welche Folgen wird das konkret für die Banken haben?

Zunächst einmal: Das Geschäftsmodell der Ausplatzierung von Krediten wird nicht mehr so wachsen wie erwartet.

Ist es tot?

Nein. Das Geschäftsmodell wird sich weiter entwickeln. Eine wenig transparente Verpackung von Krediten in Verbriefungen wird der Markt nicht mehr akzeptieren. Verbriefungen haben zwar eindeutige Vorteile. Sie streuen Risiken....

.... handeln sich aber massive Liquiditätsprobleme ein, wie die Kreditklemme zeigt.

Darin liegt ja die eigentliche Überraschung. Es stellt sich plötzlich heraus, dass ein Geschäftsmodell, an das Banken, Investoren und Ratingagenturen fest geglaubt haben, so nicht tragfähig ist. Selbst Papiere mit allerbester Bonität sind nicht mehr ohne erhebliche Preisabschläge handelbar. Das hätte sich bis vor kurzem niemand vorstellen können. Vertrauen ist bekanntlich ein scheues Reh. Es kann lange dauern, bis es wieder da ist.

Banken sind keine anonymen Wesen. Manager bewerten Risiken. Haben die versagt?

Die Geschichte der Finanzmärkte hat immer wieder Exzesse gesehen. Das steckt in ihrer Natur. Es wird immer wieder Menschen geben, die Risiken eingehen, die sie nicht abschätzen können. Genau das haben wir diesen Sommer erlebt.

Man hat aber schon das Gefühl, das Rad wird immer größer, die Geschäfte damit riskanter.

In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren sind die Verschuldungshebel an den Finanzmärkten sehr viel größer geworden. So lassen sich zwar eindrucksvolle Wertsteigerungen erzielen. Aber wer sich in der Betriebswirtschaft auskennt, der weiß, das geht auch mal nach hinten los.

Interessanterweise sind in Deutschland vor allem öffentlich-rechtliche Banken von der Kreditkrise betroffen.

Das liegt auch daran, dass zum Beispiel die meisten Landesbanken durch ihre Fokussierung auf das Wholesale-Geschäft nur geringe Erträge erwirtschaften. Diese Sonderstruktur macht sie anfälliger, wenn risikoreiche Geldgeschäfte in großem Stil auf dem internationalen Kapitalmarkt nicht die gewünschten Erwartungen erfüllen.

Halten Sie es für eine gute Idee, dass die am stärksten getroffenen Banken SachsenLB und IKB mit staatlicher Hilfe vor der Pleite bewahrt werden?

Wenn Banken in Schwierigkeiten geraten, braucht man Rettungsmechanismen, um einen noch weiter gehenden Vertrauensverlust zu verhindern. Man kann die Banken nicht einfach untergehen lassen, das verträgt das System nicht.

Beschleunigt die Krise die Bankenkonsolidierung in Europa?

Wahrscheinlich, ja. Die Folge der Krise sind weltweit deutlich gesunkene Aktienkurse der Banken. Deshalb werden jetzt überall mögliche Übernahmeszenarien durchgerechnet. Ich erwarte in den nächsten anderthalb Jahren mehr Transaktionen. Vorausgesetzt natürlich, dass mit Vorlage der Bilanzen die wesentlichen Risiken bewertet und Unklarheiten beseitigt sind. Die interessanten Kaufobjekte liegen in den wachstumsstarken Märkten wie z.B. Osteuropa.

Und speziell in Deutschland?

Der Konsolidierungsbedarf ergibt sich aus den im internationalen Vergleich niedrigen Inlandsmarktanteilen. Die Finanzkrise wird aus heutiger Sicht keine großen Auswirkungen auf die Struktur der privaten Banken in Deutschland haben.

Konsolidierungsbedarf ist aber weiter vorhanden?

