Mit höchster Nervosität starten die Finanzmärkte in die neue Woche. Nach den starken Kursverlusten in Europa und den USA zum Wochenausklang erwarten Experten weiter stark schwankende Notierungen. Die US-Arbeitsmarktdaten, die schwächer als erwartet ausgefallen waren, schüren die Angst, dass die Krise der Finanzmärkte auf die Realwirtschaft überspringt. Britische Banker sehen die Finanzbranche in der schlimmsten Krise seit 20 Jahren und warnen vor einer weiteren Verschlechterung der Lage in den kommenden Tagen.
Skeptischer Blick eines Börsianers in Frankfurt - symbolisch für die Gefühle, mit denen die meisten Händler in die Börsenwoche gehen. Foto: dpa
kol/mm DÜSSELDORF/LONDON. Am Dienstag trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, um über das Ausmaß der Kreditkrise und die Risiken für die internationalen Finanzmärkte zu sprechen. Thema des Treffens soll sein, wie solche Krisen künftig vermieden werden können. Merkel sieht dabei insbesondere die Rolle der Ratingagenturen kritisch. Das häufig zu positive Rating für mit Hypotheken besicherte Anleihen wird als ein Grund für die aktuelle Krise gesehen.
Nach Angaben aus Bankenkreisen werden in den kommenden zehn Tagen rund 20 Prozent aller kurzfristigen von europäischen Instituten begebenen Kredite fällig. Das Volumen dieser sogenannten Commercial Papers summiert sich auf 140 Mrd. Dollar. Banker befürchten, dass ein Großteil der Papiere nicht verlängert wird und dass die Geldhäuser erhebliche Teile dieser Darlehen auf die eigenen Bücher nehmen müssen. Dies könnte die Verwerfungen am Geldmarkt noch verschärfen.
Bild für Bild: Die großen Finanzmarktkrisen seit 1987
Weiter Öl ins Feuer goss am Wochenende der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan. Er sagte in einem Interview, die derzeitige Kreditmarktlage erinnere ihn an die Krisen 1987 und 1998. Im Jahr 1987 hatte der Dow Jones am sogenannten "Schwarzen Montag" fast ein Viertel seines Wertes verloren. Bernanke und zahlreiche andere amtierende Notenbanker dagegen versuchten erneut, die Märkte zu beruhigen.
Die Summe der in den kommenden zehn Tagen zur Verlängerung anstehenden Commercial Papers übersteigt deutlich die Mitte August fällig gewordenen 100 Mrd. Dollar, die bereits zu massiven Verwerfungen am Geldmarkt geführt hatten. In den vergangenen Tagen war der Satz, zu dem sich Banken am Finanzplatz London gegenseitig Geld für drei Monate leihen (London Interbank Offered Rate, Libor), für das britische Pfund mit 6,8 Prozent auf den höchsten Stand seit 1998 gestiegen. Damit lag der Dreimonats-Libor mehr als einen vollen Prozentpunkt über dem aktuellen Leitzins der Bank of England. Die Zentralbank versprach in der vergangenen Woche erstmals Liquiditätshilfen für den krisengeschüttelten Finanzsektor. Die Zusage, zusätzlich 4,4 Mrd. Pfund in den Markt zu pumpen, sorgte allerdings nur bei den Tagesgeldzinsen für Beruhigung, die Sätze für mittelfristige Darlehen verharrten auf ihrem Rekord-Niveau.
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Der Ursprung der aktuellen Probleme liegt in der sogenannten Subprime-Krise, dem Kollaps des Markts für zweitklassige Hypothekenkredite in den USA. In den vergangenen Jahren hatten zahlreiche Banken für ihre Kunden Spezial-Fonds aufgelegt. Diese Fonds investierten in Anleihen, die mit Einnahmen aus US-Hypothekendarlehen besichert waren. Diese Investitionen refinanzierten die Fonds zum großen Teil über Commercial Papers.
Seit die Subprime-Krise immer weitere Kreise zieht und immer mehr Märkte ansteckt, sind Großinvestoren wie Versicherer und Pensionsfonds allerdings nicht mehr bereit, den Banken die Commercial Papers für die Refinanzierung der Fonds abzukaufen. In der Folge könnten zahlreiche Institute gezwungen sein, die Darlehen in die eigenen Bücher zu nehmen, um Liquiditätsgarantien für die Spezialfonds zu erfüllen. Experten sehen in dieser Gefahr den Hauptgrund für die Krise am Geldmarkt.
Bild für Bild: Wie es zur Subprime-Krise kam
"Wir stehen vor einer kritischen Phase, so prekär war die Lage seit der LTCM-Krise nicht mehr", sagte am Wochenende der Vertreter einer britischen Großbank. Der Beinahe-Kollaps des Hedge-Fonds LTCM hatte 1998 kurzfristig die Stabilität des Weltfinanzsystems bedroht.
Am Freitag hatten deutlich schlechter als erwartete Daten zum US-Arbeitsmarkt weltweit die Angst vor einer weiteren Verschärfung der Finanzkrise geschürt. Statt des prognostizierten Zuwachses von 110 000 neuen Stellen gingen in der US-Wirtschaft 4 000 Arbeitsplätze verloren. Die Furcht, dass die Krise an den Finanzmärkten jetzt auf die Realwirtschaft übergreift, ließ die Aktienkurse an den internationalen Börsen einbrechen. An der Wall Street verlor der Dow-Jones-Index 1,9 Prozent, während der europäische Eurostoxx-50-Index um 2,2 Prozent absackte, der deutsche Dax verlor sogar 2,4 Prozent. Immer mehr Volkswirte sagen jetzt eine Zinssenkung der US-Notenbank voraus.

