Auf der Suche nach Wachstum außerhalb gesättigter Heimatmärkte expandieren westliche Versicherer verstärkt in Indien. Pioniere wie Allianz, Prudential oder ING haben in den sieben Jahren seit Öffnung der Branche dort überraschende Erfolge erzielt. Nun schwappt eine zweite Welle ins Land.
Eine Tochtergesellschaft der Münchener Rück kooperiert mit dem indischen Krankenhausbetreiber Apollo Hospitals. Foto: dpa
DELHI. Italiens Generali startet mit dem Einzelhändler Future Group als Partner. Dai-ichi und Sompo aus Japan haben sich mit Staatsbanken zusammen getan. Aus Holland drängen Fortis und Aegon in den explosionsartig wachsenden Markt. Einen Teil davon will sich auch die Münchener-Rück-Gruppe sichern. Noch bremst zwar ein restriktiver Rechtsrahmen einen deutlichen Ausbau des Rückversicherungsgeschäftes. „Doch wir sehen Bewegung“, sagt Vorstandsvorsitzender Nikolaus von Bomhard. Er hofft dieses Jahr auf einen Durchbruch, der Ausländern besseren Marktzugang gewährt. Derzeit sind ihnen nur Repräsentanzen erlaubt.
Für das unter der Holding Ergo gebündelte Erstversicherungsgeschäft der Münchener dagegen ist Indien heute schon ein Brückenkopf für eine strategische Asien-Expansion: Bis Jahresende sollen Partner für eine Lebens- und eine Sachtochter gefunden sein. Der hauseigene Krankenversicherer DKV ist schon am Markt und schreibt ab September erste Policen. Gemeinsam mit Apollo Hospitals, Indiens größtem Gesundheitsdienstleister, sind bis 2010 hundert Niederlassungen geplant. „Es wäre eine Enttäuschung, würden wir in drei Jahren weniger als eine Million Policen schreiben“, umreißt der fürs Auslandsgeschäft zuständige DKV-Vorstand Jochen Messemer ein aggressives Ziel. Das Potenzial sei riesig: Schließlich sind erst zwei Prozent der Inder krankenversichert.
Apollo-DKV muss sich als Indiens erster reiner Krankenversicherer bewähren, und das ist eine Herausforderung. Breiter aufgestellt Rivalen nutzen subventionierte Gesundheitspolicen als Köder für ihr Sach- oder Lebensgeschäft. Messemer sieht jedoch einen Trend zu an Risiken orientierten Preisen. Zudem will er Inder mit neuen Diensten locken: Als erster Anbieter plant Apollo-DKV, neben stationärer auch ambulante Versorgung abzusichern. Auch Vorsorge und Wellness sind wichtiger Teil geplanter Produkte.
Ausländer dürfen nur 26 Prozent an indischen Versicherern halten. Eine versprochene Erhöhung der Beteiligungsgrenze auf 49 Prozent scheitert am Widerstand von Linksparteien. Dennoch steht das Land im Fokus der Branche angesichts eines Wirtschaftswachstums von acht bis neun Prozent sowie einer wachsenden Mittelschicht mit zunehmend westlichen Konsumbedürfnissen. Der Markt ist zwar kleiner als in China. Aber laut eines Reports der Bank HSBC bietet er westlichen Versicherern bessere Wachstums- und vor allem Gewinnaussichten. Die HSBC-Analysten erwarten, dass das Lebensversicherungsgeschäft in Indien bis 2035 Japan, die USA und China überrundet. Ebenso wichtig: Joint-Ventures mit Ausländern gehören schon 28 Prozent des Markts, während sie in der Volksrepublik nur schleppend Fortschritte machen. „China ist für alle schwierig“, gibt Messemer zu. Dort ist die DKV mit dem staatlichen Partner PICC aktiv, und die Mutter Ergo plant den Einstieg ins Lebens- und Sachgeschäft.
Früher gestartete Rivalen wie AIG, Axa oder Allianz genießen einen Vorsprung auf Wachstumsmärkten, den die Münchner Rück-Gruppe mit der Expansion in Asien verringern möchte. Im Erstversicherungsgeschäft will sich das Management auf China und Indien konzentrieren. Später könnten Südkorea, Taiwan oder große Asean-Staaten ins Visier rücken. Vorreiter dürfte wieder die DKV spielen – unterstützt von Apollo Hospitals: „Wir möchten unsere Partnerschaft auf andere asiatische Märkte ausdehnen“, erklärt Messemer. In Südostasien verspricht er sich ähnliche Synergien von der Zusammenführung von Versicherung mit medizinischer Versorgung.
Asien Märkte sind extrem preissensibel, und als in Westeuropa verwurzelter Qualitätsanbieter muss die Ergo-Gruppe dort umdenken. Darin liegt eine Chance: „Beim Einstieg ins indische Massengeschäft können wir Dinge lernen, die uns anderswo nutzen“, glaubt Messemer, etwa den Umgang mit Mikro-Versicherungen für ärmere Schichten. Eine weitere Idee: Apollo betreibt neben 42 Hospitälern 600 Apotheken. „Auch für Europa könnte dieser Vertriebsweg interessant werden“, meint der DKV-Vorstand.
An eines denkt sein Konzern allerdings noch nicht: Das bei angelsächsischen Konkurrenten beliebte Auslagern von IT-Support, Rechnungswesen oder statistischen Berechnungen in Billiglohnländer wie Indien. „Wir studieren das“, sagt Konzern-Chef von Bomhard, „aber bislang macht es keinen Sinn für uns.“

