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22.09.2008 
Interview mit Ulrich Schröder

KfW-Chef: „Ein unentschuldbarer Vorgang“

von Nicole Bastian und Oliver Stock

Nach der millionenschweren Überweisungspanne an die insolvente US-Investmentbank Lehman rechnet der Chef der staatlichen KfW-Bank, Ulrich Schröder, für das Gesamtjahr 2008 mit roten Zahlen. Im Handelsblatt-Interview spricht Schröder erstmals über die peinliche Millionenüberweisung und die Konsequenzen für die staatliche Förderbank.

"Unentschuldbar" nennt KfW-Chef Ulrich Schröder die Überweisungspanne. Foto: apLupe

"Unentschuldbar" nennt KfW-Chef Ulrich Schröder die Überweisungspanne. Foto: ap

Herr Schröder, wie ist es genau passiert, dass die KfW um rund 350 Mio. Euro ärmer geworden ist?

Wie viel die KfW tatsächlich bei diesem Geschäft verloren hat, steht erst fest, wenn die Insolvenzquote bekannt ist. Aber zur Sache: Wir haben am 10. Juli mit Lehman einen Währungsswap abgeschlossen. Wie bei solchen Transaktionen üblich, erfolgt dabei zunächst ein Hintausch von Währungen, der mit einem Termingeschäft für den Rücktausch verbunden ist. Bei der KfW läuft das so, dass Hin- und Rücktausch in elektronische Systeme eingespeist werden. Der Hintausch erfolgte am 14. Juli ordnungsmäß und der Rücktausch war vertragsgemäß für den 15. September programmiert.

Den hätten Sie stoppen müssen . . .

... als sich die Lage bei Lehman verschärfte, gab es am 12. September, das war Freitag, eine Sitzung der verantwortlichen Abteilungen, um die Situation zu analysieren. Dort wurde, das war der erste Fehler, nicht das offene Settlementrisiko gesehen. Der zweite Fehler war, dass angesichts der Datenlage zu Lehman am Freitag hätte beschlossen werden müssen, über das Wochenende die Situation zu verfolgen und im Zweifelsfall einzugreifen. Das ist nicht geschehen.

Stattdessen sind alle nach Hause gegangen?

Die Situation ist über das Wochenende nicht überwacht worden. Das Fortsetzungsmeeting war für Montagmorgen um 9.30 Uhr angesetzt. Die Zahlung hatte aber um 8.37 Uhr das Haus verlassen. Das heißt, die Ausführung der Zahlung hätte am Wochenende oder am frühen Montagmorgen gestoppt werden müssen. Und da setzen zu Recht die Vorwürfe ein.

Wann haben Sie davon erfahren?

Ich habe am Montag um 9 Uhr angerufen, um mich zu erkundigen, wie unser Exposure bei Lehman ist. Ich wurde darüber informiert, dass wir ein Wertpapierexposure von 186 Mill. Euro haben, aber auch darüber in Kenntnis gesetzt, dass 320 Mill. Euro bereits am morgen das Haus verlassen hatten.

Haben Sie erst einmal einen Schnaps trinken müssen?

Ich habe umgehend die beiden Staatssekretäre im Finanz- und Wirtschaftsministerium angerufen, da ich den Vorgang für so gravierend hielt, die Eigentümer der KfW zu informieren. Dann habe ich die Innenrevision damit beauftragt, den Vorgang zu untersuchen. Das Ergebnis lag Mittwoch vor. Ich habe es einer externen Anwaltskanzlei gegeben, um zu prüfen, ob daraus arbeitsrechtliche Konsequenzen abzuleiten sind. Der erste Eindruck war ja. Wir haben jetzt noch PricewaterhouseCoopers gebeten, die Feststellung der Innenrevision zu bewerten. Da aber die ersten Ergebnisse schon gravierend waren, ist am Donnerstag im Verwaltungsrat die Entscheidung gefallen, drei Verantwortliche zu suspendieren.

Wie verantwortlich fühlen Sie sich selbst?

Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich nach elf Arbeitstagen in einer neuen Bank noch nicht mit allen Einzelprozessen im Haus so vertraut bin, dass ich hier hätte frühzeitig eingreifen können. Dies gilt insbesondere für Angelegenheiten, die außerhalb meines eigenen Verantwortungsbereiches liegen. Dennoch beschleunigt dieser unentschuldbare Vorgang die von mir bereits geplante Überprüfung von Strukturen und Prozessen der KfW - und hierbei besonderes die des Risikomanagements. Ich hatte bereits in meinen ersten Gesprächen mit den Ministern, die mich eingestellt haben, darauf hingewiesen, dass ich dem Risikomanagement eine besondere Bedeutung beimesse, dies besonders nachdem die IKB der KfW viel Geld und Reputation gekostet hatte.

Warum hat eine deutsche Förderbank überhaupt Bankschuldverschreibungen von Lehman in ihren Büchern?

Die KfW refinanziert sich in diesem Jahr mit einem Refinanzierungsvolumen von ca. 75 Mrd. EUR auf den internationalen Kapitalmärkten - übrigens mit Refinanzierungsergebnissen, die u.a. dem deutschen Mittelstand sehr zu Gute kommen. Da wir damit rechnen müssen, dass wir nicht zu jedem Zeitpunkt Mittel am Kapitalmarkt aufnehmen können, müssen wir - wie jede andere Bank auch - Liquidität in Form von Wertpapieren vorhalten; und dies möglichst breit diversifiziert. In dieser Liquiditätsreserve sind daher auch Wertpapiere der bislang renommierten Investmentbank Lehman Brothers enthalten. Aber, das ist meine feste Überzeugung, eine Förderbank muss sich bei der Auswahl ihrer Wertpapiere sehr konservativ verhalten, das tun wir auch bereits. Wir haben schon vor geraumer Zeit aufgehört, in neue Wertpapiere von Lehman Brothers zu investieren. Gleichwohl: Das ist ein Thema, das wir im Rahmen der Überprüfung unseres Risikomanagements kritisch durchleuchten müssen.

Heißt das, die KfW wird in Ihrer Anlagepolitik konservativer?

Ich glaube, dass wir sehr gut beraten sind vor dem Hintergrund der Erfahrungen der aktuellen Situation unsere gesamte Geschäftspolitik noch konservativer zu fahren.

Klingt abstrakt, was heißt das konkret?

Wir werden das gesamte Risikomanagement kurzfristig durch einen externen Berater untersuchen lassen und daraus ableiten, wie wir unser Risikomanagement nachhaltig stärken können. Die aktuelle Situation beschleunigt außerdem mein Vorhaben eines strukturellen und personellen Neuanfangs der KfW. Ich möchte dem Verwaltungsrat in der nächsten Sitzung schon erste Vorschläge zur Verbesserung machen können.

Fürchten Sie, dass die personellen Konsequenzen Ihnen als Neuling das Ankommen in der KfW erschweren könnten?

Die Befürchtung hatte ich - und die Beurlaubung von zwei Vorständen und einem Bereichsleiter ist bestimmt nicht das, was kurzfristig Sympathie erzeugt. Aber gerade deswegen habe ich mich direkt am Freitag auf einer Personalversammlung vor das gesamte Haus gestellt und die Mitarbeiter offen über alles informiert. Ich stehe für Transparenz. Dabei habe ich den Beschäftigten aber auch gesagt, und das ist meine feste Überzeugung: Wir haben ein absolut zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Wenn wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, dann sind wir eine professionelle Topbank. Die Resonanz war sehr positiv.

Passt es zu einer Topbank, einen Verwaltungsrat mit 37 Mitgliedern vornehmlich aus der Politik zu haben?

Corporate Governance ist ein Thema bei der KfW. Ich habe dazu auch den Mitgliedern des Präsidialausschusses vor meiner Wahl einen persönlichen Brief geschrieben, um zu erläutern, welche Verbesserungen ich mir vorstellen könnte. Dennoch muss man aber auch festhalten, dass sich durch die Etablierung des neuen Präsidial- und Prüfungsausschusses die Handlungsfähigkeit deutlich verbessert hat. Und die Diskussion über weitere Veränderungen ist ja bereits im Gange

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