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26.11.2007 
Rettungsaktion

„Feuer unter dem Dach“

von Nicola Bastian, Hans G. Nagl und Donata Riedel

Die angespannte Eigenkapitalsituation der Mittelstandsbank IKB verschärft sich Finanzkreisen zufolge mehr und mehr. Doch die Bereitschaft der Branche, der angeschlagenen Bank – nach der Finanzspritze im Juli – nochmals unter die Arme zu greifen, tendiert gegen Null. Nun sind die Anteilseigner gefordert.

IKB-Logo am Hauptsitz der Mittelstandsbank in Düsseldorf. Foto: apLupe

IKB-Logo am Hauptsitz der Mittelstandsbank in Düsseldorf. Foto: ap

FRANKFURT/BERLIN. „Da ist Feuer unter dem Dach“, sagte ein Insider am Wochenende. Mehreren mit der Situation vertrauten Personen zufolge hat sich die IKB selbst in einem Schreiben an die Finanzaufsicht BaFin gewandt und vor möglicherweise bevorstehenden Schwierigkeiten gewarnt. Die Bereitschaft der Kreditwirtschaft, in einer weiteren Rettungsaktion Kapital zur Verfügung zu stellen, tendiere aber gegen null. Deshalb werde nun darum gerungen, wer der IKB erneut finanziell unter die Arme greife. Für diese Woche sind weitere Krisentreffen unter Beteiligung von Vertretern des Finanzministeriums, der Aufsicht und des IKB-Großaktionärs KfW angesetzt.

Bereits vor wenigen Tagen war in Finanzkreisen die Rede von einem möglichen zusätzlichen Kapitalbedarf über 300 bis 400 Mill. Euro. Wie brenzlig die Situation ist, zeigt sich auch daran, dass hochrangige Vertreter von IKB, KfW sowie den Verbänden der Kreditwirtschaft am Donnerstag mit Jochen Sanio, dem Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), zusammentrafen.

Die Beteiligten lehnten hierzu eine Stellungnahme ab. Ein Sprecher der staatlichen KfW sagte lediglich, derzeit werde die Situation bei der IKB geprüft.

Das Engagement über außerbilanzielle Zweckgesellschaften im US-Hypothekenmarkt hatte Ende Juli die IKB in eine Schieflage gebracht. Die KfW, die rund 38 Prozent an der Bank hält, sowie die gesamte Branche sprangen daraufhin ein. Neben einem Risikoschirm über 3,5 Mrd. Euro wurde damals eine Liquiditätslinie von acht Mrd. Euro bereitgestellt. Eine Mrd. Euro des Risikoschirms entfiel dabei auf Sparkassen, Genossenschaftsbanken und private Geldhäuser. Nochmals will die Branche jedoch kein Geld nachschießen. „Das ist jetzt eine Sache der Anteilseigner“, hieß es im Umfeld der Banken. Klaus-Peter Müller, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, sagte am Rande einer Veranstaltung am Freitag, er hoffe, die Branche sei weiter zur Unterstützung der IKB bereit.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schockwellen befürchtet.

Bei der ersten Rettungsaktion im Juli wollten die Beteiligten einen Flächenbrand in Form einer branchenweiten Vertrauenskrise verhindern. Würde die IKB nun erneut vor dem Zusammenbruch stehen, dürfte dies Schockwellen weit über den heimischen Finanzmarkt hinaus auslösen. Um dies zu vermeiden, müsste im Notfall wohl die KfW als Großaktionär mit einer Kapitalspritze helfen.

Die Deutsche Bank geht mittlerweile davon aus, dass die Kernkapitalquote (Tier 1) der IKB ohne ein Eingreifen Ende des laufenden Geschäftsjahres im Juli unter die kritische Marke von fünf Prozent sinken wird. „Die IKB erfüllt derzeit alle aufsichtsrechtlichen Voraussetzungen“, sagte jedoch ein Sprecher der Bank hierzu. Die Frage, ob dies auch auf absehbare Zeit sichergestellt sei, ließ er offen. „Da ist gehörig Druck auf der Tür“, kommentierte ein Experte.

Unicredit-Analyst Andreas Weese geht davon aus, dass für eine Verbesserung der Kernkapitalquote um 1,5 Prozentpunkte eine Kapitalerhöhung von rund 500 Mill. Euro nötig wäre. Gemessen am Kurs, müsste die IKB hierfür rund 55 Mill. Anteilsscheine ausgeben – was fast zwei Drittel der aktuellen Aktienanzahl entspricht.

Derzeit prüft die US-Investmentbank Merrill Lynch mögliche Optionen für den 38-prozentigen Anteil der staatlichen Förderbank KFW an der IKB. Ein Verkauf gilt als sicher. Allerdings dürfte es kaum möglich sein, ohne kräftigen Preisabschlag einen Investor für die unterkapitalisierte Bank zu finden. Eine Kapitalerhöhung im Vorfeld könnte die Alternative sein.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die KfW sorgt in diesem Jahr für Aufsehen

Selten erlebt und erregt eine staatliche Förderbank so viel finanzpolitisches Aufsehen wie die KfW-Bankengruppe in diesem Jahr. Und das nicht, weil das Volumen ihrer Förderung mittels Krediten und Verbriefungen auf neue Rekordstände klettert. Der Hauptgrund sind die Milliarden Euro, die die Förderbank in eine Aktivität pumpen muss, die gar nicht zu ihren primären Förderaufgaben gehört: Die Rettung der Mittelstandsbank IKB, an der die KfW mit knapp 38 Prozent als größte Aktionär beteiligt ist.

KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier bezeichnet die börsennotierte IKB selbst als "nicht Fleisch unseres Fleisches" - sprich, einen Fremdkörper für die KfW. Wie so häufig drängte damals die Politik die KfW, die Anteile an der IKB zu übernehmen, als Allianz und Münchner Rück sie verkaufen wollten. Man hatte Angst vor einer Zerschlagung. Wie viel genau die KfW für die Rettung der IKB zahlen muss, steht noch nicht fest. Auf 3,5 Mrd. Euro wurden die Verluste insgesamt aus dem Rettungspaket geschätzt - davon trägt die KfW mit 2,5 Mrd. Euro den Mammutanteil. Aber die Summe könnte auch geringer oder höher ausfallen, denn niemand weiß derzeit, zu welchem Preis sich die Anlagen der milliardenschweren Zweckgesellschaft Rhineland Funding, für die nun die KfW anstelle der IKB geradesteht, verkaufen lassen, wenn sich der Markt wieder beruhigt. Und niemand weiß, zu welchem Preis die KfW ihre knapp 38 Prozent an der IKB nach dieser Krise verkaufen kann - und ob ein eventuelles Verlustgeschäft daraus die Summe der Verluste durch die IKB erhöht.

Die seit Oktober 2006 amtierende KfW-Chefin Matthäus-Maier versichert, die Rettung, die aus einem speziellen KfW-Fonds für Bankenrisiken bezahlt wird, werde die Förderpolitik der Staatsbank nicht beeinflussen. In den ersten neun Monaten zumindest verzeichnete die KfW einen neuen Förderrekord. Mehr als 60 Mrd. Euro wurden an Krediten vergeben oder verbrieft - rund 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch im dritten Quartal - also nach der IKB-Rettung - sei die Förderung gestiegen, betont eine Sprecherin. Allerdings weniger stark als in den Vorquartalen, was mit einer leicht abwartenderen Haltung der mittelständischen Unternehmen bei ihren Investitionen zu tun haben könnte.

Die Förderung mittelständischer und kleiner sowie junger Unternehmen ist ebenso wie die Förderung von Wohnraum und Energiesanierungen der Fokus des Förderriesen KfW, die zu 80 Prozent dem Bund und zu 20 Prozent den Ländern gehört. Sie ist die siebtgrößte Bank Deutschlands der Bilanzsumme nach. Beim Eigenkapital von 15,2 Mrd. Euro ist sogar nur die Deutsche Bank größer. Die KfW soll fördern, wenn Marktversagen auftritt, umschreibt Matthäus-Maier den Grundsatz des eigenen KfW-Gesetzes. Zum Beispiel, wenn die Geschäftspläne kleiner Unternehmen nicht unterstützt werden, weil sich die Kleinstkredite für die Banken nicht rechnen. Oder, wenn die Umweltbelastungen beim Bau als Kosten ausgeblendet werden, oder wenn kein Geld in Entwicklungshilfeprojekte fließt.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Deutliches Wachstum

Bisher war die KfW zugleich auch an der Front der Finanzmarktinnovationen aktiv - etwa bei der Verbriefung von Mittelstandsrisiken ebenso wie bei der Vergabe von Studienkrediten. Ob dieser Charakter der Förderbank unter der Ex-Politikerin Matthäus-Maier an Stärke verlieren wird, muss sich noch zeigen.

2007 ist die KfW deutlich gewachsen: Für politische Diskussionen hatte im Frühjahr die Übertragung der Mittel aus dem ehemaligen Marshallplan gesorgt. 7,7 Mrd. Euro Kapital flossen der KfW aus dem so genannten ERP-Sondervermögen zu. Das hat den Förderriesen noch größer gemacht.

Einige Politiker hatten die Befürchtung, dass ein Teil der Mittel mit der Übertragung nicht mehr der Mittelstandsförderung zugute kommen könnte. Die KfW bezeichnet solche Befürchtungen als abwegig - ebenso wie Kommentare aus den USA, mit den ERP-Milliarden könnte die KfW den Boeing-Konkurrenten Airbus unterstützen. So unwahrscheinlich dies ist, so zeigt diese Befürchtung ebenso wie das IKB-Debakel das Dilemma der Staatsbank KfW, wenn sie auf förderferne Gebiete rückt. Dazu mag die Beteiligung am EADS-Konsortium gehören. Sogar für eine mögliche goldene Aktie des Bundes an EADS bringen die Politiker in Berlin die KfW immer wieder ins Spiel.

Die privaten Banken argwöhnen, die KfW mache ihnen Konkurrenz. Beim Exportund Projektfinanzierungsgeschäft der KfW hat ihnen die EU-Kommission Recht gegeben. Der Bereich wird deshalb Anfang kommenden Jahres als KfW Ipex Bank ausgegliedert, die KfW darf die Ipex-Gewinne aber für ihr übriges Geschäft nutzen.

Noch steht auch die Entscheidung aus, ob die KfW-Entwicklungsbank und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) stärker miteinander verknüpft, vielleicht sogar zusammengelegt, werden sollen. Nachdem eine Unternehmensberatung und der Bundesrechnungshof Gutachten erstellt haben, muss nun das Entwicklungshilfeministerium die Richtung vorgeben. Doch auch nachdem dieses mit dem Auslaufen des G8-Vorsitzes Deutschlands wieder mehr Kapazitäten hat, bleibt es still um die Frage. So bleibt auch 2008 spannend für die KfW.

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