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15.01.2008 
Wirtschaftswachstum schwächt sich ab

Finanzkrise erreicht Osteuropa

von Hans G. Nagl und Oliver Stock

Die globale Finanzkrise erreicht den Osten Europas. Sinkende Nachfrage aus Westeuropa und den USA ist nur einer der Gründe dafür, dass die Chefs großer Banken in Mittel- und Osteuropa einen kräftigen Rückgang des Wirtschaftswachstums erwarten. „Die heiße Luft entweicht“, so ein Experte.

Die Subprime-Krise greift weiter um sich. Foto: ap Lupe

Die Subprime-Krise greift weiter um sich. Foto: ap

FRANKFURT/WIEN. Die globale Finanzkrise erreicht den Osten Europas: Nach einer Umfrage des Handelsblatts gehen Chefs großer Banken in Mittel- und Osteuropa von einem Rückgang des Wirtschaftswachstums dort in Höhe von zwei Prozentpunkten auf durchschnittlich 5,5 Prozent aus. Steigende Refinanzierungskosten, eine Verringerung der Aktienquote bei US-Investoren und eben die geringeren Wachstumsaussichten aufgrund sinkender Nachfrage aus Westeuropa und den USA führen zu einer Verschlechterung auf den dortigen Märkten.

Die Entwicklung wird sich nach Einschätzung von Ökonomen auch in den Bilanzen der in Osteuropa engagierten Banken niederschlagen. „Die in Osteuropa aktiven Großbanken haben ihre Strategie auf hohes Wachstum ausgerichtet. Wenn der Markt nun auch nur anfängt, ein Stück weit zu schwächeln, kann das zu Bremsspuren in der Ertragsrechnung führen“, warnt Dirk Schiereck, Professor an der European Business School (EBS).

Die betroffenen Banken geben sich zwar optimistischer und halten an ihren meist konservativen Prognosen fest, sie räumen aber ein, dass die Wachstumsaussichten für die Region gedämpfter ausfallen. „Das kräftige Wachstum wird sich abschwächen“, sagt Herbert Stepic, Chef der österreichischen Raiffeisen International, die gemeinsam mit der Unicredit-Tochter Bank Austria Creditanstalt und der österreichischen Ersten Bank zu den Marktführern in Osteuropa gehört. Im Gespräch mit dem Handelsblatt kann Stepic dem allerdings auch positive Seiten abgewinnen: „Die heiße Luft entweicht.“ Die Kreditvergabe in den zuvor überhitzten Märkten werde nun auf ein gesunderes Maß sinken.


Tabelle  Infografik: BIP-Wachstum der Wirtschaftszonen im Vergleich


Vorsichtiger als noch vor einigen Wochen äußert sich auch Bank-Austria-Creditanstalt-Chef Erich Hampel. Er betonte zwar am Montag, dass „die Wachstumsaussichten trotz der amerikanischen Subprime-Krise positiv“ bleiben, fügt aber hinzu: „Die Auswirkungen sind spürbar“, und weist insbesondere auf die „Risikokosten“ und eine mögliche „Kreditknappheit“ hin.

Damit spricht er an, was die Analysten seiner italienischen Mutterbank Unicredit so beschreiben: In Osteuropa vergeben die Banken Kredite, deren Höhe die der Einlagen bei weitem übersteigen. Sie müssen sich deswegen in hohem Umfang refinanzieren, was zum Teil über Kredite zwischen den Banken geschieht. In Polen beispielsweise, so heißt es in einer Unicredit-Studie, werden sich diese Kredite wegen der Vertrauenskrise bei den Banken in diesem Jahr voraussichtlich um 80 Basispunkte auf durchschnittlich 5,5 Prozent verteuern.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kurssteigerungen wie bisher sind nicht mehr zu erwarten

Nüchtern sehen auch die Verantwortlichen in den betroffenen Ländern selbst die Situation. So sagte Wassili Titow, Vizechef der VTB Bank, des zweitgrößten Geldhauses in Russland, dem Handelsblatt: „Es ist möglich, dass wir gewisse Auswirkungen sehen. Das Wachstum in Russland und anderen osteuropäischen Ländern wird sich wahrscheinlich abschwächen.“

Gleiches gilt auch für die Aktienmärkte, wo Kurssteigerungen wie bisher für das Jahr 2008 nicht mehr zu erwarten sind. „Das etwas langsamere globale Wachstum wird 2008 wohl eine schwächere Aktienperformance nach sich ziehen“, glaubt Henning Esskuchen, Co-Chef der Equity-Research-Einheit bei der Ersten Bank. Optimismus schöpft Esskuchen daraus, dass die in Osteuropa engagierten Unternehmen in den vergangenen Jahren in der Region gut verdient und genügend Geld für Investitionen haben – trotz der „Dämpfung des Wachstums“. Eine überraschende Entwicklung sieht die Erste Bank in der aktuellen Situation nicht. Rückschläge habe es immer wieder gegeben, „allerdings immer nur auf ein Land bezogen“, wie ein Sprecher einräumt.

Während österreichische Finanzdienstleister zu den Marktführern in Osteuropa gehören, haben deutsche Kreditinstitute nach Stepics Einschätzung den Trend verschlafen und auch „keine Chance“ mehr, den Rückstand aufzuholen.

Aus Sicht der Deutschen Bank ist dies unter den gegenwärtigen Vorzeichen allerdings auch nicht besonders erstrebenswert. „Nach einer Phase starken Wachstums in Südosteuropa glauben wir, es ist Zeit, vorsichtiger zu werden“, schreibt Deutsche-Bank-Analystin Gaelle Cibelly in einer aktuellen Studie. Grund sei die aktuelle Schwäche der Weltwirtschaft in Kombination mit den Turbulenzen an den Märkten.

Dies in Verbindung mit geringeren Wachstumsaussichten könne zu einer harten Landung in Osteuropa führen. „Unserer Einschätzung nach ist Rumänien auf kürzere Sicht das Land mit dem höchsten Risiko, gefolgt von Bulgarien.“ Die Frankfurter haben deswegen die Kursziele für die in Osteuropa engagierten österreichischen Banken zum Teil deutlich gesenkt.


Gebremstes Wachstum

Teure Kredite
In vielen Ländern Osteuropas wird die hohe Kreditvergabe mehr und mehr zum Problem. Sie ist in einigen Ländern etwa doppelt so stark gestiegen wie die Einlagen. Das führt zu einem starken Refinanzierungsbedarf der Banken – was zu den aktuellen Konditionen teuer ist.


Tabelle  Tabelle: Kreditvergabe in ausgewählten Ländern Osteuropas


Frostiges Klima
Entsprechend zurückhaltend bezeichnen Bankökonomen die Wachstumsaussichten für Osteuropa: „frostig, heiter“. Darin spiegelt sich ihre gemischte Gefühlslage: Das Wachstum war schon besser, ist aber im Vergleich zu Westeuropa immer noch sehr gut.

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