Die amerikanische Technologiebörse Nasdaq möchte ihren 31-prozentigen Anteil an der Londoner Börse (LSE) verkaufen. Doch Nasdaq findet für ihr Aktienpaket keinen Abnehmer – mittlerweile ist nach Informationen aus Finanzkreisen mit dem Scheichtum Katar nur noch ein ernsthafter Interessent übrig geblieben.
HB LONDON. Clara Furse, die Chefin der Londoner Börse (LSE), macht dem US-Konkurrenten Nasdaq das Leben auch nach den gescheiterten Übernahmeversuchen im vergangenen Jahr schwer. Weil Furse nach wie vor eisern die Unabhängigkeit der LSE verteidigt, tut sich die US-Technologiebörse mit dem Verkauf ihres Anteils von 31 Prozent an den Londonern ausgesprochen schwer. An der Börse ist das Paket derzeit etwa 870 Mill. Pfund wert. Den Kreisen zufolge würde die Nasdaq gerne einen Preis von einer Mrd. Pfund für ihren Anteil erzielen.
Das Paket der Nasdaq stammt aus dem Übernahmekampf im vergangenen Jahr, als die US-Technologiebörse vergeblich versuchte, den Londoner Konkurrenten zu kaufen. Nachdem Nasdaq-Chef Bob Greifeld bei der LSE abgeblitzt ist, versucht er nun, die skandinavische Börse OMX zu übernehmen, sieht sich hier aber mit einem höheren Gegengebot des Scheichtums Dubai konfrontiert. Während die Amerikaner 3,7 Mrd. Euro für die OMX auf den Tisch legen wollen, bietet Dubai vier Mrd. Euro.
Analysten gehen davon aus, dass sich die Nasdaq zum Verkauf ihres Anteils an der LSE entschlossen hat, um sich finanziellen Spielraum im Kampf um die OMX zu verschaffen, auch wenn die Amerikaner diesen Zusammenhang bestreiten.
Die Nasdaq würde ihre 31 Prozent an der LSE am liebsten im Paket verkaufen, weil sie sich davon den höchsten Preis verspricht. Dagegen würde es die LSE nach Informationen aus Finanzkreisen am liebsten sehen, wenn der Anteil breiter gestreut wird. Börsenchefin Furse habe kein Interesse an einem neuen Großaktionär, der möglicherweise einen neuen Übernahmeversuch startet, hieß es. Die Börsenszene erlebt in jüngster Zeit einen rasanten Konsolidierungsprozess. Im April hatte der New Yorker Marktbetreiber Nyse die europäische Mehrländerbörse Euronext gekauft. Die LSE ist dabei, den italienischen Rivalen Borsa Italiana zu übernehmen. Bislang scheint Furse mit ihrer Hinhaltetaktik Erfolg zu haben. Die Deutsche Börse, die wie die Nasdaq vergeblich versucht hatte, die LSE zu übernehmen, ließ wissen, dass sie kein Interesse an dem Paket der Amerikaner habe.
Auch die italienische Stiftung der Bank Monte dei Paschi di Siena teilte offiziell mit, dass sie nicht mehr für einen Anteil an der LSE bieten wolle. Ursprünglich wollten die Investoren aus Siena gemeinsam mit zwei Sparkassen-Stiftungen aus Turin (CRT), Florenz (CR Firenze) und Mailand (Cariplo) und dem Fonds Clessidra für einen Teil der 31 Prozent der Nasdaq bieten, wie es in italienischen Finanzkreisen hieß. Beobachter gehen davon aus, dass sich mit der Monte dei Paschi-Stiftung auch die anderen Stiftungen und Clessidra zurückziehen.
Eine offizielle Begründung gab es für den Rückzug der Monte dei Paschi nicht. Angeblich soll sich die LSE gegen den Eintritt der Italiener wehren, da mit der Übernahme der Mailänder Börse durch die Londoner bereits 29 Prozent der neuen Holding in den Händen der Borsa Italiana liegen werden. Für eine börsennotierte Börse wie die LSE seien so viele institutionelle italienische Investoren nicht günstig. In London hieß es dagegen, dass die Italiener nicht bereit seien, den von der Nasdaq geforderten Paket-Aufschlag zu bezahlen und lieber später zukaufen würden.
Nach den Absagen bleibt die vom Golfstaat Katar kontrollierte Qatari Investment Authority als einziger ernsthafter Interessent übrig. Hinter den Kulissen haben Vertreter des Fonds bereits klar gemacht, dass sie ein Engagement bei der LSE als strategisches Investment sehen würden, aber nicht als Sprungbrett für einen Übernahmeversuch. Noch sei allerdings unklar, ob es tatsächlich ein offizielles Angebot geben werde, das hänge ganz vom Preis ab, den die Nasdaq fordere.