Unsere Bankenlandschaft ist zu kleinteilig - keine Frage. Die Konsolidierung in Deutschland wird jedoch nicht durch die Subprimekrise allein ausgelöst. Wir analysieren gerade die Entwicklung der deutschen Bankenlandschaft im Rahmen unseres Projekts "Deutschland 2020". Es ist eine, wenn Sie so wollen, Vision unseres Wirtschaftsstandorts. Wir brauchen einen gesunden und wachsenden Bankensektor. Unser viel geschmähtes Drei-Säulen-Modell ist dabei nicht das Kernproblem der deutschen Finanzindustrie. Jeder Sektor ist groß genug, um aus sich heraus einen Champion hervorzubringen.

Außer der Deutschen Bank gibt es derzeit keine auch international gewichtigen Spieler in Deutschland.

Tatsache ist, dass der Finanzsektor in Ländern wie Großbritannien oder den USA in den letzten Jahren ein bedeutender Treiber des Wirtschaftswachstums war. Nicht so in Deutschland. Das ist das Problem.

Dafür dürfte es jetzt auch zu spät sein.

Warum? Ich würde nicht in Defätismus verfallen. Vor kurzem ist mir zuhause ein altes Buch wieder in die Hände gefallen. "Made in America" beschrieb Ende der achtziger Jahre den unaufhaltsamen Niedergang der amerikanischen Industrie. Genau das Gegenteil ist passiert. Ich gebe aber zu, dass wir im Moment noch nicht die Voraussetzungen für einen blühenden Finanzsektor haben.

Bei den Landesbanken zeichnen sich erste Tendenzen einer Neuordnung ab.

Noch gibt es bei den Landesbanken kein Institut von europäischer Größenordnung. Es ist zu hoffen, dass jetzt Bewegung in die Sache kommt. Wir sollten das Potenzial der Landesbanken nicht unterschätzen. Wenn man das Eigenkapital der drei größten Institute zusammennimmt, kommt man schon an die Deutsche Bank heran.

Und bei den Privaten?

Dort ist neben der Entwicklung im Inland die künftige internationale Ausrichtung von großer Bedeutung. Der deutsche Markt wird zwar wachsen, schneller wachsen werden aber die Bankenmärkte in Osteuropa und Asien. So haben z.B. die österreichischen Banken eine enorme Wertsteigerung erlebt, weil sie Osteuropa rechtzeitig als Markt erschlossen haben.

Sollte der Staat ein wenig nachhelfen bei der Neuordnung der Bankenlandschaft?

Wir brauchen in Deutschland einen Finanzsektor, der international auf Augenhöhe agieren kann. Das Potenzial für mehrere internationale Banking Champions, die europaweit konkurrieren können, ist vorhanden. Es wäre ein Fehler, den Markt nur ausländischen Banken zu überlassen. Die Chefs der deutschen Großunternehmen haben schon einmal, Anfang des Jahrtausends, klargestellt, dass sie nicht ausschließlich von Finanzierungsentscheidungen in London abhängig sein wollen. Das gilt bis heute. Es wäre aber eher kontraproduktiv, wenn der Staat eine gestaltende Rolle im Bankensektor übernähme.

Klare Absage an jedwede staatliche Industriepolitik?

Der Staat setzt Rahmenbedingungen. Er muss keine Steuergelder im Bankenmarkt investieren. Dafür gibt es genügend privates Kapital.

Was halten Sie von der aktuellen Debatte um den Schutz vor Staatsfonds, Goldene Aktien und Investitionskontrollen?

Der Staat sollte nicht in aller Breite versuchen, Eigentumsstrukturen der Wirtschaft zu gestalten. Der Staat hat zwar ein nachvollziehbares Interesse an der Verteidigungsindustrie, an der Infrastruktur, bei Rohstoffen oder technologischen Schlüsselindustrien. Selbst liberale Länder wie Großbritannien oder die USA haben Auflagen für strategische Industrien. Die Finanzindustrie zählt aus meiner Sicht nicht dazu.

Das Gespräch führten Rolf Benders und Dieter Fockenbrock.

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