Die Wall Street bereitet sich auf ihre erste Schreckensbilanz des neuen Jahres vor; Analysten überbieten sich mit düsteren Prophezeiungen: die Gewinne brechen ein, neue Abschreibungen auf riskante Kreditderivate kommen hinzu. Der von der Finanzkrise ausgelöste Negativtrend erfasst jetzt auch jene Institute, die bislang nahezu ungeschoren davonkamen.
NEW YORK. Die Experten erwarten für die beiden Spitzeninstitute Goldman Sachs und Lehman Brothers
die schlechtesten Quartalsergebnisse seit Jahren. "Alle Welt weiß, dass dieses Quartal für Goldman böse enden wird", sagte Glenn Schorr, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS
, in einem Interview.
Meredith Whitney vom Investmenthaus Oppenheimer & Co. hat ihre Gewinnerwartung von zuvor sechs auf vier Dollar je Aktie nach unten korrigiert. Gegenüber dem Vorjahr wäre das ein Ergebniseinbruch von 34 Prozent. Ihr Kollege Guy Moszkowski von Merrill Lynch
sagt sogar einen Gewinnschwund von 41 Prozent voraus. Bislang hatten die Goldmänner der verblüfften Konkurrenz vorgemacht, wie man selbst mitten in einem Finanz-Tsunami seine Risiken erfolgreich managen kann. Goldman-Finanzvorstand David Viniar hatte die Investoren allerdings bereits davor gewarnt, von seiner Bank immer neue Glanzleistungen zu erwarten. Am stärksten wird die Bilanz von Goldman durch offene Übernahmefinanzierungen in Höhe von 42 Mrd. Dollar belastet. Dabei handelt es sich meist um Kreditzusagen für stark gehebelte Buy-outs, die sich entweder gar nicht oder nur mit großen Preisabschlägen an Investoren weiterverkaufen lassen. Experten sehen hier einen Abschreibungsbedarf von bis zu drei Mrd. Dollar. Hinzu kommen Wertberichtigungen auf die eigenen Private-Equity-Investitionen. Die Wirtschaftsprüfer werden die Messlatte hier sehr genau anlegen, um einen realistischen Marktwert zu ermitteln. Die Analysten der Deutschen Bank
schätzen den Korrekturbedarf bei Goldman auf 900 Mill. Dollar.
Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe drohen Goldman Sachs auch auf Hypothekenkredite für Gewerbeimmobilien. Hat die Kreditklemme doch viele Immobilienunternehmer in den Schwitzkasten genommen und deren Refinanzierungspläne zunichte gemacht. Noch nicht absehbar sind dagegen die Risiken von sogenannten "variable interest entities" (VIEs). Dabei handelt es sich ähnlich wie bei den inzwischen berüchtigten "structured investment vehicles" (SIVs) um bankeigene Zweckgesellschaften, die sich über kurzfristige Schuldverschreibungen finanzieren.
Die Vermögenswerte dieser Vehikel sind durch die Krise der Anleiheversicherer unter Druck geraten. Goldman soll nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg das Verlustpotential aus diesen Finanzkonstrukten auf rund elf Mrd. Dollar beziffert haben. "Dabei handelt es sich aber keinesfalls um zu erwartende Verluste", sagte ein Goldman-Sprecher. Er wies zugleich auf gegenläufige Absicherungsgeschäfte der Bank hin.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Bild der Branche wird zurechtgerückt.
Lehman Brothers
müsse für ein VIE-Portfolio von 7,5 Mrd. Dollar geradestehen, heißt es. Lehman Brothers
wird außerdem durch das Engagement auf dem gewerblichen Immobilienmarkt gebeutelt. "Wir spüren den Preisdruck", heißt es in der Bank. Kredite in Höhe von fast 40 Mrd. Dollar hält Lehman in ihrem Portfolio. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" hat sich Lehman bereits mit Abschreibungen von insgesamt 1,3 Mrd. Dollar abgefunden. Ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Verlust von 830 Mill. Dollar im Schlussquartal 2007.
Um das Bild der Branche wieder zurechtzurücken, hat Goldman-Analyst William Tanona nun seinerseits die Gewinne der Konkurrenz massenhaft nach unten korrigiert. Von Merrill Lynch
über Lehman, Morgan Stanley
, Bear Stearns
bis hin zur Citigroup
und JP Morgan
reicht die Schreckensliste. Knüppeldick kommt es demnach noch einmal für die Citigroup
. Tanona sagt für die größte Geschäftsbank in den USA weitere Abschreibungen auf Kreditderivate von zwölf Mrd. Dollar voraus. Der Quartalsgewinn des Konzerns soll um zwei Drittel sinken. Oppenheimer-Analystin Whitney prophezeit gar ein Minus von 1,6 Mrd. Dollar - das wäre der zweite Konzernverlust hintereinander.
Da die Verluste im Kreditgeschäft nicht mehr durch hohe Einnahmen im Investment-Banking aufgefangen werden, geraten viele Banken unter Kostendruck. Im zweiten Halbjahr 2007 haben US-Finanzhäuser bereits mehr als 52 000 Stellen abgebaut. "Es ist noch nicht vorbei. In den nächsten zwei Quartalen wird es weiter Jobverluste geben", warnt Michael Karp, Chef der Personalberatung Options Group. "Wir trennen uns jedes Jahr von den zehn Prozent der Schwächsten", sagt ein Goldman-Mitarbeiter, "in diesem Jahr könnten es etwas mehr sein."

