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28.01.2008 
Nach Entdeckung von Jérôme Kerviels Käufen

Insiderverdacht bei der Société Générale

Die Anwälte des ehemaligen Derivate-Händlers der Société Générale, Jérôme Kerviel, haben die Gegenoffensive gestartet. Nicht der Händler, sondern die Bank sei für die 4,82 Milliarden Euro Verluste verantwortlich zu machen, argumentieren sie. Unterdessen gibt es in dem Fall jetzt eine weitere Anzeige. Sie betrifft den Verwaltungsrat der Bank.

Firmenschild vor der Zentrale der französischen Großbank Société Générale in Paris. Foto: dpaLupe

Firmenschild vor der Zentrale der französischen Großbank Société Générale in Paris. Foto: dpa

ali/HB PARIS. Bei der Société Générale gibt es nach den Milliardenverlusten am Terminmarkt jetzt auch den Verdacht des Insiderhandels. Im Namen von rund 100 Kleinanlegern hat ein Pariser Anwalt am Montag Anzeige wegen Kursmanipulation und Insiderhandels erstattet. Im Visier steht das Verwaltungsratsmitglied Robert Day. Der Präsident der US Trust Company -Investmentfirma of the West (TCW) hatte am 9. Januar für 85,74 Mill. Euro Aktien der französischen Großbank verkauft.

Day hatte seine Aktien im Schnitt zum Kurs von 95,30 Euro verkauft. Seitdem ist der Kurs eingebrochen. Am Montagnachmittag kostete die Aktie 69,85 Euro. Allerdings galten Bankwerte und insbesondere die Société Générale seit langem wegen der Hypothekenkrise als Risikowerte, so dass Days Verkaufsentscheidung nicht unmittelbar verdächtig ist. Im Mai 2007 hatte die Aktie noch 162 Euro gekostet.

Kerviels Anwälte argumentieren derweil, die Bank nutze das Chaos um die Vorgänge, um von Subprime-Verlusten abzulenken. Vor dessen angeblichem Treiben soll das Institut schon vor geraumer Zeit gewarnt worden sein. "Die Bank hat seine Positionen in einem furchtbaren Marktumfeld verkauft, daher trägt die Bank die Verantwortung für die Verluste", erklärte Christian Cahrrière-Bournazel, Anwalt von Jérôme Kerviel. Der Anwalt unterstrich, dass sein Mandat sich nicht bereichert habe. "Er hat nichts als seine Arbeit gemacht, und versucht, Gutes zu tun", so der Anwalt.


Bildergalerie Nick Leeson, Jérôme Kerviel & Co.: die größten Händlerskandale


Kerviel hatte ohne Befugnis seiner Vorgesetzten auf steigende Indizes gewettet. Dazu hat er Anfang Januar so genannte Future-Kontrakte auf die Indizes Euro Stoxx, Dax und Footsie in einem Gesamtvolumen von 50 Milliarden Euro gekauft. Um seine verbotenen Geschäfte vor den internen Kontrollen zu verstecken, hat er die Risiken mit fiktiven Gegenbuchungen kaschiert, bis die Sache am Freitag, 18. Januar aufflog. Montag bis Mittwoch darauf hat die Bank die Positionen aufgelöst und die Future-Kontrakte nach und nach verkauft. Dabei fiel ein Verlust von 4,82 Milliarden Euro an. Nun muss die Bank ihr Kapital um 5,5 Milliarden Euro erhöhen, um die angegriffene Eigenkapitaldecke nachzubessern.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Anwalt wirft Bank vor, in Panik verkauft zu haben

Laut dem Anwalt von Kerviel habe die Bank die Positionen vorschnell aufgelöst und in fallende Märkte in Panik verkauft. Ferner würde die Bank die Vorgänge dazu nutzen, von ihren eigenen Verlusten von zwei Milliarden Euro im Zuge der US-Hypothekenbank-Krise abzulenken. Konzernchef Daniel Bouton wies das am Montag zurück. "Wie soll man sich vorstellen, dass wir ein Loch mit einem anderen versteckt haben? Das ist völlig idiotisch."

