Eine Bank ist kein Wohltätigkeitsverein. Oder doch? Ein Beispiel aus Wien: die Zweite Wiener Vereins-Sparcasse, ein Projekt der österreichischen Spar-Casse Privatstiftung.
WIEN. Die nass gewischten Steinfliesen, die aufrechten und stets spindeldürren Bürogummibäume vor den Fenstern, das unscheinbare Haus im nicht eben vornehmen zweiten Wiener Bezirk, das alles erinnert an eine Behörde. Eine kleine Beobachtungskamera ist auf die Besucherstühle gerichtet. Es riecht nach schwarzem Kaffee, der im Nebenzimmer durch die Maschine tropft. Nichts deutet darauf hin, dass dies die Versuchsanordnung für ein Experiment ist, das die Bankenszene verändern könnte.
Dort, wo der L-förmige Raum einen Knick macht, liegt strapazierfähiger Teppich, darauf steht ein moderner Schreibtisch, darauf ein Flachbildschirm. Erika Heiling sitzt dahinter, setzt ihr strahlendstes Lächeln auf und begrüßt einen jungen Mann, der die Rappermütze tief in die Stirn gezogen hat. Heiling ist von 8 bis 16 Uhr Filialleiterin bei der österreichischen Ersten Bank, jenem Spitzeninstitut der Sparkassen, das an der Börse im Wien derzeit rund 17,8 Milliarden Euro auf die Waage bringt.
Nach 16 Uhr wechselt Heiling in die „Zweite“, wie die Filiale im zweiten Bezirk bei den Mitarbeitern genannt wird. Dort kümmert sie sich ehrenamtlich um diejenigen, die bei der „Ersten“ keine Chance haben. Um Pleitiers und Pechvögel. Um Mütter, die keine Unterhaltszahlung bekommen. Um Manager, die Privatkonkurs angemeldet haben. Oder wie im Fall des jungen Rappers um solche, die Miete, Handyrechnung und Versandhausforderungen früh in den Ruin getrieben haben. „Es sind Menschen, deren finanzielles Kartenhaus zusammengebrochen ist“, sagt Heiling. Sie gibt ihnen, was auf deren Wunschliste ganz oben steht: ein Konto mitsamt Plastikkarte für den Geldautomaten.
Die Zweite Wiener Vereins-Sparcasse, wie sich die Bank für Bedürftige nennt, ist ein Projekt der österreichischen Spar-Casse Privatstiftung, die mit 30,5 Prozent die größte Aktionärin der Ersten Bank ist. Sie gehört mit ihrem Aktienpaket zu den reichsten Stiftungen Europas. Allein die Dividende, die in dem steuerschonenden Stiftungsmodell hängen bleibt, beträgt in diesem Jahr voraussichtlich 56 Millionen Euro. 5,8 Millionen hat die Stiftung nun für zunächst vier Jahre zur Verfügung gestellt, um die Zweite Bank zum Laufen und Pleitiers wieder auf die Beine zu bringen. „Kein Konto zu haben, bedeutet ausgegrenzt zu sein“, sagt Martin Litschauer, Berater bei der Wiener Caritas und Mitinitiator des Projekts. Caritas und Schuldenberatung schicken ihre Fälle hierher. Wer keine Empfehlung einer dieser beiden Organisationen vorweist, dem kann auch Heiling nicht helfen. Wer dagegen von dort geschickt wird, bekommt garantiert ein Konto: für drei Jahre, ohne Überziehungsmöglichkeit, aber mit bescheidenen Zinserträgen. Wer sich dann saniert hat, der kann wieder zur Ersten Bank oder einem anderen Institut wechseln.
170 aktive und ehemalige Mitarbeiter der Ersten Bank haben sich bislang gemeldet, um so wie die freundliche Frau Heiling ohne Bezahlung drei bis fünf Stunden im Monat Kunden zu beraten, die sie ansonsten vor die Tür setzen müssten. 12 000 sind das nach Schätzungen der Bank allein in Wien. Was treibt Banker, die ansonsten jede Überstunde penibel notieren, zu ihrer Zusatzaufgabe? Sind sie auf Sinnsuche, wie das Wiener Stadtmagazin „Falter“, in dessen Weltbild wohltätige Banker eher ein Fremdkörper sind, erstaunt notierte?
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