Die Krise lässt auch die Zahl der in den USA tätigen Kreditvermittler schrumpfen. Immer mehr wechseln die Seite: Die ehemaligen Kreditverkäufer beraten nun Schuldner, um die Zwangsversteigerung abzuwenden.
BOSTON. Hypothekenvermittler wie Bill Whitehouse lebten während des Immobilienbooms richtig gut - von Provisionen und laxen Darlehenskonditionen. Nun, da die Hypotheken massenhaft ausfallen und die Kreditvolumen einbrechen, haben einige ehemalige Kreditverkäufer mangels Jobs die Seiten gewechselt: Ihr neuer Beruf: Sie beraten Schuldner dabei, die Zwangsversteigerung abzuwenden.
Ex-Makler Whitehouse erinnert sich noch an sein Bewerbungsgespräch bei der gemeinnützigen Organisation Neighborhood Assistance Corp. of America in Boston. Seinem Boss sagte er: "Nicht jeder von uns hat die eigenen Kinder gegessen und das Blut ausgespuckt." Whitehouse fing im Oktober bei Neighborhood Assistance als Hypothekenberater an. Zuvor hatte er 15 Jahre Immobiliendarlehen vermittelt, zuletzt bei einer mittlerweile pleite gegangenen Firma in Braintree im Bundesstaat Massachusetts. Nun verbringt er seine Arbeitstage mit der Schuldnerberatung. Er versucht Menschen zu helfen, die ihre Monatsraten nicht mehr aufbringen können, versucht Kredite umzuschulden oder die monatliche Belastung auf andere Weise zu verringern.
Infografik: Zahl der in den USA tätigen Kredit-Vermittler, in Tausend
Während die Hypothekenbranche derzeit schrumpft, expandieren viele gemeinnützige Organisationen. Sie müssen mit der anschwellenden Zahl säumiger Schuldner fertig werden, die Rat suchen, wie sie ihre Häuser halten können. Der Kongress hat bereits 180 Millionen Dollar für die Schuldnerberatung bewilligt. Das Ziel: Zwangsversteigerungen zu verhindern. Die gemeinnützige Organisation Neighbor-Works America verteilt das Geld an die Bundesstaaten und staatlich geprüften Beratungsstellen. Die Bundesregierung in Washington hat für das nächste Haushaltsjahr bereits weitere 25 Millionen Dollar angefordert, und im Kongress mehren sich die Stimmen, diese Summen deutlich aufzustocken. Auch die Bundesstaaten, Banken und Stiftungen haben bereits finanzielle Hilfen zugesagt.
Hypothekenfachmann Whitehouse kam bei seinem neuen Arbeitgeber gut an. Sein Boss Bruce Marks sagt, Kreditvermittler seien oftmals auch gute Schuldenberater. Denn sie seien es gewohnt, mit großem Engagement Probleme zu lösen. Das sei bei dem Aushandeln von Umschuldungen oder Änderungen der Kreditkonditionen von Vorteil.
Kritiker stehen den Seitenwechslern reserviert gegenüber. "Einige von denen sind genau die Burschen, die uns diesen Schlamassel beschert haben", sagt Michael van Zalingen, Direktor bei Neighborhood Housing Services of Chicago. Er stelle keine Leute ein, die nur solange überwintern wollten, "bis sie wieder dicke Provisionen kassieren können".
Obwohl die Schuldnerberatung von Immobilienbesitzern derzeit floriert, wird dieser Boom wahrscheinlich nicht lange anhalten. "Das wird etwa 18 Monate wie Hölle laufen", sagt Chris Krehmeyer, Vorstandschef von Beyond Housing, einer gemeinnützigen Organisation, die Hypothekenberatung in St. Louis anbietet. "Dann wird es nachlassen." Derzeit will Krehmeyer sein Personal jedenfalls rasch aufstocken.
Genau lässt sich die Zahl derer nicht beziffern, die Immobilienbesitzer in Zahlungsschwierigkeiten beraten. Nach Angaben der Nationalen Stiftung der Schuldnerberater gibt es derzeit landesweit rund 1 440 zertifizierte Hypothekenberater, etwa 25 Prozent mehr als vor Jahresfrist.
Springboard (Sprungbrett), eine gemeinnützige Organisation in Riverside, Kalifornien, beschäftigt derzeit rund 50 Berater, die sich speziell darum kümmern, Zwangsversteigerungen abzuwenden. Springboard-Manager Gary Aguilar will bis Ende April 25 weitere Berater einstellen. Die meisten Bewerber - und neuen Kollegen - hätten früher als Hypothekenvermittler oder Kreditsachbearbeiter oder anderswo im Immobilien- oder Finanzbereich gearbeitet.
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