Der Vorstand der Société Générale hat dagegen stets argumentiert, dass die Bank keine andere Wahl hatte, als möglichst schnell die offene Position von 50 Milliarden Euro zu verkaufen. Wenn die Märkte davon erfahren hätten, hätte der Gesamtmarkt gegen die Bank gewettet; die Verluste hätten dann für die Bank Existenz bedrohend werden können. Die Future-Verträge sind in der Wert-Entwicklung an die Indizes gekoppelt, aber in einer überproportionalen Weise. Ein Punkt Verlust im Dax kostet zum Beispiel 25 Euro.

Hätten die Märkte von den offenen Wetten erfahren, hätten Hedge-Fonds-Manager mit Leerverkäufen die Indizes noch weiter nach unten prügeln können, im Wissen, dass die Bank für sie unvorteilhafte Future-Positionen unbedingt loswerden muss.

Der französische Notenbankchef Christian Noyer hat die Regierung erst mit deutlicher Verzögerung über den Betrugsfall bei der Société Générale informiert. Er habe damit die Gefahr von undichten Stellen abwenden wollen, während die SocGen die Positionen abgewickelt habe, sagte Noyer am Montag. Er selbst sei am vorvergangenen Sonntag, dem 20. Januar, über die Vorfälle bei der SocGen informiert worden. Die Regierung habe er aber erst am darauffolgenden Mittwoch in Kenntnis gesetzt.

Kerviel ist seit Samstag nachmittag in Untersuchungshaft bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Finanzen in Paris. Diese hat am Montag die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gefordert. "Er räumte zahlreiche Aktivitäten ein", sagte Staatsanwalt Jean-Claude Marin. Der 31-Jährige habe "nicht zum eigenen Vorteil" gehandelt, sondern ein "außergewöhnlicher Broker" sein wollen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Es gibt keine Hinweise auf Mittäter

Die ersten Ermittlungen zeigten, dass Kerviel alleine vorgegangen sei, es habe keine Hinweise auf eine Mittäterschaft gegeben, erklärte Marin vor Reportern. Gegen ihn solle wegen Fälschung, Betrugs und Vertrauensbruchs ein vorläufiges Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Darüber musste im Laufe des Tages ein Richter entscheiden.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat die Terminbörse Eurex die Société Générale bereits im November 2007 vor fraglichen Positionen des Händlers Jerome Kerviel gewarnt. Die Bank habe Kerviel darauf angesprochen. Der Händler habe aber ein gefälschtes Dokument vorgelegt, das eine Abdeckung der Risiken vorgetäuscht habe.

Die Bank hatte den angeblich von Kerviel angerichteten Schaden am Montag leicht nach unten auf 4,82 Mrd. Euro korrigiert. Die Aufdeckung des Skandals hatte in der Finanzwelt ein Beben ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob der Broker tatsächlich völlig eigenständig gehandelt hatte.

Die Aktien der Société Générale gingen am Montag wieder auf Sturzflug. Auslöser war die Aussage der Regierung, sie werde die Bank vor einer feindlichen Übernahme schützen. Am Vormittag fiel das Papier um rund 7,4 Prozent auf 68,41 Euro. Die Citigroup senkte ihr Kursziel für die Aktie von 130 auf 65 Euro. Die Société Générale steht auch wegen anderer Affären im Blickpunkt. Vom 4. Februar an muss sie sich einem Prozess wegen Geldwäsche stellen.


Weblogs zum Thema:

» Econoclaste: "Société Générale: que s'est-il passé?"
» 59 Secondes: "Le César de la meilleure communication de crise est attribué à? la Société Générale évidemment"
» Jojo13: "La Société Générale est responsable du mini krach"
» Blog Le Figaro: "Fraude à la Société Générale : Fillon se veut rassurant"
» Blastblog: "Société Générale, le syndrome Kayser Sozé"
» Blog 20 minutes de Mr Bertelle Nicolas: "Que pensez vous de l'affaire de la Société Générale ? "
» L'express: "Une histoire française"
» Actionnaire Individuel: "Société Générale : banque de détail, moins bien que prévu ?"

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