Frankreich sucht weißen Ritter: Société Générale im Zentrum von Übernahmegerüchten

Frankreich sucht weißen Ritter
Société Générale im Zentrum von Übernahmegerüchten

Nach den drastischen Kursverlusten bei der französischen Großbank Société Générale überschlagen sich an den Märkten die Übernahmegerüchte. Die Spekulationen machten aus der bis dahin verschmähte SocGen-Aktie am Dienstag wieder ein begehrtes Papier. Der Chef der Bank gerät unterdessen immer stärker unter Druck.

PARIS/FRANKFURT. Der Kurs stieg bis zum Börsenschluss um mehr alszehn Prozent auf 78,45 Euro. Als mögliche Käufer des schwer angeschlagenen Geldinstituts werden die britische HSBC sowie die französische BNP Paribas genannt.

Ungeachtet dieses jüngsten Anstiegs hat sich der Börsenwert der SocGen seit dem vergangenen Jahr halbiert und liegt jetzt noch bei rund 36 Mrd. Euro. Dass die Bank damit zu einem interessanten Übernahmekandidaten wird, ist der französischen Regierung nur zu bewusst. Deshalb strebte der traditionsreiche ökonomische Patriotismus in Frankreich gestern einem neuen Höhepunkt entgegen. Nicht nur Premierminister Francois Fillon, sondern auch zahlreiche andere Politiker aus dem Regierungslager stellten klar, dass die Société Générale französisch bleiben müsse. "Wir müssen die Société Générale zwar nicht wieder verstaatlichen. Doch der Staat darf auch nicht untätig bleiben, wenn die Substanz unserer Wirtschaft in Gefahr gerät", sagte Patrick Devedjian, Generalsekretär der Regierungspartei UMP. Zuvor hatte Henri Guaino, Berater des Staatspräsidenten mit großem Einfluss, bereits klargestellt, dass "der Staat nicht mit verschränkten Armen zusehen wird, wenn irgendein Räuber von dieser Situation profitieren will".

Damit ist die industriepolitische Linie vorgegeben: "Der Staat sucht einen weißen Ritter, um die feindliche Übernahme der Société Générale zu verhindern", beobachtet Jean-Marc Daniel, Wirtschaftsprofessor an der Pariser Hochschule ESCP -EAP. Es werden wahrscheinlich mehrere weiße Ritter sein: Die staatliche Caisse de dépots et consignations (CDC), das französische Pendant zur deutschen KfW, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit an der bevorstehenden Kapitalerhöhung bei der Société Générale beteiligen. Allerdings fehlen der CDC die finanziellen Mittel, um eine Mehrheit der Société Générale zu erwerben. Deshalb kommt zusätzlich die private Großbank BNP Paribas ins Spiel. "Es ist möglich, dass die BNP eine Sperrminorität am Aktienkapital der Société Générale übernimmt", glaubt Ökonom Daniel. Unter dieser Voraussetzung seien dann auch ausländische Investoren bei der SocGen willkommen, denn die französische Kontrolle der Bank sei ja gesichert.

Eine Fusion der beiden französischen Großbanken BNP Paribas und Société Générale können sich Pariser Analysten dagegen kaum vorstellen. "Das würde zwangsläufig zu einem massiven Personalabbau führen, und der ist politisch nicht erwünscht", heißt es in Paris. Außerdem seien wettbewerbsrechtliche Probleme zu befürchten. BNP Paribas und Société Générale seien die einzigen nicht genossenschaftlich organisierten Pariser Großbanken. Gegen ihren Zusammenschluss werde die Brüsseler EU-Wettbewerbsbehörde womöglich Einspruch erheben, hieß es in Paris.

Der Vorstandschef der Société Générale, Daniel Bouton, gerät unterdessen immer mehr unter Druck. Staatspräsident Nicolas Sarkozy forderte den Manager auf, die Verantwortung für den Betrug zu übernehmen, der die Socgen 4,9 Mrd. Euro kostete. In Paris wird damit gerechnet, dass der Verwaltungsrat der SocGen den Vorstandschef binnen weniger Tage entlassen wird. Der für den Betrug verantwortliche Händler Jérôme Kerviel sagte dem Staatsanwalt, seine Vorgesetzten hätten über die enormen, von ihm eingegangenen Risiken Bescheid gewusst.

Spurensuche

Ursachenforschung: Die Suche nach den Umständen für den größten Betrug in Frankreichs Bankengeschichte ist im vollen Gange. Am Montag will Finanzministerin Christine Lagarde Staatspräsident Nicolas Sarkozy dazu einen ersten Bericht vorlegen. Er werde Auskunft geben über den "exakten Ablauf" der Geschehnisse - auch zwischen der Entdeckung und der Bekanntmachung, teilte Lagarde mit.

Systemanalyse: Außerdem werde der Bericht auch eine erste Bewertung enthalten zu den internen Risikokontrollsystemen bei der Société Générale. Über die Untersuchungsergebnisse berichtet Lagarde auch im Finanzausschuss des französischen Parlaments.

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